ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2005Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter: Ich habe doch niemandem geschadet

THEMEN DER ZEIT

Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter: Ich habe doch niemandem geschadet

Dtsch Arztebl 2005; 102(39): A-2618 / B-2210 / C-2086

Weil, Francesca

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Foto: DÄ-Montage/CARO
Foto: DÄ-Montage/CARO
In Interviews berichten Ärzte, die in der DDR als inoffizielle Mitarbeiter für die Staatssicherheit tätig waren, über ihre Motive und die Folgen für ihr Berufsleben nach der „Wende“.

Neben der Auswertung von Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR basieren die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu Ärzten als inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der Staatssicherheit auch auf der Analyse mündlicher und schriftlicher Befragungen von ehemaligen IM. Unter den Interviewten waren Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen auf diversen Tätigkeitsfeldern und Hierarchiestufen. Die ehemaligen inoffiziellen Mitarbeiter waren zu verschiedenen Zeiten als IM tätig, wodurch sämtliche Untersuchungszeiträume – von den 1950er-Jahren bis 1989 – abgedeckt werden können. Außerdem handelte es sich bei einem Teil dieser Ärzte um „Aussteiger“, andere wiederum wurden bis zum Herbst 1989 als IM geführt.
Im Folgenden wird näher auf die Motive der ehemaligen inoffiziellen Mitarbeiter für die Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit und die Folgen ihrer konspirativen Tätigkeit in den Jahren nach der „Wende“ eingegangen. Dabei gilt es, sowohl Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Aktenvermerken und Gesprächsinhalten zu verdeutlichen als auch die aus den Interviews hervorgegangenen neuen Erkenntnisse festzuhalten. Das MfS unterschied in Hinblick auf die Motive der IM drei Kategorien: „politische Überzeugung“ oder „Einsicht in die Notwendigkeit“, „Wiedergutmachung“ und „persönliche Interessen“. Ein Teil der interviewten Ärzte war davon überzeugt gewesen, das MfS unterstützen zu müssen. Sie differenzierten aber in den Gesprächen wesentlich mehr als ihre Führungsoffiziere in den Aktenniederschriften. So betrachteten einige das MfS zu DDR-Zeiten faktisch als „Schutzorgan für die Bevölkerung“ und ihre Berichtstätigkeit als eine Möglichkeit, Verbesserungen herbeizuführen. Sie erkannten – wie IM „Kay“ – vorgeblich erst nach 1989, dass eigentlich das Gegenteil der Fall war.
Für andere blieb die Stasi in der Erinnerung das „Schutzorgan“ der DDR an sich – auch über die „Wende“ hinaus. In diesem Kontext führte der Führungs-IM „Harald“ seine Erfahrungen als Psychologe im Strafvollzug an. Er vertritt nach wie vor die Auffassung, durch die konspirative Weitergabe von Meldungen, die er von Sträflings-IM erhielt, Gefangene vor gefährlichen Auseinandersetzungen und die Bevölkerung vor dem Ausbruch gefährlicher Häftlinge bewahrt zu haben. Nur unter Nutzung der von ihm als „kleinen Dienstweg“ bezeichneten Verbindung zum MfS sei dies möglich gewesen. „Ich hatte ja den Auftrag, im Strafvollzug für die Sicherheit zu sorgen. Da habe ich mir gesagt, warum soll ich das nicht auf dem ‚kleinen Dienstweg‘ machen, das ist völlig in Ordnung.“
Ein anderer Arzt war offenbar der „Legende“ des MfS aufgesessen, dem Staatssicherheitsdienst „im Kampf gegen den Klassenfeind“ helfen zu müssen, indem er zu verhindern half, dass gut ausgebildete Ärzte aus der DDR abgeworben oder ausgeschleust werden. Diese Methode, Druck auf anzuwerbende Ärzte auszuüben, muss – rückblickend betrachtet – als Vorwand für eine beginnende komplette Bespitzelung der Kollegen bewertet werden.
Eine inoffizielle Mitarbeiterin gab im Gespräch an, mit ihrer Verbindung zum MfS vor allem das eigene Krankenhaus unterstützt zu haben. IM „Angelika Ebert“ erklärte Anlass und Motive ihrer Kooperation so: „Ich wurde von zwei Mitarbeitern des MfS angesprochen [...] und für die kommende Zeit um Unterstützung gebeten bei Problemfällen – personell und materiell in der Einrichtung. Ich sah keine Notwendigkeit abzulehnen, da ich mir positive Auswirkungen für das Krankenhaus versprach.“ In den Berichtsakten findet sich eine eher gegenteilige Darstellung. Ihre Treffberichtsordner bestehen vorwiegend aus ausführlichen Protokollen über Kollegen beziehungsweise aus detaillierten Gutachten zu Patienten.
