ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1997Krebsprävention durch Ernährung: Vitaminpillen können Gemüse nicht ersetzen

POLITIK: Medizinreport

Krebsprävention durch Ernährung: Vitaminpillen können Gemüse nicht ersetzen

Glomp, Ingrid

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LNSLNS Es ist belegt, daß sich zahlreiche Krebsfälle durch eine entsprechende Ernährung verhindern lassen. Welches sind jedoch genau die schützenden Faktoren? Welche Substanzen der pflanzlichen Nahrung oder auch synthetischer Art können welche Krebsform verhindern oder stoppen? Diese Fragen behandelte kürzlich ein internationales Symposium im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.


Wir sollten in die Schulen gehen und den Kindern beibringen, viel Obst und Gemüse zu essen", so brachte Prof. Michael Hill das A und O der Krebsprävention auf den Punkt. Der Wissenschaftler arbeitet für die European Cancer Prevention Organization in Slough (Großbritannien). Wie er erklärte, hat man viele der schützenden Substanzen in pflanzlicher Nahrung identifiziert. Sie lassen sich in vier Gruppen einteilen:
1. Vitamine und Provitamine
2. andere Mikronährstoffe (zum Beispiel Selen, Zink, Kalzium)
3. Ballaststoffe und verwandte Substanzen
4. "Anti-Karzinogene" (Indole, Polyphenole, Flavonoide etc.).
Die meisten von ihnen verhindern nach Angaben des Wissenschaftlers eher die Krebsinitiation als die Progression. Deshalb sei es wichtig, in jungen Jahren mit einer gesunden Ernährung zu beginnen.


Beispiel Darmkrebs
Eines der zentralen Themen war das Kolonkarzinom, weil relativ viele schützende und schädliche Faktoren dieser Erkrankung bekannt sind. Bei der Chemoprävention unterscheiden die Experten zwischen Maßnahmen für die Gesamtbevölkerung und solchen für Hochrisiko-Gruppen. In bezug auf Darmkrebs weiß man recht genau, was jeder einzelne zur Vorbeugung tun kann. Wie aus mehreren Vorträgen hervorging, wirkt neben viel Obst und Gemüse auch Getreide (Vollkornnahrung) positiv. Laut Prof. John Potter vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle ist sportliche Betätigung ebenfalls nützlich. Das gilt vor allem für Männer, bei Frauen war der Effekt schwächer.
Außerdem haben nach seinen Angaben Meta-Analysen gezeigt, daß bei der westlichen Ernährungsweise nicht so sehr der hohe Fettanteil schadet, sondern vielmehr der Verzehr von rotem Fleisch (im Gegensatz zu Geflügel und Fisch). Auch die Zubereitungsart spielt eine Rolle. Als besonders gefährlich gilt scharf angebratenes und gegrilltes rotes Fleisch.
Seit einiger Zeit gibt es Hinweise darauf, daß Aspirin möglicherweise die Entstehung von Darmkrebs verhindert. Wie Dr. Peter Boyle vom European Institute of Oncology in Mailand erklärte, wurde dies jedoch durch eine prospektive Studie (mit amerikanischen Ärzten) nicht bestätigt. "Vielleicht ist ein längerer Beobachtungszeitraum nötig", erklärte er die Diskrepanz zu früheren Ergebnissen (siehe DÄ 44/1996). Wie auch andere Wissenschaftler wies er darauf hin, daß der Nutzen und die Risiken bei Empfehlungen für die Allgemeinbevölkerung wegen der langen Dauer solcher Maßnahmen zuvor genauestens abgeklärt werden müßten.


Hochrisiko-Gruppen
Prof. Jean Faivre (Universität Dijon) gab einen Überblick über verschiedene Interventionsstudien mit Personen, bei denen ein besonderes Risiko der Entstehung von Kolorektalkarzinomen bestand, entweder weil man bei ihnen Adenome gefunden hatte oder weil sie unter familiärer Polyposis (FAP) litten. Vitamine und Antioxidanzien wie Beta-Karotin oder die Vitamine C und E hatten keinen Effekt. Das Wachstum von Adenomen ließ sich dagegen anscheinend durch eine Ernährung hemmen, die viel Ballaststoffe und/oder wenig Fett enthielt. Nicht einzelne Bestandteile von Obst und Gemüse sind für deren schützende Wirkung verantwortlich, sondern das Zusammenspiel vieler verschiedener Stoffgruppen. Oder, wie es einer der Anwesenden prägnant formulierte: "Frisches Gemüse kann nicht durch Vitamin-Tabletten ersetzt werden."


Synthetische Stoffe
Wie sieht es mit der Wirksamkeit synthetischer Substanzen aus? Außer Aspirin sind auch nichtsteroidale Antirheumatika als Mittel zur Chemoprävention von Darmkrebs in der Diskussion. Ein Beispiel ist Sulindac, das zunächst als Rheumamittel konzipiert war. Zufällig beobachtete man 1983 bei Polyposis-Patienten, daß es antiproliferativ wirkt. Dr. Günther Winde von der Klinik für Allgemeine Chirurgie in Münster berichtete über die Ergebnisse einer nicht randomisierten Studie. Diese Untersuchung mit kolektomisierten FAP-Patienten (28 in der Studiengruppe und zehn Kontrollpersonen) sollte ursprünglich der Dosisfindung dienen.
Es handelt sich um die einzige Studie, bei der Sulindac nicht oral, sondern rektal verabreicht wurde. Auf diesen Umstand führt es Winde zurück, daß in fünf Jahren nur zweimal Nebenwirkungen (in Form einer Gastritis) auftraten. Gleichzeitig fand man bei den Patienten der Studiengruppe bei 78 Prozent der Adenome eine vollständige und bei 13 Prozent eine teilweise Rückbildung. In Kürze werden die Ergebnisse aus einem weiteren, randomisierten Versuch vorliegen. Im Hinblick auf die Zukunft hält Winde es für denkbar, daß sich mit dem Einsatz von nichtsteroidalen Antirheumatika bei jüngeren FAP-Patienten ein chirurgischer Eingriff hinausschieben läßt. Dr. Ingrid Glomp

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