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Dtsch Arztebl 2005; 102(38): A-2544 / B-2148 / C-2027

Böhmeke, Thomas

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In Zeiten knapper Mittel und bösartig wuchernden Ausgaben im Gesundheitswesen wird alles im Namen der Kosten-Nutzen-Relation auf den Prüfstand gestellt. Denn nicht alles, was Heilung verspricht, wirkt wirklich, sondern tut nur so. Sagt die Wissenschaft und nennt es Placebo. Nachdem ebendieser Effekt unsere weißen Kittel und viele Medikamente entzaubert hat, setzt man sogar tiefe Schnitte in das Vertrauen, das der Chirurgie entgegengebracht wird. Ein amerikanischer Orthopäde hat nun nachgewiesen, dass seine arthroskopischen Operationen bei maladen Kniegelenken genauso wirksam sind wie ein simulierter Eingriff. Da diese Ergebnisse in einem rotgeränderten Wochenmagazin als sinnlose Therapie kundgetan wurden, ist auch die Laienwelt aufgerüttelt.
„Kann ich denn überhaupt noch sicher sein, dass mein Blinddarm entfernt wird, wenn ich mich hierfür in ein Krankenhaus begebe?“ fragt mich eine besorgte Patientin. Ich versuche zu erläutern, dass nur der Doppelblindversuch höchste Weihen der Evidenz genießt, und auch althergebrachte Methoden sind diesem hochkarätigen Nachweis durch statistische . . . „Und wenn zwei Wochen später mein nicht entfernter Blinddarm zur Bauchfellvereiterung führt, was dann?“ Ich winde mich wie eine Verhütungsspirale und versuche sie damit zu trösten, dass ein solches Ereignis bei den Qualitätsinstituten sicher mit besonders hoher statistischer Power gewürdigt werden würde . . . „Wenn wir demnächst die Medikamente von den Krankenkassen bekommen, müssen wir damit rechnen, dass wir Scheinmedikamente bekommen? Um herauszufinden, ob Bluthochdruck und Zucker einen tatsächlich früher sterben lässt?“ Verzweifelt wie ein Asthmatiker nach Luft ringend, lege ich ihr dar, dass infolge der Gutgläubigkeit von Arzt und Patient sich zu viele sinnlose und überteuerte Therapien in die Medizin eingeschlichen haben, man denke nur an die Frischzellen oder den Verzehr von Zwergseidenhühnern zwecks Steigerung der Potenz. Meine Patientin guckt mich böse an. „Damit habe ich nichts am Hut. Aber wäre es denkbar, dass demnächst auch eine Wiederbelebung als Placebo durchgeführt wird? Ich meine, damit man weiß, ob sich das volkswirtschaftlich wirklich rechnet?“ Mein Ringen nach wissenschaftlich evidenten Erklärungen stoppt abrupt wie eine terminierte Kammertachykardie. Mit fester Stimme und voller Überzeugung erkläre ich ihr, dass sie es in einem solchen Fall mit einem verantwortungsbewussten Arzt zu tun habe, dessen Streben allein auf das Wohl seines Patienten gerichtet sei . . . „Das wollte ich hören, Herr Doktor, dann bin ich wieder etwas beruhigt.“
Puh! Wissenschaftliche Untersuchungen können ganz schön teuer sein. Insbesondere wenn es um das Vertrauen unserer Patienten geht. Das ist nämlich unbezahlbar. Dr. med. Thomas Böhmeke
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