ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2005Pflegeheime: Skandale statt Lösungen

POLITIK: Kommentar

Pflegeheime: Skandale statt Lösungen

Dtsch Arztebl 2005; 102(41): A-2757 / B-2329 / C-2197

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS V ernachlässigte, sedierte Bewohner und erschöpfte, abgestumpfte Mitarbeiter: Menschenverachtende Zustände sind in Alten- und Pflegeheimen längst Normalität. Zu diesem Schluss kommt zumindest Markus Breitscheidel in seinem Buch „Abgezockt und totgepflegt“. Als Investigativjournalist hat er ganz nach Günter-Wallraff-Manier „undercover“ eineinhalb Jahre in fünf Heimen gearbeitet. Seine Erfahrungen als Pflegekraft waren entsetzlich: die Bewohner weder satt noch sauber, die unterbezahlten, oftmals ungelernten Angestellten im Einsatz wie „Pflegeroboter“. Alles unterlag dem Diktat der Zeit-, Kosten-, und Personaleinsparung. Kündigte die Aufsichtsbehörde eine Begehung an, wurden Dienstpläne und Pflegedokumentation gefälscht: die Heimaufsicht und Medizinischer Dienst als Lachnummer. Lediglich in einem der fünf Heime empfand der Autor die Zustände als menschenwürdig.
Begrüßt wird seine Kritik vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Breitscheidels Buch zeige, wie wichtig eine gute Qualifikation der Pflegenden sei. „Pflegen kann eben doch nicht jeder“, heißt es in einer Stellungnahme mit gewisser Genugtuung. Auch der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) sieht Defizite in den Heimen, besonders in der Dekubitusprophylaxe und -therapie sowie der Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung. Immerhin bei einem Drittel der Bewohner sei die geronto-psychiatrische Versorgung unzureichend. Trotz aller Mängel sei das Niveau der Pflege aber mehrheitlich angemessen. „Wir haben in der Pflege Licht und Schatten. Aber in der Öffentlichkeit wird nur über den nicht erfüllten Teil geredet“, kritisiert Dr. oec. Peter Pick, MDS-Geschäftsführer. Nach Meinung des Vorsitzenden des Bundesverbandes der kommunalen Senioren- und Behinderteneinrichtungen, Otto Bernhard Ludorff, sind Breitscheidels Feststellungen nicht zu verallgemeinern. „In kommunalen Einrichtungen haben wir solche Zustände nicht“, betont Ludorff.
Übertreibt Breitscheidel also? Sein „Enthüllungsbericht“ jedenfalls lässt niemanden kalt. Keiner möchte irgendwann alt und hilflos in einem Heim „hinvegetieren“ oder Angehörige in dieser Situation sehen. Breitscheidels Kritik mag zum Teil berechtigt sein, aber seine Beschreibungen sind subjektive Momentaufnahmen, oftmals oberflächlich und undifferenziert. Dass er als neutraler Beobachter in den Heimen unterwegs war, ist schwer zu glauben. Nach positiven Eindrücken wird er dort nicht gesucht haben. Der Autor aber betont, es sei nicht geplant gewesen, dass aus seiner verdeckten Recherche einmal ein enthüllender Skandalbericht wird. „Ich bin sehr naiv an die Geschichte herangegangen“, sagte er bei der Buchpräsentation kürzlich in Berlin. Eine Vereinbarung mit einem Verlag habe er nicht gehabt. Tatsache ist: Er gab seine Tätigkeit als Marketingleiter auf, um als ungelernte Kraft für wenig Geld im Altenheim zu arbeiten. Die Idee zu dem Projekt entstand in Zusammenarbeit mit Günter Wallraff – und der ist nicht dafür bekannt, seine Erlebnisse als „verdeckter Ermittler“ für sich zu behalten, sei es als türkischer Arbeiter bei Thyssen oder Redakteur bei „Bild“.
Über den Pflegenotstand und Missstände in Heimen ist viel gesprochen worden, angemessen reagiert haben die Verantwortlichen nicht. Was sich ändern müsste, ist bekannt: eine bessere Altenpflegeausbildung, weniger ungelernte Kräfte in den Heimen, ein angemessener Personalschlüssel und überschaubare Wohneinheiten. Weil dies Geld kostet, wird gewartet – so lange, bis der Karren noch tiefer im Dreck steckt. Die Gesellschaft altert. Jeder weiß es. Nichts geschieht. Das ist der eigentliche Skandal. Dr. med. Birgit Hibbeler
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