POLITIK

Hochschulen: Witten/Herdecke besser als ihr Ruf

Dtsch Arztebl 2005; 102(40): A-2678 / B-2262 / C-2137

Zimmermann, Thomas

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Ein Leistungsvergleich der Medizinischen Fakultäten – erstellt vom Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf – kommt zu überraschenden Ergebnissen.

Der Wissenschaftsrat hat am 15. Juli 2005 der privaten Universität Witten/Herdecke die Akkreditierung erteilt, die ärztliche Ausbildung jedoch heftig kritisiert und eine Weiterführung der Medizinerausbildung „in ihrer derzeitigen Form“ als „nicht länger verantwortbar“ bezeichnet (dazu DÄ, Heft 30/2005). Die wichtigsten Gründe für diese Kritik sind die aus Sicht des Wissenschaftsrates ungenügende personelle Ausstattung der Fakultät, die unzureichenden Leistungen in der Forschung und die mangelnde forschungsbezogene Verzahnung der Medizinischen Fakultät mit den anderen Fakultäten und den Krankenhäusern des Umlandes.
Als weiteren Grund für seine Kritik führte der Wissenschaftsrat auch die unzureichenden Leistungen der Medizinstudierenden in Witten/Herdecke in den staatlichen Prüfungen an. Die vorsichtig formulierte Aussage basiert allerdings auf den Ergebnissen von lediglich zwei Jahrgängen. Dem widersprach die Universität Witten/Herdecke heftig und behauptete das Gegenteil: „In Nordrhein-Westfalen sind die Witten-Herdecke-Mediziner schneller und besser. Solche Zahlen liegen für einen bundesweiten Vergleich unseres Wissens nicht vor.“
Allerdings kann das Institut für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf aus einem zurzeit durchgeführten Leistungsvergleich der vorklinischen Ausbildung an den 36 Medizinischen Fakultäten berichten. Die Ergebnisse der gesamten Studie sollen noch in diesem Jahr veröffentlicht werden. Untersucht wurde der Erfolg in der Ärztlichen Vorprüfung an den 36 Medizinischen Fakultäten über den Zeitraum 1994–2003 (neun Jahre) auf der Basis der Jahresberichte des Mainzer Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP). Der Zeitraum ab 1994 wurde gewählt, weil erst ab 1994 die Medizinischen Fakultäten in den fünf neuen Bundesländern an der bundesweiten schriftlichen Prüfung teilnehmen. Um eine hinreichende Vergleichbarkeit herzustellen, wurden die Prüfungsergebnisse der beiden Prüfungstermine im Herbst und im darauf folgenden Frühjahr zu einem Jahresergebnis zusammengefasst.
Bezüglich Witten/Herdecke entfällt die Teilnahme der Studierenden an der bundesweiten schriftlichen Ärztlichen Vorprüfung ab 2002 aufgrund der Einführung des Modellstudiengangs im Jahr 2000. Deshalb können die Leistungen der Studierenden nur für den Siebenjahreszeitraum 1994–2001 verglichen werden. Was lässt sich aus der Analyse in Bezug auf Witten/Herdecke folgern? Die Tabelle fasst die Ergebnisse der schriftlichen Prüfung für den Zulassungszeitraum 1992 bis 1999 beziehungsweise den Prüfungszeitraum 1994 bis 2001 zusammen.
Im Bundesdurchschnitt
Danach liegen die Prüfungsergebnisse der Studierenden in Witten/Herdecke für die „Schnellstudierer“ der IMPP-Referenzgruppe (Anmeldung zur Prüfung nach vier Semestern) im Bundesdurchschnitt. Auch der Anteil der „Schnellstudierer“ an der Kohorte ist unauffällig. Bezogen auf die weniger aussagefähige Kategorie „Prüfungserfolg nach Anmeldung“, sind die Ergebnisse sogar überdurchschnittlich gut. Eine unterdurchschnittliche Prüfungsleistung lässt sich aus keinem der beiden Parameter ableiten. Allerdings kommen die Medizinstudierenden aus Witten/Herdecke im Vergleich zum Bundesdurchschnitt auch nicht schneller durch die Ärztliche Vorprüfung.
Die Universität Witten/Herdecke vergleicht die Leistungen ihrer Studierenden mit anderen Medizinischen Fakultäten Nordrhein-Westfalens. Ohne auf die Frage einzugehen, was dieser regionale Vergleich aussagt, kann festgestellt werden, dass sich die Medizinstudierenden in Witten/Herdecke im schriftlichen Teil der ärztlichen Vorprüfung zwischen 1994 und 2001 im nordrhein-westfälischen Mittelfeld bewegen und damit weder über- noch unterdurchschnittliche Leistungen erbringen.
Die Diskussion über die Qualität der ärztlichen Ausbildung sollte weitergeführt werden – am besten aber auf der Basis verlässlicher Daten.
Prof. Dr. med. Hendrik van den Bussche
Dr. phil. Thomas Zimmermann
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