ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2005Das Porträt: Dr. med. Michael de Ridder – Den Finger in die Wunden legen

POLITIK: Porträt

Das Porträt: Dr. med. Michael de Ridder – Den Finger in die Wunden legen

Dtsch Arztebl 2005; 102(43): A-2912 / B-2464 / C-2319

Hibbeler, Birgit

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Mit großem Einsatz leitet Michael de Ridder die Rettungsstelle des Berliner Urban-Krankenhauses. Seinen Arbeitsplatz hat er einmal als „Gully von Kreuzberg“ bezeichnet.
Einfach hereinplatzen kann man in das Büro von Michael de Ridder nicht. An der Tür ist keine Klinke, sondern ein metallener Knauf angebracht. Wer hinein will, muss klopfen. Nicht ohne Grund: De Ridders Zimmer liegt auf dem direkten Weg zur Notaufnahme des Vivantes-Klinikum Am Urban in Berlin-Kreuzberg. Ohne den Knauf hätte er vermutlich permanent Patienten oder deren Angehörige zu Gast und keinen Augenblick Ruhe. Der 58-jährige de Ridder leitet die Rettungsstelle seit über zehn Jahren. Viele Drogenabhängige, Alkoholiker und psychisch Kranke gehören zu den „Stammkunden“. Migranten, schlecht versorgte alte und arme Menschen komplettieren das Bild der „Kiez-Medizin“.
Das Büro, in das sich die Tür mit dem Knauf öffnet, ist klein. Die Regale sind voll gestopft mit unzähligen Büchern und Aktenordnern. Nirgends „Schnickschnack“. Das passt zu de Ridders Erscheinungsbild: Er wirkt sportlich, trägt Jeans und eine Brille mit silberfarbenem Metallrand. In einem Artikel für den Berliner „Tagesspiegel“ hat er seinen Arbeitsplatz, die Rettungsstelle, einmal als „Gully von Kreuzberg“ bezeichnet. Doch unwohl fühlt er sich in diesem Gully nicht. Er mag seine Arbeit – am „Puls der Gesellschaft“. „ Es ist so ein Stück Welttheater“, erklärt er. Auch nach vielen Jahren habe er noch immer nicht den Eindruck, schon alles gesehen zu haben. Man schaue in Abgründe und erfahre von großen persönlichen Notsituationen. „Ich komme jeden Morgen und denke: Was wird heute für ein Stück gespielt?“ sagt er.
Wie sehr ihm der Beruf des Arztes liegt, war de Ridder nicht immer klar. Anfangs fühlte er sich nicht zum Medizinstudium berufen. Sein Umfeld hat stark zur Wahl des Studienganges beigetragen. Der gebürtige Düsseldorfer stammt aus einem gutbürgerlichen Elternhaus. Sein Vater war Archivar. Er besuchte ein Gymnasium mit altphilologischem Schwerpunkt; Griechisch und Latein standen auf dem Programm. „Da wurde man entweder Arzt, Jurist oder Theologe“, erinnert er sich. Während des Studiums und vor allem in der Praxis merkte de Ridder jedoch, wie viel Spaß ihm die Medizin bereitete. Sein besonderes Interesse galt den Akutsituationen. Nach der Approbation war er intensivmedizinisch und unfallchirurgisch tätig. Anfang der 80er-Jahre arbeitete er vier Monate in einem Flüchtlingslager in Kambodscha. Langfristig in der Entwicklungshilfe arbeiten wollte er aber nicht. „Das waren andere Zeiten. Da konnte man auch mal nach rechts und links schauen“, meint de Ridder. Ganz identifizieren konnte er sich mit der Art der Hilfeleistung in Kambodscha nicht immer. Diese habe oft nach dem Motto funktioniert: „Jetzt kommen wir, und wir wissen, was gut für euch ist.“ Die Arme vor der Brust verschränkt, blickt er listig, aber ruhig durch seine Brille. Angst, sich die Finger schmutzig zu machen, hat er nicht. Berührungsängste mit dem problematischen Umfeld der Kreuzberger Notaufnahme gab es nie.
Michael de Ridder engagiert sich für soziale Randgruppen. Eine gerechte Verteilung im Gesundheitswesen ist ihm wichtig. Fotos: Georg Lopata
Michael de Ridder engagiert sich für soziale Randgruppen. Eine gerechte Verteilung im Gesundheitswesen ist ihm wichtig. Fotos: Georg Lopata
