ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2005Nationales Centrum für Tumorerkrankungen: Eine neue Organisationsform für die Onkologie

THEMEN DER ZEIT

Nationales Centrum für Tumorerkrankungen: Eine neue Organisationsform für die Onkologie

Dtsch Arztebl 2005; 102(38): A-2540 / B-2144 / C-2024

Diehl, Volker; Bartram, Claus R.; Drings, Peter; Martin, Eike; Nettekoven, Gerd; Rautenstrauch, Julia; Wiestler, Otmar D.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme einer sterbenden Tumorzelle Foto: Roche
Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme einer sterbenden Tumorzelle
Foto: Roche
In Heidelberg wurden die medizinischen Teams, die Arbeitsabläufe, die Patientenströme, die Kooperation mit der Forschung sowie die räumliche Infrastruktur völlig verändert.

Die Kritik setzte bereits in den 70er-Jahren ein: Die Versorgung von Krebspatienten in Deutschland sei zersplittert, unkoordiniert und ohne Qualitätssicherung. Sie ist trotz Gründung der mehr als 40 deutschen Tumorzentren, die die Probleme lösen sollten, bis heute nicht abgeebbt.
Es gab zwar eindeutige Fortschritte, doch das ehrgeizige Ziel der Vernetzung von Klinik und Forschung haben auch die Tumorzentren nicht flächendeckend realisiert. Beim 24. Krebskongress im Jahr 2000 stellte Prof. Dr. med. Lothar Weißbach (Berlin) den Zentren insgesamt ein schlechtes Zeugnis aus: Er warf ihnen unzureichende interdisziplinäre Zusammenarbeit, Mängel bei der Früherkennung und Ineffizienz vor. Sein Fazit, die Tumorzentren hätten in der bestehenden Form keine Zukunft, hat das Bild der Zentren in der Öffentlichkeit bis heute nachhaltig beeinträchtigt.
Vorwurf: Partikularinteresse
Auch die onkologischen Fachgesellschaften bleiben nicht von Kritik verschont. Bemängelt wurde insbesondere die fehlende Bereitschaft der onkologischen Disziplinen, über die eigenen Fachgrenzen hinaus zusammenzuarbeiten. Die onkologischen Fachgesellschaften, so der Vorwurf, betrieben eine partikularistische, auf Eigeninteressen ausgerichtete Standespolitik.
In vielen Bereichen weist die Versorgung krebskranker Menschen in Deutschland nach wie vor erhebliche strukturelle Defizite auf und erzielt schlechtere Ergebnisse als in vergleichbaren Ländern. Während beispielsweise Frauen mit Brustkrebs in den USA eine 5-Jahres-Überlebensrate von 88,2 Prozent zu erwarten haben (Quelle: SEER-Bericht NCI), liegt die Rate in Deutschland nur bei 76 Prozent (Quelle: Krebs in Deutschland, RKI, Dachdokumentation Krebs). Die zum Teil berechtigte Kritik wird erst abebben, wenn folgende Veränderungen erreicht sind:
c die Bereitschaft der Ärzte zu multidisziplinärer Kooperation,
c die Ablösung der räumlichen und organisatorischen Trennzäune zwischen den Disziplinen und Versorgungsebenen durch integrative Systeme („Zentren“),
c die verbindliche Einführung transparenter, strikter Leitlinien und Qualitätsstandards im Sinne einer Zertifizierung.
Ein besonderes Defizit ist das Fehlen einer qualitätsgesicherten Ausbildung für Onkologen. Bisher ist das Schicksal eines neu diagnostizierten Krebspatienten in Deutschland häufig dem Zufall überlassen. Um auch in Deutschland einen international vergleichbaren Standard in der Onkologie zu erreichen, sollte eine Schwerpunktdisziplin „Medizinische Onkologie“ im Sinne des
in den anglo-amerikanischen Ländern und der Schweiz existierenden „Medical Oncologist“ eingerichtet werden.
Das „Comprehensive Cancer Center“ als Vorbild
In den USA hat man die Bedeutung einer integrativen onkologischen Versorgung früh erkannt. Bereits in den 60er-Jahren existierten dort etwa ein Dutzend wohldefinierter Tumorzentren, die die klinische Versorgung mit Forschungsaktivitäten auf den Gebieten der Strahlentherapie, der internistischen Onkologie und der Chirurgie verbanden und auch Grundlagenforschung betrieben. Der National Cancer Act von 1971 führte dann zur Etablierung von „Cancer Centers“, die vom National Cancer Institute (NCI) gefördert und zertifiziert wurden.
