ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2005Pergamonmuseum: Die letzten Stunden von Herculaneum

VARIA: Feuilleton

Pergamonmuseum: Die letzten Stunden von Herculaneum

Dtsch Arztebl 2005; 102(38): A-2577 / B-2178 / C-2055

Scheiper, Renate V.

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LNSLNS Viele Gegenstände des täglichen Lebens überraschen den Besucher durch ihren teilweise hervorragenden Erhaltungszustand.

Dunkelheit empfängt den Besucher. Fast mystisch ist die Atmosphäre. Es ist, als habe die Lapilli- und Aschewolke, die der Vesuv zu Eruptionsbeginn am Mittag des 24. August 79 ausstieß, die Sonne verfinstert, wie der 18-jährige Zeitzeuge Plinius der Jüngere seinem Freund Tacitus in Rom schreibt. Doch da: Licht. Es scheint aus einem Haus zu kommen. Tatsächlich kann man in ein Fenster hineinschauen.
Wer sich jetzt umdreht, glaubt, eine rot glühende Schlammmasse fließe auf ihn zu unter sich ballenden, grauschwarzen Aschewolken. Ein junger Mann, nackt, scheint in panischer Angst zu fliehen. Er stammt aus dieser Zeit und hat tatsächlich überlebt. Jedoch ist er aus Bronze und ein Sportler, dargestellt im Moment kurz vor dem Start in leicht gebückter Haltung und hochkonzentriert.
Die ab mittags durch die Wucht der Explosion aus dem Krater bis 30 km hoch in die Stratosphäre geschleuderte Eruptionssäule aus Gasen, Asche und Lapillistücken fiel in dichtem Regen auf Pompeji nieder und brachte die Dächer der Häuser zum Einsturz. Herculaneum, das südwestlich des Vulkans lag, kam durch die andere Windrichtung relativ glimpflich davon. Wer konnte, flüchtete. Vor allem die Reichen, denen Kutschen und Schiffe zur Verfügung standen. Die Ärmeren suchten Schutz am Strand, 300 von ihnen flüchteten in steinerne Bootshäuser am Ufer und hofften, das Unheil möge vorüber gehen. Seit 500 Jahren hatte der Vulkan sich ganz ruhig verhalten, sodass seine Gefährlichkeit in Vergessenheit geraten war.
Gegen Mitternacht jedoch raste eine 500 Grad heiße Gas- und Glutlawine auf Herculaneum zu und löschte alles Leben in Sekundenschnelle durch thermischen Schock aus. Tage später löste sich von den Hängen des Vesuv eine Schlammlawine, die bis zu 30 Meter mächtig die Stadt un-ter sich begrub und dadurch die Katastrophe konservier-te. Obwohl der Ort mehrere Jahrzehnte vor Pompeji entdeckt wurde, machten und machen die Überbauung durch das heutige Ercolano und die betonharte Schlammschicht weitere Forschungen problematisch. Mehr als 50 Prozent sind bisher nicht ausgegraben.
Konservierte Tragik
Eins der berühmtesten Wandgemälde ist das Telephos- Fresko. In der Ausstellung ist das Wandgemälde erstmals außerhalb Italiens zu sehen. Foto: Pergamonmuseum
Eins der berühmtesten Wandgemälde ist das Telephos- Fresko. In der Ausstellung ist das Wandgemälde erstmals außerhalb Italiens zu sehen. Foto: Pergamonmuseum
Da kaum Tote gefunden wurden, nahm man an, dass alle Bewohner sich retten konnten. Erst 1982 stießen Kanalarbeiter durch Zufall auf die Bootshäuser am Strand. Die ganze konservierte Tragik eines kurzen Momentes kam fast unversehrt zutage mit allen Habseligkeiten der 300 Menschen und den Skeletten der Haustiere.
Vorbei an zehn nachempfundenen Häusern macht der Besucher einen faszinierenden Spaziergang durch das versunkene Herculaneum, das heute 30 Meter unter dem modernen Stadtniveau liegt. Viele Gegenstände des täglichen Lebens wie Ton- und Glasgefäße, Bronze- und Marmorstatuen, verkohlte Mö-bel und Lebensmittel überraschen immer wieder den Besucher durch ihren teilweise hervorragenden Erhaltungszustand.
Beliebt waren bei den Römern erotische Darstellungen und Szenen der griechischen Mythologie; griechische Originale wurden kopiert in Bronze und Marmor. Kunstvolle Fußbodenmosaike und zauberhafte Wandgemälde sind zu sehen wie das Trinkgelage eines Paares auf einem Ruhebett, vor ihnen ein Tischchen mit kostbarem Geschirr, oder das speziell für die Ausstellung „abgespeckte“ Gemälde von Herkules und dessen Sohn Telephos, das nach seiner Entdeckung 1739 abgenommen und zur Erhaltung von Restauratoren mit mehreren Schichten Gips, Schiefer und Holz versehen wurde. Das Fresko wog 20 Zentner. „Entschlackt“ im Nationalmuseum Neapel, konnte es mit nur noch vier Kilogramm Gewicht die Reise zunächst nach Haltern antreten und ist nun das Prachtstück der Ausstellung, wie der Halterner Museumsleiter Dr. Rudolf Aßkamp erklärt. Renate V. Scheiper

Informationen: „Die letzten Stunden von Herculaneum“ sind zu sehen bis zum 1. Januar 2006 im Pergamonmuseum in Berlin. Anschließend ist die Ausstellung im Focke-Museum – Bremer Landmuseum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen. Bis Mitte September waren die Exponate in Haltern ausgestellt.
Internet: www.herculaneum-ausstellung.de.
Der gleichnamige Katalog aus dem Verlag Philipp von Zabern kostet broschiert 24,90 Euro (im Buchhandel kartoniert 34,90 Euro), ein gut gemachtes „Entdeckungsbüchlein“ für Kinder sieben Euro.
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