ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2005Hochschulen: Unverständnis

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Hochschulen: Unverständnis

Dtsch Arztebl 2005; 102(38): A-2546 / B-2149 / C-2028

Scheffer, Christian

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Foto: Birgit Hibbeler
Foto: Birgit Hibbeler
. . . Der Wissenschaftsrat (WR) bemängelt, dass das Medizinstudium an der Universität Witten/Herdecke (UWH) so gravierende Schwächen aufweise, dass eine weitere Ausbildung in dieser Weise nicht zu verantworten sei . . . Die ärztlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen der Absolventen werden nicht untersucht. Der WR bleibt auch den Nachweis schuldig, ob die von ihm verlangten Veränderungen tatsächlich zu mehr wissenschaftlichen Fähigkeiten der Studierenden führen. Ein aus Wissenschaftlern staatlicher Universitäten zusammengesetztes Gremium hat eine private Universität geprüft und dabei Kriterien angewandt, die ihrerseits auf Mutmaßungen beruhen, Mutmaßungen über die richtige Ausbildung von Ärzten, die in Deutschland noch kaum selbst Gegenstand der Forschung ist. Die vom WR veröffentlichten Zahlen zu den angeblich schlechten Prüfungsergebnissen und den hohen Abbrecherquoten sind statistisch nicht nachvollziehbar. Analysiert man die Abschlüsse der Staatsexamina seit 1996, liegt die Universität insgesamt im oder über dem Bundesdurchschnitt . . . Der akademische Diskurs, die Förderung eines Methodenpluralismus, eines zum eigenständigen Urteil befähigenden Methodenbewusstseins und ein Angebot zum Erwerb komplementärmedizinischer Kompetenz finden sich in dieser Dichte nur in Witten. Es lohnt sich hier der Vergleich mit anderen internationalen Ausbildungskonzepten. Nahezu alle die für Witten/Herdecke typischen Charakteristika gelten in der Fachliteratur als Zeichen eines guten Curriculums: problemorientiertes Lernen, praxisnahe Ausbildung, Ausbildung zur „Professionalität“, Integration komplementärmedizinischer Methoden. An der Harvard Medical School wird seit 20 Jahren mit Erfolg in dem so genannten New Pathway Program
ein Medizinstudium angeboten, das sich durch problem-
orientiertes Lernen, humanistischen Schwerpunkt und fokussierte Integration klinischer Erfahrungen kennzeichnet. An verschiedenen anglo-amerikanischen Universitäten werden – ganz ähnlich wie an der UWH – integrierte Curricula angeboten, die zu professionellem Verhalten befähigen: mit Schwerpunkten in ethischen und kommunikativen Kompetenzen, Selbstwahrnehmung und persönlicher Entwicklung . . . Offensichtlich werden die Universität und die medizinische Fakultät in dem Gutachten aus dem Blick des traditionellen und an den naturwissenschaftlichen Grundlagen orientierten Medizinstudiums analysiert und bewertet . . . Zudem werden die Bewertungsmaßstäbe angelegt, die sich wohl auf die deutsche Ausbildungsrealität beziehen und die aktuellen internationalen Entwicklungen in der medizinischen Ausbildung und der dazu geführten Diskussion kaum berücksichtigen . . . In einem kürzlich im DÄ erschienenen Porträt über Prof. Max Einhäupl, der den Vorsitz im WR innehat, wird deutlich, wohin sich die Hochschulmedizin entwickeln soll: weg vom Schwerpunkt der Patientenversorgung hin zu einem Primat der Forschung . . . Ob dies im Sinne der Gesundheitsversorgung und der Öffentlichkeit ist, bleibt offen. Dient die medizinische Forschung dem Selbstzweck oder muss nicht vielmehr die Hilfeleistung am Patienten oberste Priorität haben, an dem sich die Wissenschaft zu orientieren hat? Im Gegensatz zur UWH werden staatliche Universitäten nicht vom WR begutachtet. Wie würde sich das Medizinstudium an staatlichen Universitäten darstellen, wenn man es nach Kriterien des WR und sogar auch nach internationalen Kriterien beurteilen würde?
Literatur bei den Verfassern
Für die Verfasser:
Dr. med. Christian Scheffer, Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, Gerhard-Kienle-Weg 4, 58313 Herdecke
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