ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2005Sturzprävention: Hüftprotektoren
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LNSLNS . . . Icks et al. schreiben dazu: „Bewiesen ist auch, dass Hüftprotektoren im Falle eines Sturzes das Risiko für eine Hüftfraktur reduzieren können“. Im Gegensatz dazu steht allerdings die Aussage eines kürzlich aktualisierten Cochrane Reviews, der 15 Studien einschloss: „As further evidence is gathered, it seems less likely that hip protectors prevent hip fracture in most older people“. Icks et al. verweisen zwar auf diese Arbeit, jedoch in der Version von 2003. Seitdem wurde bereits ein Update in 2004 publiziert sowie die von mir zitierte Version aus 2005, beide mit deutlich kritischerem Grundtenor. Eine weitere jüngst veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit strengeren Einschlusskriterien kam unter der Berücksichtigung von sieben Studien zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen. Für in der eigenen Wohnung lebende Personen konnte durch Hüftprotektoren keine Reduktion der Anzahl proximaler Femurfrakturen nachgewiesen werden. In der Zusammenfassung der Studien mit Pflegeheimbewohnern wurden positive Effekte gefunden, allerdings sind dazu einige methodische Anmerkungen notwendig. Der überwiegende Teil (sechs von elf im Cochrane Review) der Untersuchungen sind Cluster-randomisierte Studien, bei denen eine Zuteilung zur Intervention nicht auf individueller, sondern auf der Ebene einer Gruppe (Cluster) stattfindet. Ein Cluster ist dann beispielsweise ein Pflegeheim oder ein abgetrennter Wohnbereich in einer solchen Institution. Cluster-randomisierte Studien sind im Vergleich zu individuell randomisierten Studien – trotz diverser Vorteile – potenziell anfälliger für einige Formen von Bias. Für eine vertiefende Auseinandersetzung mit dieser Problematik im Zusammenhang mit Hüftprotektoren sei die Lektüre des Artikels von Hahn et al. empfohlen . . .
Literatur beim Verfasser
Falk Hoffmann, Universität Bremen, Außer der Schleifmühle 35-37,
28203 Bremen


Sturzprävention bei Senioren - Leserbrief

Zur Leserzuschrift von Falk Hoffmann in Heft 42/2005 zum Beitrag Sturzprävention bei Senioren von Icks et al in Heft 31-32/2005

Wir stimmen mit Herrn Hoffmann überein, dass die Wirksamkeit von Hüftprotektoren differenziert betrachtet werden muss und weitere Untersuchungen erforderlich sind. Der aktuelle Cochrane-Review 2005 (Parker 2005) und der systematische Review von Sawka (Sawka 2005) lagen beide zur Zeit der Fertigstellung unseres Beitrags noch nicht vor. Die neuen wie die früheren Reviews stellen nicht die biomechanische Wirksamkeit der Protektoren in Frage, sondern die Effektivität der Maßnahme unter klinischen Bedingungen. Für die erzielte Wirkung in der klinischen Anwendung spielen vor allem das Frakturrisiko der Zielgruppe sowie deren Erreichbarkeit und die Trage-Akzeptanz eine entscheidende Rolle.
Daher hatten wir unsere klinische Schlussfolgerung dahingehend formuliert, dass Hüftprotektoren unter bestimmten Voraussetzungen wirksam sein können. Insbesondere wirken sie bei korrekter Anwendung sofort und sind für bestimmte Zielgruppen ohne Alternative.
Neben der von Herrn Falk angesprochenen Frage der Cluster- gegenüber der individuellen Randomisierung erschweren weitere methodische Unterschiede und Probleme die Bewertung der externen Evidenz. Hierzu zählen Unterschiede in Design und Setting. Vor allem die aus dem ambulanten Bereich vorliegenden Studien haben wegen zu niedriger Fallzahlen bei niedrigen Ereignisraten (< 5% Hüftfrakturen p.a.) eine zu geringe Power. Dieses Power-Problem betrifft auch Studien zur Wirksamkeit anderer nichtmedikamentöser Maßnahmen zur Reduktion von sturzbedingten Hüftfrakturen (Gillespie 2004, WHO 2004).
Momentan ist von einer Wirksamkeit von Hüftprotektoren bei in Heimen lebenden Senioren mit hohem Sturzrisiko auszugehen. Die Mitarbeiter sollten eine strukturierte Schulung zum Umgang mit Protektoren erhalten haben, wie dies in einer deutschen Untersuchung gezeigt werden konnte (Meyer et al 2003).

Gillespie LD, Gillespie WJ, Robertson MC, Lamb SE, Cumming RG, Rowe BH: Interventions for preventing falls in elderly people (Cochrane Review). The Cochrane Library, Issue 4, 2004. Oxford: Update Software Ltd
Meyer G, Warnke A, Bender R, Mühlhauser I: Effect on hip fractures of increased use of hip protectors in nursing homes: cluster-randomised controlled trial. BMJ 326: 76-78, 2003
Parker MJ, Gillespie LD, Gillespie WJ: Hip protectors for preventing hip fractures in the elderly (Cochrane Review). The Cochrane Library, Issue 4, 2005. John Wiley & Sons, Ltd
Sawka AM, Boulos P, Beattie K, Thabane L, Papaioannou, et al: Do hip protectors decrease the risk of hip fracture in institutional and community-dwelling elderly? A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Osteoporosis International 16: 2005
WHO (Hrsg). What are the main risk factors for falls amongst older people and what are the most effective interventions to prevent these falls? Health Evidence Network (HEN), March 2004


PD Dr. Dr. Andrea Icks, PD Dr. Clemens Becker, Dr. Wilfried Kunstmann
c/o Ärztekammer Nordrhein, Tersteegenstr. 9, 40474 Düsseldorf



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