ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2005Reiserücktrittskostenversicherung: Wann der Anbieter zahlt

Versicherungen

Reiserücktrittskostenversicherung: Wann der Anbieter zahlt

Nies, Irmtraud

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LNSLNS Wer eine Reise bucht, bekommt stets auch eine Reiserücktrittskostenversicherung angeboten.

Die Reiseveranstalter sind verpflichtet, Gelegenheit zum Abschluss einer Reiserücktrittskostenversicherung zu geben. Versichert wird das Risiko der vertraglich geschuldeten Stornokosten bei Nichtantritt der Reise aus einem der Gründe, die in den Versicherungsbedingungen genannt sind. Aus dem Informationsmaterial der Versichererung ist zu ersehen, ob darüber hinaus das finanzielle Risiko einer verspäteten Anreise und des Reiseabbruchs versichert werden kann.
Versicherungsschutz besteht insbesondere, wenn nach der Reisebuchung und nach Abschluss des Versicherungsvertrages Tod, unerwartete schwere Erkrankung, schwere Unfallverletzung, Schwangerschaft oder Impfunverträglichkeit einer versicherten Person oder eines Angehörigen eintritt und die Reisebuchung daraufhin unverzüglich storniert wird, weil der Reiseantritt nicht möglich oder nicht zumutbar ist.
Entscheidend: „unerwartete schwere Erkrankung“
Drehpunkt für die Beurteilung der Eintrittspflicht des Versicherers ist der Begriff der „unerwarteten schweren Erkrankung“ beziehungsweise der schweren Unfallverletzung. Schwer ist eine Krankheit oder Unfallverletzung nach ständiger Rechtsprechung, wenn in Anbetracht der Krankheitssymptome der Reiseantritt nicht möglich oder nicht zumutbar ist. Betrifft das Ereignis die reisen-de Person selber, kommt es demnach darauf an, welche Art Reise gebucht war. Ein Krankheitsbild mag eine Fernflugreise oder eine Trekkingtour verbieten, während die Nutzung einer Ferienwohnung im mitteleuropäischen Raum durchaus zumutbar und möglich ist. Schnupfen ist nach allgemeiner ärztlicher Beurteilung gewiss keine schwere Erkrankung; eine Tauchreise kann bei Schnupfen jedoch unzumutbar werden.
Maßgebend für die Feststellung einer „schweren Krankheit“ sind zunächst die Symptome der Krankheit. Voraussetzung für die Feststellung einer schweren Krankheit im Sinne der Reiserücktrittskostenversicherung ist nicht erst die Diagnose. Die Notwendigkeit stationärer Behandlung – sei es zur Therapie oder auch zu weiterführen-der Diagnostik – zeigt in der Regel das Vorliegen eines schweren Krankheitsbildes an. Ist andererseits eine schwerwiegende Diagnose bekannt, die während einer günstigen Phase mit geringer Symptomatik die Reise erlauben würde, tritt kein versichertes Ereignis ein, wenn sich die Symptome der bekannten Krankheit derart verstärken, dass die Reise nicht angetreten werden kann. Wann immer entweder Symptome vorliegen, die auf ein schweres Krankheitsbild hindeuten, oder aber eine schwerwiegende Krankheit diagnostiziert worden war (die vorübergehend eine günstige Phase zeigen mag), kann bei einer Verstärkung der Symptomatik oder bei Bekanntwerden der Diagnose nicht vom unerwarteten Auftreten einer Krankheit gesprochen werden.
Die Rechtsprechung verneint das Auftreten einer „unerwarteten schweren Erkrankung“, wenn der Patient zur Zeit der Reisebuchung beziehungsweise zur Zeit des Abschlusses des Versicherungsvertrages noch in ärztlicher Behandlung steht und eben diese Krankheit später Anlass zur Stornierung der Reisebuchung gibt. Keinen Versicherungsschutz können daher Patienten erwarten, bei denen bereits Symptome festgestellt wurden, die auf eine Krebserkrankung hindeuten (zum Beispiel hohe PSA-Werte, Knoten in der Brust, Blut im Stuhlgang), bei denen die Chemo- oder Strahlentherapie noch nicht abgeschlossen ist, oder Patienten, bei denen bei einer Medikamentenumstellung noch nicht wieder ein stabiler Zustand erreicht ist. Bei chronischen Krankheiten, die von längeren stabilen Phasen gekennzeichnet werden, zum Beispiel multipler Sklerose, bieten einige Versicherungen Deckungsschutz, wenn nach einer längeren stabilen Phase ein gesundheitlicher Einbruch zur Reiseunfähigkeit führt.
Ein Rückfall in die Alkoholkrankheit wurde in ständiger Rechtsprechung nicht als Auftreten einer unerwarteten schweren Erkrankung anerkannt, weil jeder Alkoholiker auch nach längeren Phasen der Abstinenz mit einem Rückfall rechnen muss, wenn er erneut auch nur geringe Mengen Alkohol zu sich nimmt.
Ein psychosomatischer Erschöpfungszustand wird von der Rechtsprechung nur dann als versichertes Ereignis anerkannt, wenn dem eine seelische Erkrankung zugrunde liegt und diese Erkrankung unerwartet aufgetreten ist. Der Nachweis für das Vorliegen einer Krankheit aus dem psychiatrischen Formenkreis kann nach den Versicherungsbedingungen ausschließlich durch ein Attest eines Facharztes für Psychiatrie geführt werden. Wochen nach der Reiseabsage erstellte Atteste sind als Nachweis allerdings nicht geeignet. Die Tatsache, dass keine psychiatrische Behandlung stattfindet, spricht im Übrigen gegen das Vorliegen eines schweren Krankheitszustandes.
Bei Auftreten einer unerwarteten schweren Erkrankung oder einer schweren Körperverletzung ist die Reise unverzüglich zu stornieren. Die Hoffnung, rechtzeitig bis zum gebuchten Reiseantritt wieder zu genesen, entlastet den Versicherten nicht von dieser Verpflichtung. Wird die Stornierung hinausgezögert in der Hoffnung, doch reisen zu können, und entstehen bei späterer Reiseabsage höhere Stornokosten, erstattet die Versicherung nur die Rücktrittskosten, die bei unverzüglicher Reiseabsage berechnet worden wären. Bei ungewissem Heilverlauf oder bei bestehendem Rückfallrisiko sollte die Reise daher sofort bei Auftreten der Krankheit abgesagt werden. Dies gilt insbesondere, wenn nach Eigenart der Krankheit von vornherein mit längerer und ungewisser Heildauer gerechnet werden muss. Nur wenn der Arzt in Anbetracht des gesundheitlichen Allgemeinbefindens und nach der Eigenart der Krankheit eine zuverlässige Heilprognose machen kann, kann die Reiseabsage zurückgestellt werden, ohne den späteren Vorbehalt einer Obliegenheitsverletzung.
Keine Gefälligkeitsatteste
Als Nachweis für das Auftreten der Krankheit halten die Versicherungen Fragebogen bereit. Atteste, die in freier Form erstellt werden, sollen neben den persönlichen Daten der Patienten folgende Angaben enthalten:
- ärztlich festgestellte Beschwerden und Symptome,
- Diagnose (soweit bereits bekannt),
- Behandlungsbeginn und weitere Behandlungsdaten,
- Bewertung des Arztes zur Reisefähigkeit.
Die Angaben sind objektiv und nach bestem Wissen und Gewissen zu erstellen. Die Versicherungen behalten sich in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen vor, die Versicherten zu Kontrolluntersuchungen durch andere Ärzte aufzufordern.
Dr. jur. Irmtraud Nies
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