szmtag Hirntodbestimmung und Betreuung des Organspenders – Eine Herausforderung für die Intensivmedizin: Ergänzung
ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2005Hirntodbestimmung und Betreuung des Organspenders – Eine Herausforderung für die Intensivmedizin: Ergänzung
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LNSLNS Es ist sehr verdienstvoll, das außerordentlich schwierige Thema der Akzeptanz des Hirntodes durch die Angehörigen und auch Mitarbeiter auf den Intensivstationen so sachlich und problemorientiert darzustellen. Es ist dies eine permanente Aufgabe, die beispielhaft für die Auseinandersetzung mit intensivmedizinischen Behandlungsmaßnahmen steht, bei der auch die Akzeptanz des zunehmenden Hirnstammversagens bei schwersten Hirnerkrankungen im Grenzbereich intensivmedizinischen Handelns mitbeleuchtet wird.
Die im Transplantationsgesetz differenziert niedergelegte diagnostische und untersuchungstechnische Vorgehensweise zur Feststellung des Hirntodes möchte ich nicht weiter diskutieren. Unsicherheiten entstehen nach meiner Erfahrung meist an zwei wichtigen Punkten:
- Durch den klinischen Verlauf und eine angemessene und ausreichende neurophysiologische, dopplersonographische und bildgebende Untersuchung müssen das Hirntodsyndrom nachgewiesen, alle beeinflussenden Kofaktoren in diesem Zusammenhang sicher erfasst und zweifelsfrei bewertet werden.
- Oftmals entstehen Unsicherheiten in der Beurteilung klinischer Befunde während der Manifestationsphase des Hirntodes, wenn Spinalisationsphänomene auftreten. Dabei handelt es sich zum Beispiel um den Nackenabdominalreflex, unterschiedliche Reaktionen in Form spinalmotorischer Schablonen nach noxischen Reizen (zum Beispiel nach „nail-pain“), (selten) spontane spinale Myoklonien, reflektorische zervikale spinale Atemmuster, spontane Blutdruckkrisen und andere vegetative Symptome (zum Beispiel Hyperhidrose), die auch die Feststellung des Hirntodes nach den gesicherten Kriterien überdauern oder sich auch erst nach Feststellung des Hirntodes entwickeln können. Diese Phänomene sind mit dem Begriff „Muskelzuckungen und unspezifische Reaktionen“ meiner Einschätzung nach nicht angemessen charakterisiert. Sie sind nicht unspezifisch, sondern Ausdruck einer Änderung der spinalmotorischen Funktionen bei supraspinalem Funktionsverlust während terminaler Komaphasen vor der Manifestation des Hirntodes. Durch den Tiefstand der Kleinhirntonsillen entsteht eine hohe Halsmarkkompression mit entsprechender Klinik. Erst kürzlich ist eine Arbeit erschienen, die erneut nachgewiesen hat, dass zum Beispiel ein überdauerndes Babinski-Phänomen die Frage nach einer verbliebenen Restfunktion des Hirnstammes aufwerfen muss.
Das Auftreten solcher spinalmotorischer Schablonen bei Pflegemaßnahmen oder bei Injektionen ist ausreichend bekannt und auch in den Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer ausführlich dargelegt. Diese Phänomene sind aber für Angehörige und Pflegepersonal immer wieder Anlass, das Konzept des Hirntodes als Tod der Person zumindest emotional in Zweifel zu ziehen. Eine auf diese Phänomene hin ausgerichtete frühzeitige Information der Angehörigen und auch des Pflegepersonals scheint mir in dem sonst sehr guten Überblick nicht hinreichend akzentuiert.

Prof. Dr. med.
Rudolf Wilhelm Christian Janzen
Krankenhaus Nordwest
Neurologische Klinik
Steinbacher Hohl 2–26
60488 Frankfurt

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