1997 wurde eine neue Klassifikation eingeführt, die drei Stufen unterscheidet, nach der das NCI seine Zertifizierung vergibt: Cancer Centers, Clinical Cancer Centers und Comprehensive Cancer Centers. Alle drei Kategorien müssen definierte Kriterien erfüllen: Dazu gehört der Fokus auf das Thema Krebs, ein festgelegtes Maß an Forschungsaktivitäten, ein Vollzeit-Direktor und eine eigenständige Organisationsstruktur, eine ausreichende apparative, technische und räumliche Ausstattung sowie eine interdisziplinäre Koordination und Zusammenarbeit.
Die drei Kategorien unterscheiden sich jedoch in der Breite und Tiefe des Angebots. Den Titel „Comprehensive Cancer Center“ erhalten nur hochinteraktiv und interdisziplinär vernetzte Zentren, die nicht nur eine umfassende onkologische Grundversorgung bieten, sondern auch sowohl Grundlagenforschung als auch klinische und epidemiologische Forschung betreiben, sich in Lehre, Aus- und Weiterbildung engagieren und zusätzlich wesentliche Aktivitäten auf Bevölkerungsbasis in den Bereichen Prävention, Früherkennung, und Aufklärung/Schulung bieten.
Die Förderung durch das NCI fließt ausschließlich in die Forschung und Organisation der Zentren, alle übrigen Bereiche müssen aus anderen Quellen (Einnahmen aus der Patientenversorgung, Drittmittel, Spenden etc.) finanziert werden. Derzeit fördert das NCI 60 Cancer Centers, darunter 39 Comprehensive Cancer Centers.
Die geschilderten Mängel in der onkologischen Versorgung machen das Modell der amerikanischen „Cancer Centers“ auch für Deutschland attraktiv. Sowohl in der Patientenversorgung als auch in der Translation wissenschaftlicher Ergebnisse lassen sich nachhaltige Verbesserungen nur mit einer Struktur erzielen, in der die Partikularinteressen der Beteiligten der gemeinsamen Aufgabe untergeordnet werden.
„Hand in Hand“ arbeiten
Onkologische Zentren sollten in Deutschland künftig nicht mehr nur eine lose, wenig verbindliche Verknüpfung im Sinne der bisherigen Tumorzentren darstellen, sondern eigenständige, starke Institutionen, die ihren gesamten Forschungs- und Versorgungsauftrag dem Thema Krebs widmen. Dazu bedarf es einer ausreichenden räumlichen, technischen und personellen Infrastruktur und eines Direktors auf Vollzeitbasis. In einer solchen Einrichtung müssen die verschiedenen Spezialisten tatsächlich „Hand in Hand“ arbeiten, was eine radikale Umstrukturierung der Arbeitsabläufe, der Patientenströme, der Zusammensetzung von Teams und der räumlichen Infrastruktur erfordert. Außerdem bedarf es einer Veränderung der Vergütungsstrukturen, die bisher falsche Anreize setzen, weil sie eine fachübergreifende Betreuung der Patienten eher behindern als fördern und letztlich dazu führen, dass jeder Spezialist den Patienten möglichst in seinem eigenen Einflussbereich behalten will. Da hohe Qualität auf Dauer nur gewährleistet werden kann, wenn sie sich der ständigen Überprüfung stellt, ist die regelmäßige, objektive Evaluation nach definierten Kriterien mit Zertifizierung unverzichtbarer Bestandteil der Qualitätssicherung solcher Zentren.
Der Standort Heidelberg ist ein günstiger Standort für die Etablierung eines „Comprehensive Cancer Center“ in Deutschland. Es gibt renommierte Forschungsinstitutionen, Kliniken der Maximalversorgung und das aktive Tumorzentrum Heidelberg/Mannheim.
Mit der Gründung des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg haben das Universitätsklinikum Heidelberg, das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), die Thoraxklinik Heidelberg und die Deutsche Krebshilfe die Basis für ein Modell geschaffen, das sich selbst als Schrittmacher in Deutschland versteht. Das Ziel ist ehrgeizig: Mit dem NCT entsteht derzeit ein Zentrum für Krebskranke, das den Betroffenen den bestmöglichen Standard von klinischer Forschung, Vorbeugung, Diagnostik, Behandlung und Nachsorge bieten soll. Finanziert wird das Modell durch erhebliche Beiträge der beteiligten Partner: Das DKFZ stellt aus den Mitteln der Programm-orientierten Förderung der Helmholtz-Gemeinschaft bis 2007 insgesamt 12,6 Millionen Euro bereit. Das Universitätsklinikum und die Medizinische Fakultät werden bis zum Jahr 2007 für das NCT zehn Millionen Euro aufwenden. Ein Teil der Kosten der Krankenversorgung wird durch Umstrukturierungen gedeckt. Darüber hinaus wird eine Partnerschaft mit den Kostenträgern für dieses neue Modell gesucht. Die Deutsche Krebshilfe wird ein Gebäude für das NCT erstellen, das den Trägern für einen Mietzins überlassen wird und bis Ende 2006 fertig gestellt sein soll.
