ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2005Katastrophenschutz: Notfallpläne gegen tödliche Erreger

POLITIK

Katastrophenschutz: Notfallpläne gegen tödliche Erreger

Dtsch Arztebl 2005; 102(38): A-2530 / B-2138 / C-2019

Niermann, Inga

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Aufwendige Schutzmaßnahmen in Schanghai 2003: Um SARS-Verdachtsfälle herauszufiltern, wird bei Pendlern die Temperatur gemessen. Foto: dpa
Aufwendige Schutzmaßnahmen in Schanghai 2003: Um SARS-Verdachtsfälle herauszufiltern, wird bei Pendlern die Temperatur gemessen. Foto: dpa
Seit dem Auftreten von SARS hat auch Deutschland die Vorsichtsmaßnahmen verschärft. Doch die Experten sind skeptisch, ob man sich in einer globalisierten Welt vor Pandemien schützen kann.

Die Lungenseuche SARS hat uns vor Augen geführt, dass in einer globalisierten Welt kein Land mehr vor tödlichen Infektionskrankheiten sicher ist. Erreger können von Flugreisenden innerhalb weniger Stunden von Kontinent zu Kontinent getragen werden und selbst für die Bevölkerung in Ländern mit höchstem medizinischen Standard zur Bedrohung werden.
Die Anzahl der SARS-Opfer blieb zwar verglichen mit der Anzahl der Todesfälle durch andere Infektionskrankheiten vergleichsweise gering. Nach WHO-Angaben erkrankten 8 096 Menschen an SARS, 744 Menschen starben. Aids, Malaria, Tuberkulose und Hepatitis forderten dagegen allein im Jahr 2004 zusammen 8,3 Millionen Todesopfer. Doch SARS (schweres akutes Atemwegssyndrom) verbreitete sich wie kein anderes Virus rasend schnell über den Globus und stellte Politiker, Katastrophenschützer und Ärzte vor neue Herausforderungen.
Um in Zukunft besser gerüstet zu sein, diskutierten Katastrophenschützer auf dem internationalen Kongress „Intercon“ Anfang September in Hamburg über Möglichkeiten der effektiven Kontrolle von biologischen Gefahren. Rund 700 Notfallmediziner und Feuerwehrleute aus 20 Ländern nahmen an dem Treffen teil.
Als in Kanada die ersten SARS-Fälle auftraten, gab es keinen Masterplan. Aber die Verantwortlichen reagierten schnell: Sie gründeten ein Kompetenzteam, bei dem fortan alle Informationen zusammenliefen, das alle Entscheidungen traf und alle Handlungsanweisungen gab. „Die Entscheidungen lagen in einer Hand und wurden pragmatisch Schritt für Schritt umgesetzt. Deshalb waren das Kompetenzteam und die Feuerwehr von Toronto so erfolgreich“, sagte Tareg Bey, Professor für innerklinische Notfallmedizin an der University of California Irvine.
Einfallstor Flughafen
Neben China, wo SARS erstmals 2002 auftrat, war Kanada am stärksten betroffen. Dort erkrankten 251 Menschen, 43 starben. Besonders heikel wurde die Situation, als die erste Person, ein Feuerwehrmann, an SARS erkrankte, ohne jemals in Kontakt mit einem Infizierten gekommen zu sein, berichtete William Stewart, Chef der Feuerwehr von Toronto. Nur mit spärlichen Informationen über das Coronavirus mussten ad hoc Schutzmaßnahmen getroffen werden. Um das besonders gefährdete Klinikpersonal zu schützen, wurde die gesamte Notfallmedizin auf den Kopf gestellt: Die Beatmungsgeräte wurde ausgetauscht, Ärzte und Krankenschwestern, die mit SARS-Patienten in Kontakt kamen, erhielten Schutzkleidung, Schutzmasken und -brillen, die aus dem Ausland beschafft werden mussten. Die Hygienemaßnahmen wurden verschärft, der Gesundheitszustand der Klinikmitarbeiter täglich kontrolliert. Bei jedem Arzt und jeder Schwester wurde morgens Fieber gemessen. Nicht alle konnten gerettet werden: Ein Arzt und zwei Schwestern starben. Mit den Kontroll- und Vorsichtsmaßnahmen gelang es aber, die Ausbreitung des Erregers außerhalb der Klinikmauern zu verhindern.