De Ridder ist Idealist und Pragmatiker zugleich. Auch nach Jahren setzt er sich für Drogenabhängige ein, nicht nur in der Rettungsstelle. In Zusammenarbeit mit der Drogenhilfeeinrichtung „Fixpunkt“ initiierte er ein Hepatitis-Impfprojekt für Heroinabhängige (siehe „Hepatitisimpfung auf offenen Drogenszenen“, DÄ, Heft 43/2004), außerdem eine mobile medizinische Grundversorgung mit dem „Arztmobil“. Im „Narcanti-Projekt“ werden Szenemitglieder im Umgang mit Naloxon geschult. Sie sollen so in einer Drogennotfallsituation anderen Abhängigen helfen und mit der Naloxon-Gabe die tödliche Wirkung von Heroin antagonisieren. De Ridder sieht darin einen guten Ansatz, die Zahl der Drogentoten zu verringern.
De Ridder hat nicht nur einen Hang zu Randgruppen. Die unangenehmen Themen in der Medizin und Gesundheitspolitik sind sein Ding: Sterbehilfe, Pflegenotstand, ärztliche Behandlungsfehler, Verschwendung im Gesundheitswesen und die Glaubwürdigkeit von Ärztinnen und Ärzten. Auf die Frage, ob er ein Mensch sei, der sich gerne einmischt, antwortet er, ohne eine Sekunde zu überlegen: „Ja, unbedingt!“ Das zeigt sich auch darin, dass er zu vielen Themen Artikel veröffentlicht hat, sowohl in Fachzeitschriften, wie „Lancet“, als auch in Publikumsmedien. Im Berliner „Tagesspiegel“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Zeit“ und im „Spiegel“ waren seine Texte zu lesen. „Vom Unheil sinnloser Medizin“, „Verwahrlost und verendet“ oder „Stoppt die Kurpfuscher“ – so lauten de Ridders knackige Überschriften. Er greift Tabu-Themen auf und spart nicht mit Kritik am eigenen Berufsstand. De Ridder polarisiert. Man hört ihm zu, denn er ist von sich überzeugt und kann sich gut präsentieren.
Dass er für manche Kollegen ein arroganter Querulant oder sogar ein Nestbeschmutzer ist, stört ihn nicht, denn de Ridder verfolgt ein grundsätzliches Anliegen. Seine zentrale Forderung: „Wir brauchen eine neue Medizinkultur.“ Im „Spiegel“-Artikel „Alptraum Medizin“ aus dem Jahr 1999 bringt er auf den Punkt, was er damit meint. Aus seiner Sicht läuft in Ärzteschaft und Gesundheitswesen einiges schief: „Ein unzureichendes Wissen, mangelhaftes Qualitätsbewusstsein, unvertretbares Gewinnstreben – eingebettet in die schleichende Erosion ethischer Prinzipien.“
„Bei den meisten Ärzten sehe ich in ihrem Handeln ganz viel Eigeninteresse“, kritisiert er. Für ihn aber ist der Arzt in erster Linie der „Anwalt des Patienten“. Der Kranke steht für de Ridder im Mittelpunkt, außerdem das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Wie sich die „moderne Medizin“ diesbezüglich entwickelt hat, passt nicht in sein Weltbild: weg von der fundierten Anamnese und klinischen Untersuchung, hin zur apparativen Diagnostik. Vielen Ärzten fehlt de Ridder zufolge der Wunsch und die Fähigkeit, mit ihren Patienten zu reden. Folge: ein zunehmender Einsatz teurer Diagnostik. „Die Kunst liegt darin, zu wissen, wann ich was brauche“, sagt er. Worüber de Ridder auch spricht: Es mangelt nie an Stoff für Kritik.
Es gibt viele Wunden, in die de Ridder seine Finger legt. Das Gesundheitswesen bietet zahlreiche Angriffspunkte. Stichwort: Ärztemangel. Er deckt eine Ursache auf, die in der Diskussion bislang fehlte. Dem Nachwuchs mangelt es an Vorbildern, meint er. Seiner Ansicht nach lernen Studenten und Berufseinsteiger nicht nur an Fällen, sondern auch personenbezogen. Er nennt dies eine „vorgelebte Medizin“. „Viele vermissen das nicht, weil sie es nicht kennen“, moniert er. De Ridder ist dankbar, selbst Vorbilder gehabt zu haben. Er würde den Weg, den er gegangen ist, noch einmal wählen. Die Rettungsstelle des Urban-Krankenhauses will er auch die nächsten Jahre noch leiten. Hier ist sein Platz. Dr. med. Birgit Hibbeler
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