Behandlung nach verbindlich akzeptierten Leitlinien
Das Herzstück des NCT wird die interdisziplinäre Tumorambulanz – sie ist die zentrale Anlaufstelle für alle Tumorpatienten. Diese Tumorambulanz ist Teil einer neu gegründeten Abteilung für Klinische Onkologie unter der Leitung eines C-4-Lehrstuhlinhabers. Hier sollen Patienten nach US-Vorbild so schnell und umfassend wie möglich nach gemeinsam erstellten und verbindlich akzeptierten Leitlinien (Standard Operation Procedures/SOPs) diagnostiziert und therapiert werden.
Für Patienten, die durch eine besondere Problematik in diesen SOPs nicht abgebildet sind, wird in einer interdisziplinären Tumorkonferenz eine Therapieempfehlung erarbeitet, die entweder von der zentralen Chemotherapie-Einheit umgesetzt wird oder von einer der kooperierenden Spezialabteilungen, wie zum Beispiel Chirurgie oder Radiotherapie. Beteiligte Kliniken haben spezielle Beratungszeiten in den Räumlichkeiten des NCT.
Die Organisation der Patientenversorgung unterscheidet sich grundlegend von den gewohnten klinischen Abläufen und erfordert daher von allen Beteiligten einen erheblichen zeitlichen Mehraufwand. Für jede Tumorgruppe wurden Kooperative Onkologische Gruppen (KOGs) gegründet, in denen Ärzte aller für das jeweilige Krankheitsbild wichtigen Fachrichtungen und Wissenschaftler zusammenarbeiten. Diese Gruppen knüpfen die Kontakte zu Patienten-Selbsthilfegruppen, niedergelassenen Fachkollegen und zuweisenden Krankenhäusern. Sie erarbeiten und kontrollieren
- die Leitpfade der Patienten,
- die für alle behandelnden Ärzte verbindlichen Leitlinien für Diagnostik, Therapie und Nachsorge (SOPs),
- die Vorgaben für die Durchführung klinischer Studien und
- die Aus- und Fortbildung auf dem jeweiligen Gebiet.
Die NCT-Studienzentrale wird den Mitarbeitern der beteiligten Fachabteilungen die Planung und Durchführung von klinischen Studien erleichtern. Ziel ist, eine möglichst hohe Zahl von Patienten in klinische Studien einzubinden, um eine Verbesserung von Diagnostik und/ oder Therapie zu erzielen und so die Prognose der Patienten zu verbessern.
Angeschlossen sind außerdem unter anderem ein klinisches Krebsregister, ein zentrales digitales Archiv und eine Tumor- und Serumbank für Forschungsfragen. Die Forschung wird eng mit dem DKFZ koordiniert, das einen wesentlichen Anteil der Kosten trägt. Für die Erfüllung dieser translationalen Aufgaben werden zwei neue Programmschwerpunkte eingerichtet, die mit jeweils einem W-3-Lehrstuhl besetzt werden:
- Experimentelle Diagnostik und Therapie, mit dem Ziel, Forschungsergebnisse in neue Diagnose- und Therapieverfahren umzusetzen. Die bestehenden klinischen Kooperationseinheiten zwischen DKFZ und Universitätsklinikum werden hier assoziiert.
- Präventive Onkologie mit dem Auftrag, neue Strategien für Früherkennung und Prävention zu entwickeln und in klinischen Studien zu überprüfen.

Foto: DKFZ
Foto: DKFZ
Der Hämato-Onkologe Prof.Dr.med.Christof von Kalle hat am 1. Juli die Leitung des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) übernommen. Mit seinem Wechsel nach Heidelberg löst er Prof. Dr. med. Volker Diehl ab, der seit Januar 2004 das NCT kommissarisch leitete. Mit der Amtsübergabe tritt von Kalle zugleich die Stelle als Leiter einer Abteilung im Deutschen Krebsforschungszentrum an, die sich mit translationaler Onkologie beschäftigt.

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Volker Diehl 1
Prof. Dr. med. Claus R. Bartram 2
Prof. Dr. med. Peter Drings 3
Prof. Dr. med. Eike Martin 4
Gerd Nettekoven 5
Dr. med. Julia Rautenstrauch 6
Prof. Dr. med. Otmar D. Wiestler 6

1 Nationales Centrum für Tumorerkrankungen Heidelberg
2 Medizinische Fakultät Heidelberg
3 Thoraxklinik-Heidelberg
4 Universitätsklinikum Heidelberg
5 Deutsche Krebshilfe
6 Deutsches Krebsforschungszentrum
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema