szmtag Hirntodbestimmung und Betreuung des Organspenders – Eine Herausforderung für die Intensivmedizin: Schlusswort
ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2005Hirntodbestimmung und Betreuung des Organspenders – Eine Herausforderung für die Intensivmedizin: Schlusswort
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LNSLNS Die Grundkonzeption der Kriterien des Hirntodes ist seit Jahrzehnten klinisch uneingeschränkt akzeptiert und stützt sich auf die Pathophysiologie seiner Entwicklung, die exakte Einhaltung von Voraussetzungen, die Feststellung der klinischen Symptome von Koma, Hirnstamm-Areflexie sowie des Atemstillstandes. Mit dem Hirntod ist naturwissenschaftlich-medizinisch der Tod des Menschen festgestellt (6). Umso mehr überrascht, dass sowohl in der Bevölkerung als auch bei medizinischem Fachpersonal immer noch erhebliche Defizite und Zweifel bezüglich des Konzeptes „Hirntod“ bestehen: 80 Prozent der in einer amerikanischen Kleinstadt befragten Einwohner gaben eine völlige Unkenntnis des Hirntodkonzeptes an und hielten das Vorliegen eines Kreislaufversagens für die Voraussetzung (2). Die Hälfte von befragten Studierenden der Medizin in der Schweiz gab an, grundsätzliche Bedenken zu haben gegenüber der Möglichkeit einer exakten Hirntoddiagnose (3). Auch das Personal von Intensivstationen zeigte sich in einer israelischen Untersuchung in mehr als 80 Prozent nicht in der Lage, korrekte Antworten auf Fragen zur Hirntoddiagnostik zu geben (4). Für Deutschland liegen solche Untersuchungen nicht vor, es darf aber vermutet werden, dass ebenso erschreckende Resultate zu erwarten wären.
Es war daher das Ziel der Autoren, angesichts bekannter Defizite das Konzept des Hirntodes erneut darzustellen und Probleme der Umsetzung im klinisch-intensivmedizinischen Alltag zu diskutieren. Vor diesem Hintergrund ist eine Ergänzung und kritische Anregung, wie sie Herr Janzen vorgenommen hat, grundsätzlich wünschenswert. Angemessene Kenntnisse des Intensivpersonals von solchen spinalen Reflexen oder spinalmotorischen Schablonen sind sinnvoll, um eigene Verunsicherungen oder Zweifel von Angehörigen zu unterbinden. Die Häufigkeit solcher Spinalisationsphänomene wird in systematischen Untersuchungen zwischen 13 Prozent (1) und 39 Prozent (5) angegeben.
Wir halten es jedoch nicht für erforderlich, dass solche Kenntnisse ein so hohes fachliches Ausmaß annehmen, wie von Herrn Janzen gefordert, weil in den stets an den aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft angepassten Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer alles für den klinischen Alltag Notwendige dargestellt ist: Auf die ausführliche Anamnese der zum Ausfall der Hirnfunktionen führenden Erkrankung folgt die exakte und zweifelsfrei vorgeschriebene Erhebung der Symptome, ergänzt durch erneute Untersuchungen oder apparative Maßnahmen, um die Irreversibilität des Hirnausfalls zu bestätigen. Auf diesem „Fundament“ wird der Tod eines Menschen festgestellt, und ein solches „Fundament“ setzt Kompetenz und Gewissenhaftigkeit voraus. Während Letzteres eine Grundvoraussetzung ärztlicher und pflegender Berufe darstellt, muss um Ersteres offensichtlich immer wieder gerungen werden, wie oben zitierte Studien nahe legen. Trotz eines gut formulierten und ethisch-wissenschaftlich tief basierten Transplantationsgesetzes lässt in Deutschland die konsequente Umsetzung der Konzeption „Hirntod und Organspende“ im Vergleich mit anderen europäischen Ländern zu wünschen übrig. Ein Ansatz zur Besserung liegt im Abbau von Informationsdefiziten durch Schaffung von Kompetenz. Kompetenz des (intensiv-)medizinischen Fachpersonals erzeugt Glaubwürdigkeit, die wiederum Vertrauen hervorbringt. Diese Eigenschaft ist wohl am besten geeignet, in der Situation einer Todesbotschaft zutiefst erschütterte Angehörige für die Organspende zu sensibilisieren.

Literatur
1. Dosemeci L, Cengiz M, Yilmaz M et al.: Frequency of spinal reflex movements in braindead patients. Transplant Proc 2004; 36:17–9.
2. Horton RL, Horton PJ: Knowledge regarding organ donation: Identifying and overcoming barriers to organ donation. Soc Sci Med 1990; 31: 791–800.
3. Laderach-Hofmann K, Isenschmid GB: Wissen, Einstellungen und Bedenken von Studierenden der Medizin gegenüber der Organtransplantation: Resultate einer Fragebogenerhebung im ersten Studienjahr: Schweiz Med Wochenschr 1998; 128: 1840–9.
4. Rachmani R: Physicians’ and nurses’ attitudes and knowledge toward brain death. Transplant Proc 1999; 31: 1912–3.
5. Saposnik G, Bueri JA, Maurino J et al.: Spontaneous and reflex movements in brain death. Neurology 2000; 54: 221–3.
6. Wissenschaftlicher Beirat der Bundes­ärzte­kammer: Kriterien des Hirntodes. Entscheidungshilfen zur Feststellung des Hirntodes. Dt Ärztebl 1997; 94: 1296–303 [Heft 19].

Prof. Dr. med. Thomas Bein
Klinik für Anästhesiologie
Universitätsklinikum
93042 Regensburg

Die Autoren aller Diskussionsbeiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

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