ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1997Befindlichkeit: Kein Recht zur Wertung

SPEKTRUM: Leserbriefe

Befindlichkeit: Kein Recht zur Wertung

Barabasch, Richard

Gedanken zum Problem der Geringfügigkeit einer Gesundheitsstörung
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LNSLNS Die Lebenserfahrung zeigt immer wieder erschreckend: Menschen neigen dazu, das, was sie nicht wissen oder nicht kennen, sehr behende abzutun und als "geringfügig" zu bezeichnen. Wenn das bei ärztlicher Tätigkeit geschieht, ereignet sich ein Verlust ärztlicher Wirklichkeit. Wir Ärztinnen und Ärzte sollten ein derartiges ärztliches Fehlverhalten nun tatsächlich nicht einem krankenkassenseitigen Machtstreben und einer politischen Indolenz andienen, indem wir auch noch gehorsam den Drohungen dieser Institutionen gehorchen und uns dadurch in unserem an und für sich freien Beruf auch als Kassenärztinnen und Kassenärzte völlig abhängig machen von den Flötentönen derer, die mit Rattenfängermanieren uns einzuschüchtern versuchen.
Unsere Patienten sehen und lesen mehrmals in der Woche, wie zum Beispiel Sportler mit welchem Aufwand gesund behandelt werden, und haben kein Verständnis dafür, wenn sie mit entsprechenden Beschwerden keine Bandage, keine KG, keine irgendwie geartete Medikation bekommen dürfen, weil ihre gestörte Befindlichkeit eine angeblich geringfügige Bagatelle ist.
Wir haben als Ärztinnen und Ärzte nicht das Recht, eine Wertung der Befindlichkeit unserer Patienten vorzunehmen, wenn diese Wertung eine Abwertung ist! Wenn Wertung, dann höchstens und ausschließlich im Sinne der Empathie zu der Befindlichkeit des darüber vertrauensvoll berichtenden Patienten, der ja wegen einer entsprechenden von ihm wahrgenommenen Störung zu uns gekommen ist.
Diese derzeitige unselige Situation in unserem Gesundheitswesen zwingt uns zu einer neuerlichen Diskussion über ethisches Verhalten, und es ist – obwohl manche darüber gleich jaulen werden – die subtile Fortsetzung der Diskussion über Unwert und Wert nicht nur von Leben, sondern von Lebensqualität eines Menschen, der unsere Praxis aufgesucht hat, um ein Leiden mit uns zu teilen, gleich mitzuteilen. Mag er es noch so neurotisch oder begehrend vortragen, es steht eine leidende Persönlichkeit dahinter . . .
Dr. med. Richard Barabasch, Friedenstraße 26, 76461 Muggensturm
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