ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2005Kunst und Psyche: Ambivalente Reaktionen

VARIA: Feuilleton

Kunst und Psyche: Ambivalente Reaktionen

Dtsch Arztebl 2005; 102(38): A-2578 / B-2179 / C-2056

Kraft, Hartmut

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„Tanz der Gerippe“, Holzschnitt im Format 19,3 cm × 22,6 cm von Michael Wolgemut aus der „Schedelschen Weltchronik“, Nürnberg 1493, S. 264 Foto: Eberhard Hahne
„Tanz der Gerippe“, Holzschnitt im Format 19,3 cm × 22,6 cm von Michael Wolgemut aus der „Schedelschen Weltchronik“, Nürnberg 1493, S. 264 Foto: Eberhard Hahne
Unser Umgang mit Sterben und Tod ist von starken ambivalenten Gefühlen geprägt. Einer nur zu gern verdrängten Angst vor der eigenen Endlichkeit steht die Fürsorge für die Verstorbenen wie die Überlebenden gleichermaßen gegenüber. Begräbnisriten regeln den Übergang. In diesem Zusammenhang ist seit Ende des 14. Jahrhunderts in Europa der „Totentanz“ zu sehen, dem mehrere Bedeutungen zukommen. Es kann sich um Tänze für die Toten handeln, wie sie im Mittelalter auf Friedhöfen stattgefunden haben, eher jedoch sind Bilder von tanzenden Skeletten gemeint oder auch ein Reigen, bei welchem jeweils ein Toter einen Lebenden ins Reich des Todes geleitet.
Eines der berühmtesten Beispiele dieses Bildthemas findet sich im ausgehenden Mittelalter in der „Schedelschen Weltchronik“ (1493) des Nürnberger Arztes und Humanisten Hartmann Schedel. Die Abbildungen in diesem Werk stammen aus der Werkstatt von Michael Wolgemut. Auf seinem Holzschnitt werden Tote nicht nur als Skelette dargestellt, sondern – wie dies häufig geschah – auch als verweste Leichname, denen die Gedärme aus der geöffneten Bauchhöhle heraushingen.
Das Bild zeigt keine bedrückte Stimmung, sondern fröhlich tanzende Figuren. Die Vielfalt und Ambivalenz der Assoziationsmöglichkeiten macht offensichtlich die Faszination dieses alten Bildthemas aus: Geht es hier
um die christliche Freude an der versprochenen Auferstehung? Oder handelt es sich um eine Reaktionsbildung angesichts der Ängste vor dem eigenen Sterben? Soll uns das Reich der Toten als frohgestimmtes Ende des irdischen Jammertals vor Augen geführt werden – oder richtet sich die Darstellung gegen eine Verdrängung der Begrenztheit unseres Lebens, deren bewusste Wahrnehmung erst jeden Tag wertvoll macht? Gehö-ren derartige Bilder zu den Bewältigungsstrategien der Überlebenden, wie dies zum Beispiel auch für den Leichenschmaus gilt? Künstler wie HAP Grieshaber, Horst Janssen, Markus Lüpertz oder Peter Gilles haben diesem jahrhundertealten Bildthema bis in unsere Zeit „lebendigen“ Ausdruck gegeben. Hartmut Kraft


Biografie Michael Wolgemut
Geboren 1433 oder 1434 in Nürnberg. Deutscher Maler und Holzschnittzeichner. Berühmt wurde er vor allem durch seine 1 809 Holzschnitte, die er für die „Schedelsche Weltchronik“ (1493) anfertigte. Bei dieser umfangreichsten Holzschnittfolge des 15. Jahrhunderts arbeitete er unter anderem auch mit dem jungen Albrecht Dürer zusammen. Gestorben 1519 in Nürnberg.

Literatur
Frey W, Freytag H (Hrsg.): „Ihr müsst alle nach meiner Pfeife tanzen.“ Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2000.
Schuster E (Hrsg.): Das Bild vom Tod. Recklinghausen: Verlag Aurel Bongers 1992.
Wunderlich U: Der Tanz in den Tod. Totentänze vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Freiburg i. Br.: Eulen Verlag 2001.
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