ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2005Gesundheitssysteme Mittel- und Osteuropa (Teil 6) - Litauen: Verhaltener Fortschritt

THEMEN DER ZEIT

Gesundheitssysteme Mittel- und Osteuropa (Teil 6) - Litauen: Verhaltener Fortschritt

Dtsch Arztebl 2005; 102(40): A-2690 / B-2270 / C-2144

Merten, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Obwohl die Krankenhauslandschaft schrittweise restrukturiert wird und die Gehälter der Ärzte langsam steigen, befindet sich der Reformprozess im Baltenstaat noch in den Anfängen.

Politiker geben sich selten pessimistisch. Halbleere Gläser sind halbvoll, Probleme werden so lange schöngeredet, bis keine mehr zu erkennen sind. Schenkt man den Aussagen von Vizegesundheitsminister Rimantas Sadzius Glauben, zeichnen auch das litauische Gesundheitswesen kaum noch Schwächen aus: Wartelisten in Krankenhäusern gibt es selten, Ärzte sind aufgrund der soeben angekündigten Gehaltsanhebung voll der Hoffnung und Krankenhäuser auf dem besten Weg, hoch technisierte Dienstleistungszentren zu werden. Kurzum: „Die Geschwindigkeit der Reformen ist enorm“, freut sich der Minister.
Befindet sich der südlichste Baltenstaat auch auf dem richtigen Weg, müssen selbst Optimisten eingestehen, dass noch vieles im Argen liegt. Wie andere mittel- und osteuropäische Länder hat auch Litauen seit seiner Unabhängigkeitserklärung 1990 und dem Übergang vom Kommunismus zur parlamentarischen Demokratie mit Altlasten zu kämpfen. Das Angebot an Ärzten ist zu groß, insbesondere die Zahl der Krankenhäuser und der dortigen Betten sind nicht länger finanzierbar. Ähnlich wie in Lettland haben deshalb wechselnde Regierungen seit Anfang 2000 damit begonnen, Krankenhäuser zu schließen, umzustrukturieren oder einzelne Abteilungen in andere Krankenhäuser auszulagern. „Wir wollen hin zu mehr ambulanter und weniger stationärer Behandlung“, erklärt Sadzius im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.
Der erste Schritt ist getan.
Eine der vielen Kirchen, die sich in der größten Altstadt Osteuropas befindet: die Kathedrale von Vilnius Foto: Baltikum Tourismus Zentrale
Eine der vielen Kirchen, die sich in der größten Altstadt Osteuropas befindet: die Kathedrale von Vilnius Foto: Baltikum Tourismus Zentrale
Verfügte Litauen vor 15 Jahren noch über etwa
1 300 Betten für 100 000 Einwohner, verringerte sich die Bettenzahl durch den Restrukturierungsprozess auf weniger als 900. Auf diese Weise hoffen Sadzius und Ge­sund­heits­mi­nis­ter Zilvinas Padaiga, die ihrer Ansicht nach zu hohen Kosten für den stationären Bereich zu verringern. 2003 wurden mehr als 870 Millionen Euro für Gesundheit ausgegeben, davon flossen circa 60 Prozent in die Krankenhäuser. Während die Ausgaben für den stationären Bereich hoch sind, fehlen Einnahmen. Der Grund: Steuern und Beiträge, die in die staatliche Patientenkasse fließen (siehe Kasten nächste Seite), sind zu gering. Sie sollten theoretisch zwar sogar ausreichen, um allen Einwohnern Litauens eine unentgeltliche Gesundheitsversorgung zur Verfügung zu stellen. Diese Vorgabe des Gesetzgebers bleibt jedoch nicht zuletzt aufgrund fehlender Zuzahlungen Wunschdenken. Zudem bringt das Einnahmedefizit dem Präsidenten der Litauischen Ärztegesellschaft zufolge Wartelisten mit sich – vor allem bei aufwendigen Operationen. „Unsere Patienten müssen häufig bis zu sechs Monaten ausharren, bei Endoprothesebehandlungen noch länger“, widerspricht Dr. med. Liutauras Labanauskas Vizegesundheitsminister Sadzius. Die Situation sei verzwickt: Die Patienten wollten eine Kran­ken­ver­siche­rung, die wie früher für alles aufkommt. Sie seien aber nicht bereit, dafür zu zahlen, ergänzt Dr. med. Asta Grigaliuniene, Generalsekretärin der Ärztegesellschaft. „Die Leistungen der Ärzte sind für die Patienten selbstverständlich.“
Der akute Geldmangel wirkt sich auch auf den Zustand der Krankenhäuser aus. So sind zwar einige der 22 Abteilungen des Universitätskrankenhauses in Vilnius renoviert worden und verfügen über hohe technische Standards. „Das Geld für die Renovierung und die Geräte stammt aber von privaten Investoren und Stiftungen“, sagt Ausrine Lisauskiene, Leiterin der Öffentlichkeitsabteilung. Helle Wände mit Bildern, modernes Mobiliar und großzügig ausgestattete Krankenzimmer sucht man auf den meisten Etagen vergeblich. Nach einem Rundgang durch das größte Krankenhaus Litauens erscheint es fast so, als handele es sich bei dem riesigen Komplex um viele kleine Kliniken, die wahllos zusammengeflickt worden sind.
