ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1997Ambulante kardiale Rehabilitation im Modellprojekt: Sinnvolle Ergänzung der stationären Therapie

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Ambulante kardiale Rehabilitation im Modellprojekt: Sinnvolle Ergänzung der stationären Therapie

Endres, Alexandra

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LNSLNS "Sparen" heißt die Devise, auch bei der Rehabilitation. Die ambulante Reha könnte helfen, Kosten zu senken. Ihr zweiter Pluspunkt: An ihr kann auch teilnehmen, wer etwa wegen beruflicher oder familiärer Verpflichtungen keine Zeit für eine stationäre Rehabilitation hat. Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln haben in einem Modellprojekt untersucht, inwieweit sich die Inhalte der stationären kardialen Rehabilitation (Phase II) ohne Qualitätsverlust auf die ambulante übertragen lassen.


Die kardiale Rehabilitation wird im Ausland fast ausschließlich ambulant durchgeführt, und auch in der früheren DDR wurden Reha-Patienten meist ambulant behandelt – nicht ohne Grund, wie die Kölner Studie unter der Leitung von Prof. Dr. med. Richard Rost zeigt: "Die Frage der Übertragbarkeit der Inhalte des stationären in den ambulanten Bereich ohne Qualitätsverlust kann mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden", heißt es im Abschlußbericht.
Das Kölner Modell lief vom 1. Januar 1992 bis zum 31. Dezember 1994. Zu seinem Beginn war die Indikationsstellung sehr restriktiv: Die Patienten durften höchstens 65 Jahre alt sein und nur leichtergradige kardiale Erkrankungen haben. Herzoperierte kamen für das Projekt nicht in Frage. Es fanden sich jedoch nur wenige, auf die diese Indikation zutraf. Deshalb wurden auch "Nicht-Modell-Patienten", also ältere oder bereits operierte, in das Programm aufgenommen. Bei keinem von ihnen kam es zu Problemen. "Höheres Lebensalter und Bypass-Operation können somit nicht als generelle Kontraindikation gegen eine ambulante Reha angesehen werden", urteilen die Autoren des Berichts. Während des Untersuchungszeitraums nahmen 108 Modell-Patienten sowie 45 Nicht-Modell-Patienten an der Untersuchung teil.
Die Ergebnisse der ambulanten Therapie sind dem Bericht zufolge mit denen aus dem stationären RehaBereich "zumindest äquivalent". Ein Vergleich erscheint den Kölner Wissenschaftlern jedoch nicht sinnvoll, "da die Patienten des Modells durch ihre freie Wahl für die ambulante Reha eine Selbstselektion durchführten". Die Patienten im Modellversuch sind also anders zusammengesetzt als sonst in der stationären Rehabilitation üblich. Ein Beispiel: Die Belastbarkeit der Modellpatienten stieg im Vergleich zur stationären Rehabilitation zwar überdurchschnittlich stark an. Das sei jedoch, so der Bericht, auf die Kriterien zur Patientenauswahl zurückzuführen. Die Kölner Wissenschaftler arbeiteten überwiegend mit kleinen Patientengruppen. Ein Nachteil der Kleingruppen: es gab keine spezielle Antirauchertherapie, denn zu jeder Gruppe gehörte durchschnittlich nur ein Raucher. So gelang es nicht, auch nur einen einzigen zum Aufhören zu bewegen.

Auch psychologisch erfolgreich
Auf der psychologischen Ebene war das Projekt dem Abschlußbericht nach erfolgreich. Nach der Reha waren die Patienten selbstsicherer, somatische Beschwerden gingen zurück. "Die positiven psychologischen Effekte konnten weitgehend auf Dauer konserviert werden", resümieren die Ärzte. Sekundäre Depressionen wurden nicht beobachtet.
Rund 90 Prozent der beteiligten Patienten bewerteten die Inhalte des Modells als "gut" oder "sehr gut". Die beteiligten Hausärzte, niedergelassenen Kardiologen und Krankenhausärzte "bejahten das Modell einhellig", so der Bericht. Eine potentielle Gefährdung der Patienten sahen sie nicht, bis auf wenige Ausnahmen. Kritisiert wurde aber, daß die Hausärzte während der Rehabilitation nur unzureichend informiert wurden. Mit zunehmender Bekanntheit des Projektes stieg auch die Zahl der Patienten: von 33 im Jahr 1992 über 53 (1993) auf 67 (1994). Damit ist die theoretische Obergrenze von 72 Patienten (acht Plätze und neun Gruppen pro Jahr) praktisch erreicht. Wegen der großen Akzeptanz führte die Sporthochschule das Projekt nach Abschluß der Untersuchung weiter, mit Zustimmung der Kostenträger. Die zahlten je Patient und Behandlungstag etwa 160 DM. Dieser Satz fällt jedoch, anders als in der stationären Reha, nur an fünf Tagen pro Woche an. Den Aussagen der Kölner Wissenschaftler zufolge kann das aber nicht auf jede andere ambulante Rehabilitation übertragen werden. Weil an der ambulanten Reha andere Patienten teilnehmen als an der stationären, kommen insgesamt mehr Patienten in den Genuß einer Rehabilitation. Das sei nur vordergründig eine Kostenausweitung, denn eine Reha verhindere andere, kostenintensive Maßnahmen.
Nur wenige Patienten brachen ihre Behandlung vorzeitig ab; 93,5 Prozent beendeten sie erfolgreich. Für die meisten Abbrecher gab es nachvollziehbare medizinische oder persönliche Gründe (Bypass-Operation, Tod des Ehemanns). Von 82 Stunden insgesamt nahmen die Patienten im Schnitt 72,9 Stunden wahr, obwohl einige weiter berufstätig waren. Fehlzeiten durch medizinische Maßnahmen sind mit eingerechnet. Die Rehabilitation sollte noch flexibler werden. Dafür plädieren die Wissenschaftler der Sporthochschule. "Für unterschiedliche Patientengruppen mit unterschiedlich schwerem Krankheitsverlauf muß die Rehabilitation keineswegs identisch sein", resümieren sie nach ihrem Modellprojekt. So könnten bestimmte Patienten an einer Reha teilnehmen und in Teilzeit weiterarbeiten. Für sie entfiele dann das Krankengeld. Jede neue Reha-Version, meinen die Doctores, sollte jedoch ebenfalls im Modell überprüft werden. Alexandra Endres

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