ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2005Gesundheitlicher Verbraucherschutz: Patienten wollen Partner sein

POLITIK

Gesundheitlicher Verbraucherschutz: Patienten wollen Partner sein

Dtsch Arztebl 2005; 102(42): A-2837 / B-2397 / C-2261

Weber, Ingbert

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LNSLNS Konferenz „Patientensouveränität stärken“ erörtert Mitspracherechte.

ie Experten waren sich in einem Punkt einig: Als eine „erstaunliche Erfolgsgeschichte“ bezeichnete der Bielefelder Versorgungsforscher Bernhard Badura die Entwicklung der Position von Patienten im deutschen Gesundheitswesen, die sich in den letzten fünfzehn Jahren vollzogen habe. Ähnlich bewertete dies Erwin Dehlinger vom AOK-Bundesverband, der konstatierte, Deutschland sei in Fragen der Patientenorientierung spürbar vorangekommen. Auch Rainer Hess, Vorsitzender des Ausschusses „Gesundheitsziele“ der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung e.V., lobte angesichts dieser Fortschritte die Arbeit des Gesetzgebers.
Realisierung der Rechte
Drei Fragen waren es, zu denen während einer Fachkonferenz zum Thema „Patientensouveränität“ in Berlin kürzlich diskutiert wurde: Welche Form von Patientenmitsprache ist in Gremien sinnvoll, die über Behandlungsstandards und Leistungen befinden? Wie können Patienten bei Beschwerden oder Fehlern ihre Ansprüche wirksam geltend machen? Auf welcher Basis sollte eine gute Patientenberatung stattfinden?
Der Trend zur Stärkung von Patientenkompetenz werde sich auch in Zukunft weiter durchsetzen, war eine von Baduras Thesen – dann nämlich, wenn der Zusatznutzen einer solchen Entwicklung auch für Krankenkassen oder Leistungsanbieter deutlich werde. Denn gegen deren ökonomische Imperative werde man für die Interessen von Patienten nichts gewinnen können. Dabei gehe es um Kosten und Wirtschaftlichkeit. Es sei kurzsichtig, nur in Technik und in die Anbieter von Leistungen zu investieren. Man müsse viel mehr in die Befähigung von Patienten zur sparsamen und bedarfsgerechten Nutzung des Systems investieren, um sie in die Lage zu versetzen, sich ökonomisch „intelligent“ zu verhalten.
Teilweise Widerspruch erntete der Bielefelder Gesundheitswissenschaftler für seine These, Patienten seien im unübersichtlichen „Dschungel“ des Gesundheitswesens auf Führung angewiesen. Vertreter von Patientenverbänden hielten dem entgegen, weder sei es der Wunsch von Patienten, durch das System geführt zu werden, noch wollten Patienten möglichst allein entscheiden, sondern sie suchten das echte Gespräch und die Partnerschaft mit den Professionellen.
Zur Interessenlage von Patienten und Verbrauchern verwies Günter Hölling von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Patientenstellen auf die vier Verbraucherziele, die im Rahmen des vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung initiierten nationalen Zieleprozesses („gesundheitsziele.de“) entwickelten wurden:

1. Transparenz bei Gesundheitsinformationen und Beratungsangeboten erreichen!
2. Gesundheitsbezogene Kompetenzen der Bürger und Patienten entwickeln!
3. Kollektive und individuelle Patientenrechte stärken!
4. Beschwerde- und Fehlermanagement für Versicherte und Patienten verbessern!
Er forderte für Patienten angesichts der Vielzahl von Entscheidungen, die sie zunehmend in den Institutionen des Gesundheitswesens zu treffen hätten, Bedenkzeit.
In Deutschland gehe es für die Verbraucher primär um Transparenz, betonte Rainer Hess. In anderen Ländern dagegen, in denen so genannte gatekeeper die Leistungen zuteilen und die Verbraucher wenig Wahlfreiheiten haben, sei es notwendig, primär um Patientenrechte zu streiten. Er vertrat die Auffassung, im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss seien Patienteninteressen dreifach vertreten, nämlich durch die jeweils stimmberechtigten Vertreter der Krankenkassen sowie der Ärzteschaft, ebenso wie durch die eigenen Vertreter mit dem Recht zur Mitsprache. Die Unabhängigkeit der Patientenvertreter sei erfahrungsgemäß höher ohne „feste Bank“ und ohne Stimmrecht. Diese Konstruktion im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss sei für Patienten vorteilhaft und habe sich bewährt. Es müsse aber künftig auch eine Patientenbeteiligung gefordert werden, wenn es um die Qualität von Leistungen geht.
Beratung und Souveränität
Unabhängige Patientenberatung und Nutzerinformationen sind ein Instrument zur Erhöhung der Patientensouveränität und zur Verbesserung der Versorgung. Diese Ansicht vertrat Marie-Luise Dierks, Medizinische Hochschule Hannover. Sie hatte die Inanspruchnahme von 17 Beratungseinrichtungen analysiert, in denen im Verlauf von neun Monaten mehr als 24 000 Patienten Rat gesucht hatten. Die meisten wollen Informationen, viele suchen das Gespräch oder eine Zweitmeinung. Mehr als die Hälfte der Nutzer lassen sich telefonisch beraten. Wie zu erwarten, waren Frauen wie auch Menschen mit hohem und mittlerem Bildungsgrad bei den Nutzern überrepräsentiert. Eine Nachbefragung ergab, dass sich die Beratenen durch die Beratung im Umgang mit ihrer Angelegenheit ganz überwiegend bestärkt fühlten. Es zeigte sich auch, dass die Beratenen zufriedener waren, wenn nicht nur eine Information vermittelt, sondern wenn gemeinsam eine Lösung entwickelt wurde. Ein Ergebnis der Studie war auch, dass bei den Professionellen im Gesundheitswesen die Beratungseinrichtungen für Patienten eher unbekannt sind. Ingbert Weber
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