Seit dem Auftreten von SARS
sind auch die Vorsichtsmaßnahmen in Deutschland erheblich verschärft worden. Bundesweit wurden Kompetenzteams gegründet, die die möglichen Einfallstore für biologische Erreger überwachen und Notfallpläne bereithalten.
Große internationale Flughäfen, wie der in Frankfurt/M., gelten als am stärksten gefährdet. Dort werden jährlich 52 Millionen Passagiere abgefertigt, die Hälfte von ihnen ist Umsteiger. Sollte bei einem Passagier der Verdacht auf eine gefährliche Viruserkrankung bestehen, müsse er in der ersten halben Stunde nach der Landung festgehalten und versorgt werden. „Danach sind Passagiere nicht mehr zu identifizieren, weil die Airlines die Daten nicht herausgeben“, sagte Dr. med. Walter Gabler, leitender Betriebsarzt der Betreibergesellschaft Fraport am Frankfurter Flughafen. „Wir fordern deshalb von den Airlines, uns bei Verdachtsmomenten ihre Passagierlisten zugänglich zu machen.“
Am Flughafen Frankfurt sei zwar eine Vielzahl von Maßnahmen für den Notfall ergriffen worden. Es wurden temporäre Quarantäneunterkünfte eingerichtet, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel gegen Viren, Bakterien und Pilze angeschafft sowie Handlungsanleitungen bei Notfällen ausgearbeitet. Dennoch, so Gabler, sei der Ausbruch einer Influenza-Pandemie nicht zu verhindern. So sei es zum Beispiel rein rechtlich nicht möglich, Passagieren eines bereits gelandeten Flugzeugs aufgrund eines SARS-Verdachtsfalls den Ausstieg zu verweigern.
Auch der Einsatz von Infrarotkameras an Flughäfen, die die Körpertemperatur der Passagiere messen, ist für Gabler keine praktikable Maßnahme. Allein in Hongkong wurden 400 000 Passagiere mit Infrarotkameras gescreent. „Drei Personen wurden mit SARS-Verdacht ins Krankenhaus gebracht. Im Endeffekt wurde aber bei niemandem SARS festgestellt“, sagte Gabler. Zudem könnten Passagiere vor dem Flug fiebersenkende Medikamente eingenommen haben. Auch Appelle an Fluggäste, bei erhöhter Temperatur oder Unwohlsein die Reise nicht anzutreten, seien nahezu erfolglos. Gabler verdeutlichte zugleich, dass aufwendige Schutzmaßnahmen den Geschäftsinteressen von Airlines und Flughäfen entgegenstünden. Maßnahmen, deren Wirksamkeit fraglich sei, dürften den internationalen Flugverkehr nicht dauerhaft stören. „Wir sind überzeugt, dass Viruserkrankungen kommen werden. Wir wissen nur nicht, wann“, so Gabler.
Ähnlich äußerte sich die Leiterin des Stadtgesundheitsamtes Frankfurt, Sonja Stark. „Die Welle einer Influenza-Pandemie wird uns überrollen.“ Sorge bereiteten vor allem die großen Passagierflugzeuge wie der neue Airbus 380, der bis zu 555 Passagiere transportiert. „Die Stadt hat Maßnahmen getroffen, auch diese größere Anzahl von Passagieren in Quarantäne nehmen zu können.“
Parallel zu den Maßnahmen auf nationaler Ebene arbeitet die Europäische Union (EU) an der Verbesserung des Schutzes vor Epidemien. Das neue „European Centre for Disease Prevention and Control“ in Stockholm hat die Aufgabe, die Aktivitäten der EU-Länder aufeinander abzustimmen. Mit der Entwicklung eines EU-weiten Überwachungssystems befasst sich auch ein Forschungsprojekt, das die EU-Kommission ausgeschrieben hat. 17 Hochschulen in Europa, China und Taiwan sollen Strategien zur Kontrolle von SARS entwickeln. Beteiligt ist auch eine Forschungsgruppe der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die Richtlinien zur Kontrolle hochansteckender Krankheitserreger entwickeln soll. Inga Niermann
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