ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2005Arztgeschichten: „Ein Theater um das liebe Gewicht . . .“

VARIA

Arztgeschichten: „Ein Theater um das liebe Gewicht . . .“

Schulz, Annerose

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Seit 2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig Arztgeschichten – zunächst aus der Literatur, seit Heft 3/2004 vorwiegend Beiträge aus der Leserschaft.

Ich muss unbedingt abnehmen, Frau Doktor!“ rief Frau Schnepfe, als sie das Sprechzimmer betrat, und schob ihren Busen, einer Kampfansage gleich, vor sich her. Sie war durchaus liebenswürdig, genesungswillig und stets bemüht, den Spuren der modernen Medizin zu folgen. Allerdings auch ein wenig anstrengend, denn es gab keine Region ihres Körpers, an der sie nicht litt. Aber nun dieser gute Vorsatz! Sie hatte völlig Recht. Ihr rosa Kleid spannte gefährlich über allen Wülsten. Man hatte Sorge, die Nähte könnten jeden Moment platzen. Gesundheitsberatung tat Not! Ich wusste inzwischen: Die freundlich-aufklärenden Gespräche mit den Dicken fielen fast immer gleich aus. [. . .] Frau Schnepfes heldenhafter Entschluss war heute Balsam für meine Seele. Sie wollte wirklich ernsthaft abnehmen! Derart temperamentvoll vorgetragen, signalisierte sie: es war ihr bitterernst mit ihren Vorsätzen. Hier leuchteten gewisse Erfolgschancen am Horizont auf! Das Schwerste wurde wie immer der Gang zur Waage. Sie legte schnell noch einige Kleidungsstücke ab, zog ihre Schuhe aus, trennte sich von ihrem Taschentuch, diversen Ringen und ihrer Halskette. Trotzdem – niederschmetternde
20 Kilogramm Übergewicht! Nun bat sie mich händeringend um Hinweise für eine Kost, die ihr eine schnelle, schmerzlose und verjüngende Gewichtsabnahme bescheren würde. Sie würde alles dafür tun! Ich opferte bestimmt fünfzehn Minuten für die Beratung über eine kalorienarme Diät. [. . .] Danach glaubte ich, von ihr verstanden worden zu sein. Zwar wagte sie zum Schluss noch einen kleinen Vorstoß: „Aber ein kleines Stück Torte am Nachmittag schadet doch nichts? Ein ganz kleines . . .? Klitzekleines . . .?“ „Nein“, blieb ich konsequent, „wenn Sie abnehmen wollen, dann müssen Sie schon auf das regelmäßige Stück Torte am Nachmittag verzichten!“
[. . .] Die Nächste war eine besorgte Dame, die ihre minderjährige Tochter vor sich her ins Sprechzimmer schob. Nach der damaligen Mode war die Tochter in eine weite grüne Kutte gehüllt, die ihre ohnehin kräftige Statur noch weiter verschwimmen ließ. Die Mutter äußerte in wohlgesetzten Worten den Verdacht, es könne mit der Tochter etwas nicht ganz in Ordnung sein. Ging es bei ihr etwa auch um Übergewicht? Ja. „Ich fürchte, Manuela hat etwas mit den Drüsen“, sagte die Mutter bekümmert. „Trotz ihrer 16 Jahre geht sie so aus dem Leim . . .“ Die Tochter sagte überhaupt nichts. Sie war bockig. Ich bat Manuela, sich frei zu machen. Sie zog ihren grünen Parka fester um ihren Körper und blieb ungerührt sitzen. „Jugendliche sind manchmal besonders schamhaft“, dachte ich und bat sie nochmals inständig, sich auszuziehen. Manuela sträubte sich heftig. Aber nach vielen guten Worten ließ sie sich dann doch herab, ihre Hüllen fallen zu lassen. Langsam, sehr langsam. Als ich ihren Bauch untersuchte, bekam ich große Augen. Es war eine bildschöne Schwangerschaft im siebenten Monat. Ich deu-