Das von IM „Peter“ im Interview benannte Motiv entspricht ebenfalls nicht dem in der Akte. Er sei keineswegs aus „politischer Überzeugung“ heraus für das MfS tätig gewesen, wollte jedoch sein Medizinstudium „sichern“, habe deshalb dem MfS nach Rücksprache mit einer Verwandten zugesagt und den Führungsoffizieren bewusst nur Belanglosigkeiten oder allgemein Bekanntes berichtet. Diese Aussage lässt sich anhand der eher bedeutungslosen Treffberichtsprotokolle weitgehend nachvollziehen.
Mancher glaubte auch, sein Verhältnis zur Staatssicherheit überwiegend selbst bestimmen und prägen zu können, wie es unter anderem IM „Wolfgang Krüger“ im Interview eingestand: „Also, da ich [...] die Spielchen kannte, glaubte ich, ich kann dieses System – zwar nicht beherrschen – [aber] ich kann mich in dem System bewegen; ich kann das machen, was ich für richtig halte, und andere Dinge nicht. Das ist mir bis zu einem gewissen Grad gelungen, dass ich über die Dinge, über die ich nicht reden wollte, auch nicht geredet habe und [...] mich dann selbst beruhigt habe: Na ja, einen Geheimdienst hat jedes Land.“
Von denjenigen Ärzten, die sich nach Aktenlage aus politischen Gründen als IM anwerben ließen, gaben viele an, andere Motive für ihre konspirative Zusammenarbeit mit dem MfS gehabt zu haben. Offenbar registrierten die hauptamtlichen MfS-Mitarbeiter die im Interview artikulierten Gefühle nicht oder wollten sie nicht wahrhaben. Die Erwartungen des MfS und die der Angeworbenen lagen oft weit auseinander, „waren auf beiden Seiten durch unterschiedliche Interessen geleitet“. Zudem mussten sich die Stasioffiziere gegenüber ihren Vorgesetzten dadurch legitimieren, dass sie die Bereitschaft der IM positiv hervorhoben“ (Müller-Enbergs).
Außerdem lag der Beginn der Tätigkeit für das MfS, insbesondere die Anwerbung, oft schon viele Jahre zurück. Deshalb konnten sich einige offenbar auch nicht mehr so genau an Details der ersten Kontakte erinnern. Fehlende oder durch spätere Erfahrungen modifizierte Erinnerungen scheinen jedoch nicht der einzige Grund für diese unterschiedliche Wahrnehmung. Warum ein IM vom MfS angeworben wurde – so Müller-Enbergs –, habe „er nur erahnen und zum Teil erst nach der Aufdeckung aus der Personalakte entnehmen“ können. Bei der Beschreibung der Motive gab es zwar oft oberflächlich eine gewisse Übereinstimmung. In den Akten wurden die Beweggründe jedoch wenig differenziert bestimmten Kategorien zugeordnet, wohingegen in den Gesprächen die Darstellung der Motive oft einen großen Raum einnahm; denn für die ehemaligen inoffiziellen Mitarbeiter war es wichtig, besser zu verstehen, warum sie sich hatten anwerben lassen.
Was das vom MfS als „persönliches Interesse“ deklarierte Motiv angeht, so wurden in den Interviews mit IM „Erich“ und IM „Barbara“ die Akteninhalte prinzipiell bestätigt und nur um einige wenige Details ergänzt. Auch die Gespräche, die mit ehemaligen IM geführt wurden, die mit der Staatssicherheit aus „Wiedergutmachungsgründen“ zusammengearbeitet hatten, gaben die Darstellung der Führungsoffiziere in den Akten weitgehend wieder. Allerdings kommen die Gefühle der Angst, Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht in den Interviews viel mehr zum Ausdruck als in den MfS-Unterlagen.
Beispielsweise war IM „Sabine“ 1975 „wegen staatsfeindlicher Hetze inhaftiert“ worden und sollte eine Strafe von zwei Jahren und acht Monaten verbüßen. Parallel dazu – so die ehemalige inoffizielle Mitarbeiterin im Gespräch – habe ihr geschiedener Mann das Sorgerecht für den Sohn beantragt und es in einem Folgeprozess auch tatsächlich erhalten. Ihr sei lediglich mitgeteilt worden, dass dies nicht mit ihrer „Straftat“ zusammenhinge, sondern dass sie objektiv nicht in der Lage sei, das Sorgerecht auszuüben. IM „Sabines“ Mutter habe dann bei einem Besuchstermin gesagt, sie solle alles tun, um das Sorgerecht in einem Berufungsprozess wiederzubekommen. Ihr damaliger Anwalt rechnete ihr dafür nur Chancen aus, wenn sie innerhalb der Berufungsfrist aus der Haft entlassen würde. Sie sollte deshalb – so sein Ratschlag – alle Angebote annehmen, die ihr das MfS unterbreiten würde. Man habe ihm schon vorab signalisiert, „dass es da Möglichkeiten gebe, und alles andere müsste sich hinterher finden“. Dann sei das MfS mit dem Angebot auf sie zugetreten, sie unter einer Voraussetzung zu entlassen: Sie müsse Einsicht zeigen und beweisen, dass sie sich verändert habe. Diese könne sie unter Beweis stellen, indem sie sich zu Gesprächen über eventuelle Missstände im Gesundheitswesen bereit finde. Nur dann dürfe sie sowohl im Beruf weiterarbeiten als auch ihr Kind behalten. Daraufhin habe IM „Sabine“ eine Bereitschaftserklärung unterschrieben, durch die sie sich einverstanden erklärte, mit dem MfS ohne zeitliche Begrenzung zusammenzuarbeiten.
