ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2005Medizingeschichte(n): Ärztlicher Selbstversuch – Meskalinrausch

MEDIZIN

Medizingeschichte(n): Ärztlicher Selbstversuch – Meskalinrausch

Dtsch Arztebl 2005; 102(38): A-2564 / B-2165 / C-2044

Schott, H.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Zitat: „Nachdem ich gegen ¾ 10 Uhr die erste Spritze Meskalin bekommen hatte, ging ich in die Poliklinik. Hier wurde gerade ein sehr interessanter Fall exploriert: die Schizophrenie eines Studenten der katholischen Theologie. Sehr bald merkte ich, daß ich öfters den Faden bei der Exploration verloren hatte. [...] Immer deutlicher nahm ich an der gegenüberliegenden Wand einen hellen Lichtstrahl in bestimmten Umrissen war, der wie Rauhreif glitzerte. Was war daran Realität, was Illusion? [...] Gegen ½ 11 Uhr bekam ich die zweite Spritze Meskalin. Zu dieser Zeit stellte ich schon eine allgemeine Unsicherheit fest. Bei geschlossenen Augen sah ich nichts, bei Druck auf die geschlossenen Augen erblickte ich zuerst einen Gang mit sehr tiefer Perspektive, in dem im nächsten Moment zahllose bunte Kugeln in allen Farben aufleuchteten, der Gang verschwand. Nun sah ich in dem kreisförmig scharf abgegrenzten, stets gleichbleibenden Gesichtsfeld sehr schöne Mosaike und Muster in leuchtenden Farben mit scharfen deutlichen Konturen [...].“

Aus: Kurt Beringer: Der Mescalinrausch. Seine Geschichte und Erscheinungsweise. Berlin 1927. – Es handelt sich hier um die Schilderung einer an der Versuchsserie teilnehmenden Ärztin. Der damalige Privatdozent Kurt Beringer (1893–1949) experimentierte an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg mit Meskalin und veröffentlichte die Ergebnisse in seiner Habilitationsschrift. Versuchspersonen waren Ärzte und Medizinstudenten, denen das Rauschgift gespritzt wurde und die dann ihr Erleben protokollierten. Der Meskalinrausch galt Beringer als Mittel, um pathologische Bewusstseinzustände zu untersuchen. Von 1934 bis zu seinem Tode war er ordentlicher Professor der Psychiatrie und Neurologie an der Universität Freiburg. Im Unterschied zu späteren verbrecherischen Menschenversuchen mit Drogen in Konzentrationslagern (zum Beispiel Pervitinversuchen in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Buchenwald) handelte es sich bei Beringer um freiwillige Versuche beziehungsweise ärztliche Selbstversuche.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige