ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2005Kunsttherapie: Im Spannungsfeld

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Kunsttherapie: Im Spannungsfeld

PP 4, Ausgabe Oktober 2005, Seite 465

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LNSLNS Kunsttherapie liegt im Spannungsfeld zwischen Kunst und Therapie. Sie kann als ein ressourcen-, erlebnis-, handlungs- und beziehungsorientiertes therapeutisches Verfahren bezeichnet werden, bei dem alle Potenziale der bildenden Kunst zur Entfaltung kommen und eine Hilfe bei der Bewältigung von Leiden, Krisen, Krankheit darstellen. Kunsttherapie zielt darauf ab, die schöpferischen Kräfte eines Menschen in der therapeutischen Begegnung zu (re-)aktivieren – zur Stärkung von Selbstheilungskräften und einer identitätsstiftenden Selbstregulierung. Die ästhetische Produktivität, in unterschiedlichem Material erfahrbar, erweitert die therapeutische Beziehung und enthält Chancen zu Erkenntnisprozessen und Kompetenzgewinn.
Eine Besonderheit der Kunsttherapeuten ist die konstruktive Verbindung von zwei Professionalitäten, und zwar von künstlerischen und therapeutischen Kompetenzen. Künstlerische Kompetenzen resultieren unter anderem aus Erfahrungen, dem persönlichen Kunstverständnis und einer praktischen und theoretischen Auseinandersetzung mit Kunst und Kunstgeschichte. Therapeutische Kompetenzen umfassen die Fähigkeit zur Beziehungsgestaltung und das bewusste Wahrnehmen und Verstehen des psychodynamischen Geschehens. Darüber hinaus zählen medizinisches Grundwissen und entwicklungspsychologische Kenntnisse über bildnerische Entwicklung und Symbolbildung dazu. Bei den therapeutischen Kompetenzen setzen die einzelnen kunsttherapeutischen Konzepte unterschiedliche Schwerpunkte. Zentrale Bezüge für die Gestaltung der kunsttherapeutischen Beziehung entstammen der Psychoanalyse, der analytischen Psychologie, der Gestalttherapie und dem anthroposophischen Weltbild. Arbeitsfelder von Kunsttherapeuten existieren bisher in verschiedenen Bereichen der präventiven, akuten und rehabilitativen Medizin, mit Personen unterschiedlichen Alters, Krankheiten und Krisen. Kunsttherapie gibt es insbesondere in der Rehabilitation, bei psychiatrischen, neurologischen und psychosomatischen Erkrankungen, bei onkologischen, rheumatischen und chronischen Krankheiten oder bei Sucht- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie hat aber auch ihren Platz in der Familienhilfe, Kinder- und Jugendhilfe, Alten- und Behindertenhilfe, Bewährungshilfe, Drogennachsorge und in der Familienrehabilitation.
In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich in Deutschland ein vielfältiges Angebot kunsttherapeutischer Ausbildungen etabliert. Heute werden drei Ausbildungen unterschieden: 1. Aufbaustudiengänge an Kunsthochschulen, 2. grundständige Diplomstudiengänge an Fachhochschulen und 3. private Ausbildungsinstitute, die sich im Rahmen berufsbegleitender Weiterbildung der Ausbildung auf Hochschulniveau verpflichten. Die meisten dieser Anbieter sind in kunsttherapeutischen Berufsverbänden zusammengeschlossen, zum Beispiel in der Deutschen Gesellschaft für Künstlerische Therapieforschung und Therapie mit kreativen Medien, im Deutschen Fachverband für Kunst- und Gestaltungstherapie und im Berufsverband anthroposophisch orientierter Kunsttherapeuten. Daneben gibt es zahlreiche, nicht in den Berufsverbänden erfasste, private Ausbildungsinstitute, die keiner Ausbildungskontrolle unterliegen. Da die Berufsbezeichnung „Kunsttherapeut“ nicht geschützt ist, können sich auch die Absolventen der letztgenannten Ausbildungen so nennen. Die sehr unterschiedlichen Grund- und Zusatzqualifikationen von Kunsttherapeuten belastet die tarifliche Eingruppierung in der Besoldung erheblich. Daher wird noch einige Zeit vergehen, bis sich Kunsttherapie als anerkanntes und – im weitesten Sinn – psychotherapeutisches Verfahren angemessen etabliert. ms

Mechler-Schönach C, von Spreti F: FreiRaum. Zur Praxis und Theorie der Kunsttherapie. Psychotherapeut 2005; 50: 163–178.

Prof. Dr. Christine Mechler-Schönach, Pädagogin und Kunsttherapeutin, Fachhochschule für Kunsttherapie, Sigmaringer Straße 15, 72622 Nürtingen, E-Mail: c.mechler-schoenach@t-online.de

Flora Gräfin von Spreti, Malerin und Kunsttherapeutin, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München
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