IM „Gustav Sonntag“ beschrieb seine Beweggründe für eine konspirative Zusammenarbeit mit dem MfS seit Mitte der 70er-Jahre wie folgt: „Ich habe also Fluchtbeihilfe geleistet und bin dafür ein Jahr im Gefängnis einvernommen worden. Man mutmaßte, dass ich auch durch meine Kontakte zum westdeutschen Sport [...] Spionage betrieben habe. Damit war das Ganze während der Inhaftierung und der Verhöre in eine ganz andere Dimension gerückt. Ich habe [...] zu meiner Fluchtbeihilfe vier Vernehmungen und zu der sportpolitischen [...] Fragestellung ungefähr dreißig Vernehmungen gehabt. Darin sieht man die Dimension, die dem einzelnen Fragenkomplex beigemessen worden ist. Und damit hat man mich dort psychisch in die Mangel genommen. [...] Aus [vielen Gründen] habe ich befürchtet, dass ich also abgeschoben werde, was ich nicht wollte. Ich habe unter diesen Umständen dann gesagt, dass ich bereit bin ‚mitzuhelfen‘. [...] Diese Geschehnisse und auch das Erleben in dem Gefängnis selber mit der Staatssicherheit [...] war etwas, [...] was einem schon Angst einjagen konnte. Und dann wusste ich, wenn ich also hier bleiben will, dann musste ich mich irgendwie schützen. Wie kann man sich am besten schützen? Indem man sich mit dem an den Tisch setzt, von dem einem Gefahr droht. Das war meine Herangehensweise.“
Nur vier der 15 befragten Ärzte glaubten, aufgrund der IM-Tätigkeit Schuld auf sich geladen zu haben. (Titel DÄ 48/2004)
Nur vier der 15 befragten Ärzte glaubten, aufgrund der IM-Tätigkeit Schuld auf sich geladen zu haben. (Titel DÄ 48/2004)
IM „Dr. Freund“ dagegen sei Mitte der 1960er-Jahre „plötzlich mal abends ins Neue Rathaus gebeten“ worden. Er habe überhaupt keine Ahnung gehabt, was dort passieren sollte. Im Rathaus sei er schließlich von zwei Herren mit den Worten empfangen worden: „Also, wir wissen viel über Sie, und wir wollen jetzt eine Beichte von Ihnen, was Sie so auf dem Kerbholz haben. Wir sind in der Lage, Ihnen sofort ihre Approbation zu entziehen und Sie ins Gefängnis zu stecken.“ Dem IM-Kandidaten fiel daraufhin ein, dass es sich nur um gemeinsam mit Kollegen vorgenommene spezielle Eingriffe handeln konnte, die damals noch strafbar gewesen waren. Ihm sei daraufhin sofort klar gewesen, dass seine Existenz tatsächlich auf dem Spiel stand. „Natürlich ganz schön geschockt“ habe er die Verpflichtungserklärung unterschrieben. Die nächsten Wochen habe er „um sich herum nur Leute gesehen, die ihn immer beobachten würden“. In den letztgenannten Fällen wurden die in den Akten notierten Fakten zwar in den Interviews bestätigt, aber wiederholt Gefühle und hauptsächlich Ängste vor der Stasi-Bedrohung und vor den sich nicht auszumalenden Konsequenzen für das Berufs-, aber vor allem für das Privatleben hervorgehoben.
Konsequenzen nach 1989/90
Bei weitem nicht alle interviewten ehemaligen IM mussten sich nach der „Wende“ zwangsläufig mit diesem Teil ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Die IM-Akte und die Beschäftigung mit ihrem Inhalt spielten nach einer Niederlassung in der eigenen Praxis oder bei der Aufnahme von Tätigkeiten in einer Privatklinik keine Rolle (mehr). Bis dahin konnte es jedoch die Etablierung im Berufsleben hinauszögern, wie beispielsweise bei IM „Peter“ geschehen. Andere wurden nach der Überprüfung durch die BStU aus dem öffentlichen Dienst entlassen, zogen sich danach entweder völlig aus dem Berufsleben zurück, kamen in Privatkliniken unter oder erarbeiteten sich nach langjähriger Arbeitslosigkeit und Weiterbildung einen Neustart im Beruf. Einem Arzt gelang es, in einem Arbeitsgerichtsprozess nachzuweisen, dass er nicht inoffiziell mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet hätte, was zur Wiedereinstellung in dessen ehemalige Klinik führte.
Drei der Interviewten bedauerten es, sich infolge ihrer ehemaligen IM-Tätigkeit nicht mehr (berufs-)politisch engagieren zu können. So vermochte es IM „Sabine“ nicht, sich wie gewollt in den Vorstand einer Lan­des­ärz­te­kam­mer einzubringen. IM „Gustav Sonntag“ musste auf ein sportpolitisches Engagement und IM „Wolfgang Krüger“ auf die avisierte Mitarbeit in einer Partei verzichten: „[Das] ist ja nun der Nachteil dieser ganzen Geschichte, dass ich mich in [der heutigen] Zeit auch nicht politisch einbringen kann. Ich meine, da habe ich Schuld auf mich geladen. Und ich kann auch jetzt nicht sagen: das wische ich weg, das ist nicht gewesen, und ich gehe wie unbefleckt in eine politische Sache hinein.“
Nur vier der 16 befragten Ärzte sprachen davon, in der DDR aufgrund ihrer IM-Tätigkeit eine „Täterrolle“ gespielt oder – auch nur teilweise – Schuld auf sich geladen zu haben oder sich zu schämen. IM „Sabine“ beispielsweise setzte sich spätestens seit Mitte der 1990er-Jahre intensiv mit diesem Teil ihrer Vergangenheit auseinander. Sie habe in diesem Zusammenhang die Erkenntnis gewonnen, dass man nie nur Opfer, sondern immer auch irgendwo Täter sei. Schließlich seien ihr damals zwei Möglichkeiten geboten worden, und sie habe sich so entschieden, wie sie es damals offenbar verkraften konnte. Sie hätte aber auch „nein“ sagen können und alle Folgen konsequent ertragen müssen. Ihr haben persönliche Reflexionen und Gespräche im Familienkreis geholfen, damit fertig zu werden. Sie beurteilt die Folgen ihres damaligen Verhaltens heute so: „Was hast du deiner Familie angetan? Du hast über Kollegen berichtet, du hast dich mit dem MfS eingelassen, du musst eben heute auch für diese Seite der Medaille geradestehen.“
Die meisten ehemaligen IM beruhigen sich mit der Annahme, niemandem geschadet zu haben, obwohl sie die Thematik nach wie vor beschäftigt. Sie suchen noch immer nach einer Erklärung für ihre inoffizielle Zusammenarbeit mit dem MfS und hofften auf Unterstützung durch das Interview, das heißt, durch ein Gespräch mit einer Person, die zwar ihre Akte kennt, aber distanziert genug erscheint. Dafür wurden ihnen die besten Bedingungen geboten: Anonymität, Diskretion und eine ihnen bis dato unbekannte Person, die sie und ihr Verhalten weder moralisch bewerten noch rückblickend beurteilen wollte. So kam es zu folgenden Äußerungen vor, während und nach den Interviews: „Ich möchte mich mit diesem Gespräch endgültig selbst rehabilitieren.“ „Eigentlich übernehmen Sie die Rolle einer Psychotherapeutin.“ „Sie haben mir sehr geholfen, indem Sie einfach nur zugehört haben.“ „Jetzt geht es mir besser.“ „Jetzt kann ich das Thema vielleicht doch für mich abschließen.“
Indes kann die Denunziation im Auftrag einer Institution tatsächlich die Illusion entstehen lassen, für sein eigenes Verhalten nicht verantwortlich zu sein. Man habe schließlich einer bestimmten Aufgabe gedient, wodurch sich die Schuld der Ideologie, der Politik, dem System beziehungsweise der Institution, in diesem Fall dem MfS und seinen hauptamtlichen Mitarbeitern zuweisen lässt. Die ehemals staatlich sanktionierte positive Bewertung von Denunziationen, zum Beispiel durch das Argument, dass man damit dem Frieden und dem gerechten Kampf gegen den Kapitalismus diente, hätte zum Zeitpunkt der Denunziation durchaus zur Folge haben können, dass Scham- oder Gewissenseinflüsse kaum verhaltenskontrollierend wirkten. Noch Jahre später kann das Abtreten von Entscheidungskompetenz und Eigenverantwortung an übergeordnete Instanzen bewirken, dass man im Rückblick wiederum die Schuld an diese Behörden „abdelegiert“. In diesem Kontext erklärte beispielsweise IM „Kay“: „Ich habe gedacht, dass in einer Arbeiter- und Bauerndiktatur vernünftige Leute, also Arbeiter und Bauern, also normale Menschen das Sagen haben, aber das war eine Illusion. Aus heutiger Sicht würde ich dem Ministerium für Staatssicherheit weder helfen noch irgendwelche Erklärungen geben, sondern ich würde sie [...] regelrecht in die Wüste schicken, aus heutiger Sicht. Erstens weil sie Dinge begangen haben und sich damit nicht an die Verfassung der DDR [...] gehalten haben. Und zweitens wegen ihres ausgesprochen schäbigen Verhaltens jetzt.“

