THEMEN DER ZEIT: Glosse

Budget 1997

bytomos

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LNSLNS Dr. med. Budgerus war ein biederer Praktiker auf dem Lande und in seinem Herzen ein echter Kassenarzt geblieben. Er war tüchtig, immer freundlich und ständig dienstbereit. Deshalb war er bei seinen Patienten auch sehr beliebt.
Früher hatte ihm das ein gutes Einkommen gesichert. Aber durch den Verfall des Punktwertes war auch er in pekuniäre Bedrängnis geraten, obwohl er sparsam lebte, nie Urlaub machte und Eier und Milch sogar selbst produzierte.
Ein Praxisbudget mit fest kalkulierbarem Einkommen war deshalb ganz nach seinem Herzen. Er fand die Idee so gut, daß er sofort beschloß, sein ganzes Leben zu budgetieren.
Seine Frau bekam jetzt monatlich 10 000 Haushaltspunkte, die Kinder für jedes Lebensjahr 100 Taschenpunkte. Auch der Garten wurde in dieses System einbezogen. Unkraut und Rasen erhielten unter Androhung rigoroser Kürzung ein festes Wuchsbudget von 100 Punkten, wobei 1 mm mit 8 Punkten angerechnet wurde. Nur die Tiere konnten sich damit schlecht anfreunden. Die Kuh Schorrlina gab trotz strengem Heubudget mehr Milch, als ihr Kontingent erlaubte, welche die Ehefrau heimlich auf dem Markt verkaufte. Der prächtige Hahn Wittekind krähte weiter so oft und ungeniert, als würde er dafür in harter Mark bezahlt.
In seinen wenigen Freizeitpunkten tüftelte Dr. Budgerus immer mehr und raffiniertere Budgets aus. Leider konnte er sein Werk nicht vollenden.
Es geschah nämlich etwas sehr Trauriges: Da das Budget seines Herzens mit 1 839 657 180 Schlägen vorzeitig ausgenutzt war, starb Dr. Budgerus unerwartet im 50. Lebensjahr.
Nun war er auch ein frommer Katholik gewesen, hatte sonntäglich die Messe besucht und nie auch nur den kleinsten Punkt zuviel angeschrieben.
So kam er auch richtig vor das Himmelstor. Dort hing aber nur ein großes Schild: "Budget ausgeschöpft", und der Eingang blieb verschlossen. Empört wandte sich Dr. Budgerus an den Stellvertreter Christi auf Erden, den Papst. Der Heilige Vater hörte ihn geduldig an und lächelte milde: "Mein Sohn, du hast Pech gehabt mit deinen Budgets, aber für solch treue Ärzte haben wir ein unlimitiertes Extrabudget. Ich spreche dich deshalb heilig."
Und so bekamen alle Vertragsärzte einen mächtigen Fürsprecher und beten seitdem: Heiliger Budgerus, bitte für uns, jetzt und ab 1. Juli 1997. bytomos
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