Leidtragende des chronischen Geldmangels sind nicht zuletzt die Ärztinnen und Ärzte. „Die Regierungen vertrösten uns schon seit 15 Jahren“, sagt Grigaliuniene. Als Folge geringer Verdienste, zahlreicher Überstunden und nur mäßiger Anerkennung seitens der Patienten forderten Ende Mai Hunderte von Ärzten mehr Gehalt. Das Ergebnis: Vier Jahre in Folge will das Ministerium die Gehälter jetzt erhöhen – im ersten Jahr um 50, im zweiten um 30 und im dritten und vierten Jahr jeweils um 25 Prozent. Während Vizeminister Sadzius glaubt, den Ärzten mit der Gehaltsanhebung ein großes Stück entgegengekommen zu sein, hält sich die Euphorie Grigaliunienes in Grenzen. „Unsere Situation hat sich nur geringfügig verbessert“, sagt die Fachärztin für Chirurgie desillusioniert. Vor dem Streik lag das Gehalt der meisten Ärzte nur knapp über dem litauischen Durchschnittseinkommen von 380 Euro brutto monatlich; um überhaupt ein solches Einkommen zu erreichen, hätten vor allem Hausärzte Patienten im 10-Minuten-Takt „abfertigen“ müssen, erzählt Grigaliuniene. Das liegt vor allem daran, dass die Bezahlung von niedergelassenen Ärzten sowohl leistungs- als auch personenbezogen erfolgt. 1 500 Patienten dürfen höchstens pro Monat vergütet werden, pro Kopf erhält der Arzt eine fixe Pauschale. Kommen mehr Patienten in die Praxis, hat er diese kostenfrei zu behandeln.
Auch Dr. med. Ilona Aleksiuni
Asta Grigaliuniene und Liutauras Labanauskas von der Ärztegesellschaft Foto: Litauisches Ge­sund­heits­mi­nis­teriuma
Asta Grigaliuniene und Liutauras Labanauskas von der Ärztegesellschaft Foto: Litauisches Ge­sund­heits­mi­nis­teriuma
Anzeige
ene relativiert die jetzige Höhe des Gehalts: Würden die meisten Ärzte nicht zwei bis drei Stellen besetzen, bliebe die Gehaltserhöhung ohne spürbare Wirkung, meint die Fachärztin für Augenheilkunde. Wie Aleksiuniene arbeiten viele Ärzte zunächst von sieben bis 13 Uhr in einer Poliklinik und bessern ihr Gehalt im Anschluss daran privatärztlich auf. Zahlen des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums belegen diesen Trend: 16 000 Arbeitsplätze für Ärzte gibt es derzeit, diese werden jedoch nur von 10 000 Ärzten besetzt. Andere Ärzte – auch das ist eine Lösung – wandern aus. Sadzius zufolge sind viele sehr gut ausgebildet, empfänden die Bezahlung in Litauen aber nicht als angemessen. „In diesem Jahr haben bereits 300 Ärzte einen Antrag auf Auswanderung gestellt“, sagt der Vizeminister verbittert.
Unter diesen Umständen verwundert es nicht, dass auch in Litauen Schwarzgeldzahlungen üblich sind. Sie sind nach den Worten von Sadzius nicht nur „üblich“, sondern werden auch „gerne angenommen“, gesteht Labanauskas. Dabei fasse man kleinere finanzielle Zuwendungen eher als Ausdruck der Dankbarkeit denn als Bestechung oder Druckmittel auf. Wie groß das Ausmaß dieser „kleineren Zuwendungen“ ist, soll derzeit eine britische Unternehmensberatergruppe ermitteln. Ganz so gering wird die Höhe allerdings nicht geschätzt. Denn der private Anteil an den Gesundheitsausgaben lag 2003 bei knapp 24 Prozent. Darin eingeschlossen sind zwar Direktzahlungen, die bei zahnärztlicher Versorgung und einem Großteil der Arzneimittelversorgung anfallen. Diese allein ergeben jedoch keine 24 Prozent.
Wie in Lettland plant die Regierung in Litauen, gegen Korruption im Gesundheitswesen vorzugehen. In Vilnius denkt man dabei weniger an ein Korruptionsgesetz. „Denkbar wäre eine staatliche Ärztekammer, zu deren Aufgaben zählt, Ärzte stärker zu kontrollieren“, sagt Sadzius. Anders als bei der bestehenden Ärztegesellschaft, deren 8 000 Mitglieder freiwillig beigetreten sind und ein Prozent ihres Gehalts an die Gesellschaft abführen, wäre die Kammermitgliedschaft verpflichtend. Labanauskas hält nichts von dieser Idee: „Wie soll eine staatliche Kammer, in der Ärzte vertreten sind, andere Ärzte kontrollieren?“ erregt er sich. Anstelle einer solchen „postkommunistischen Kammer“ müsse die Regierung direkte Zuzahlungen einführen, um gegen Korruption vorzugehen. Ob Zuzahlungen der bessere Weg gegen unliebsame Schwarzgeldzahlungen sind, wird sich wohl erst in einigen Jahren herausstellen. Denn Fortschritt in Litauen braucht Zeit. Martina Merten

Einige Daten zu Litauen
- Einwohnerzahl: 3,43 Millionen (davon circa 650 000 in Vilnius) (Deutschland: 82,8 Millionen)
- Bruttoinlandsprodukt (BIP): 17,8 Milliarden Euro (Deutschland: 2 129 Milliarden)
- Arbeitslosenquote: 5,9 Prozent (Deutschland: 11,3 Prozent)
- Erwerbsquote: 58,4 Prozent (Deutschland: 68,1 Prozent)
- Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP: etwa 9,7 Prozent (inklusive der Eigenbeteiligung der Bevölkerung) (Deutschland: 10,7 Prozent)
- Anzahl der Beschäftigten im Gesundheitswesen: etwa 40 000 (Deutschland: 4,2 Millionen einschließlich Pharma-, Geräte- und Sekundärwirtschaft)

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.