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2005; 102: A 2618–2621 [Heft 39]

Literatur
1. Müller-Enbergs H (Hrsg.): Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Richtlinien und Durchführungsbestimmungen. Berlin: Ch. Links 1996.
2. Süß S: Politisch missbraucht? Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR. Berlin: Ch. Links 1999.

Anschrift der Verfasserin:
Dr. phil. Francesca Weil
Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der Technischen Universität Dresden
Mommsenstraße 13, 01062 Dresden

Interviews, Akten und Probleme bei deren Analyse

Die auch als Leitfadengespräche bezeichneten Interviews gliederten sich entsprechend eines vorbereiteten Fragenkatalogs. In den Interviews dominierte trotzdem generell ein erzählender Duktus, da meistens nicht nur kurz und knapp, sondern mittels detaillierter Schilderungen geantwortet wurde. Zur Kontrolle der Interviewergebnisse wurde ein standardisierter Fragebogen erstellt, den die Gesprächspartner im Anschluss an das Interview ausfüllten. Bei der Auswertung teilstrukturierter Interviews unter qualitativen Aspekten galt es, die hinreichend bekannten Probleme bei Zeitzeugenbefragungen zu berücksichtigen: Es wurden subjektive Sichtweisen und Erfahrungen vorgetragen; die Personen berichteten aus der Erinnerung heraus. So gab es neben unwillkürlichen Erinnerungsverlusten auch Veränderungen in der Erinnerung durch Werte- wie Meinungsänderungen, Verdrängungsprozesse und vieles andere mehr.
Aber auch bei der Auswertung von IM-Akten ist Quellenkritik geboten. Die Informationssammlungen des MfS bilden sicherlich „ein Gegengewicht zur allgemein schönfärbenden Tendenz der nicht-konspirativen politischen Berichtssysteme der DDR“, was den Quellenwert der MfS-Unterlagen gerade für sozialwissenschaftliche Forschungen nicht unmaßgeblich erhöht. Andererseits muss dabei bedacht werden, dass mittels der Stasiakten nicht versucht wurde, „Menschen gerecht zu werden“. Sondern es ging darum, „zu denunzieren, Vertrauliches auszuspionieren, für Erpressungen nützliches Material auszuschlachten“.
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Gegenüberstellung der Motive

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