tete die Möglichkeit einer Schwangerschaft an. „Was???“ schrie Manuela gekränkt auf und konnte plötzlich sprechen: „liiiiiiiiich bin doch nicht schwanger!!!“ liiiich doch nicht!!!“ Die Mutter war sprachlos. Manuela stritt Stein und Bein, das könne nicht sein! Alle Verdächtigungen wies sie weit von sich. Trotzdem schrieb ich die Überweisung. „Die Sonne bringt es an den Tag – und vorher schon der Ultraschall!“ murmelte ich, während die geknickte Kleinfamilie das Sprechzimmer verließ. Der nächste Schreck folgte fast unmittelbar. Passanten rissen die Sprechzimmertür auf und schrien, es läge jemand tot auf der Fahrbahn – direkt vor der Praxis! Auf der Straße vor unserem Haus wogte ein Menschenauflauf. Der „rote Emil“, eine stadtbekannte Persönlichkeit mit einem blühenden roten Gesicht, das er vor allem dem jahrelangen Genuss geistiger Getränke zu verdanken hatte, war direkt vor unserem Haus vom Fahrrad gefallen. Das „Hochprozentige“ hatte ihn kurz, aber heftig aus dem Sattel geworfen. Ich kniete neben ihm nieder. Da lag der „rote Emil“ also auf dem Asphalt, bewusstlos, und ein Blutbächlein rieselte aus einer Schürfwunde am Kopf. Jemand hatte ihn schon in die stabile Seitenlage gebracht. Emil bot einen bedauernswerten Anblick. Meine Helfer schleppten ihn mit der Notfalltrage in mein Sprechzimmer und betteten ihn auf die blütenweiße Liege. Die Schwestern lagerten und säuberten ihn. Ich untersuchte und spritzte ihn. Dank vereinter Bemühungen erwachten seine Lebensgeister allmählich wieder, wobei er Ströme von Alkoholdunst in die reine Atmosphäre unseres Raumes und in die Gesichter der selbstlosen Retter sandte. Langsam schlug er seine Augen wieder auf. Gerade als wir den „roten Emil“ vorsichtig aufsetzen lassen wollten, um die Verbände anzulegen, öffnete sich die Sprechzimmertür – und Frau Schnepfe steckte ihren Kopf herein. Nanu, was wollte sie denn noch? Völlig ungerührt von der sichtlichen Notfallsituation, flüsterte sie dem Nächststehenden zu: „Ich habe nur noch eine ganz kurze Frage an Frau Doktor . . .“ Der Angesprochene glaubte, sie gehöre zu dem Verunglückten. „Ja, bitte . . .“, sagte er höflich und ließ sie ins Zimmer. Frau Schnepfe nahm keinerlei Notiz vom „roten Emil“, der immer noch recht mitgenommen auf der Liege herumhing, sondern steuerte direkt auf mich zu. „Frau Doktor!“ rief sie, „kann ich am nächsten Sonntag auch Eisbein mit Sauerkraut kochen? Ich habe gerade so ein wunderschönes Eisbein bekommen . . .!“ Da blieben mir alle Worte im Halse stecken, und ich hob fassungslos die Hände. Und dann stieg in mir die dumpfe Ahnung auf, dass ich auch bei Frau Schnepfe keine großen Lorbeeren ernten würde. Beim Kampf ums liebe Gewicht. Und so kam es denn auch. Wenige Wochen später erklärte sie mir: „Also, Frau Doktor, das liegt bei uns in der Familie. Meine Eltern hatten auch so starke Knochen. Da kann man nichts machen. Und am Essen liegt es sowieso nicht . . .“ Na ja, das kannten wir schon . . . Nur eine einzige Patientin hatte so richtig Erfolg mit dem Abnehmen. Wenigstens im Rahmen der von der Natur vorgegebenen Grenzen. Es war Manuela, die wegen der „kranken Drüsen“ so seltsam „aus dem Leim gegangen“ war. Genau zwei Monate nach dem Tag mit dem Theater um Frau Schnepfe und den „roten Emil“ wurde sie wieder schlank. Sie entband in der Universitäts-Frauenklinik ohne größere Mühen einen kräftigen Knaben.
MR Dr. med. Annerose Schulz
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote