ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2005Langenbeck-Virchow-Haus: Erneut zum Leben erweckt

VARIA: Feuilleton

Langenbeck-Virchow-Haus: Erneut zum Leben erweckt

Richter-Kuhlmann, Eva; Merten, Martina

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Fotos: Langenbeck-Virchow-Haus
Fotos: Langenbeck-Virchow-Haus
60 Jahre nach Kriegsende ist der damalige Sitz der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und der Berliner Medizinischen Gesellschaft in Berlin wieder ein Zentrum der Medizin.

Als die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) 1872 gegründet wurde, formulierten die Ärzte eine Aufgabe: Sie wollten „die chirurgischen Arbeitskräfte einigen“. Heute, ein gutes Jahrhundert später, erhält dieser Vorsatz eine besondere Bedeutung. Vor dem Hintergrund der neuen Weiterbildungsordnung mit ei-ner gemeinsamen Basisausbildung aller chirurgischen Spezialfächer vereint die neue Satzung alle chirurgischen Mitgliedsgesellschaften unter dem Dach der DGCH. Seit dem 1. Oktober 2005 existiert dieses Dach jedoch nicht
nur gedanklich, sondern auch räumlich. Denn an diesem Tag wurde das Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin-Mitte wiedereröffnet. Das 7 000 Quadratmeter umfassende „Zentrum der Medizin“ beherbergt neben der DGCH und den chirurgischen Mitgliedsgesellschaften die Berliner Medizinische Gesellschaft (BMG) sowie unter anderem die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlich-Medizinischen Fachgesellschaften und die forschende Medizintechnologiefirma Braun/
Aesculap.
Kostbare Einrichtung
Mit dem Haus an der Luisenstraße haben die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie und die Berliner Medizinische Gesellschaft nicht nur ein einigendes Dach über dem Kopf erhalten. Sie haben auch ihren historischen Sitz wieder erhalten. 1913 für die beiden Fachgesellschaften gebaut und 1915 eingeweiht, diente ihnen das Haus bis zum Zweiten Weltkrieg als repräsentativer Sitz und Tagungsgebäude. Jährlich fand hier der deutsche Chirurgenkongress statt. Der 500 Zuhörer fassende Hörsaal erlebte Vorträge von bedeutenden Chirurgen, wie August Bier, Ferdinand Sauerbruch und Erich Lexer. Die BMG, gegründet 1860 von dem berühmten Ophthalmologen Albrecht von Graefe und dem Chirurgen Burkhard von Langenbeck, informierte hier bis 1945 im Abstand von zwei Wochen die Berliner Ärzte zu aktuellen medizinischen und standesbezogenen Themen.
Mit Kriegsende besetz-te die sowjetische Militärbehörde das Langenbeck-Virchow-Haus. In dieser Zeit geht ein Großteil der kostbaren Einrichtung, wie Gemälde, Büsten berühmter Ärzte, Gestühl sowie 250 000 Bücher, verloren. 1949 übergaben die sowjetischen Besatzer das Haus der Regierung der DDR, die die beiden Gesellschaften zwang, das Haus an sie zu verpachten. Damit erlebte das Langenbeck-Virchow-Haus einen zweiten, historischen Höhepunkt. In seinem Hörsaal konstituierte sich das Parlament der DDR, die Volkskammer, und tagte hier bis 1976. 1953 wurde hier der erste Präsident des Arbeiter- und Bauernstaates, Wilhelm Pieck, gewählt und 1955 die Nationale Volksarmee der DDR ausgerufen. Aufgrund dieser „Inanspruchnahme“ nach der Aufbauordnung der DDR trug die Regierung das Haus in das Grundbuchamt als „Eigentum des Volkes, Rechtsträger Sekretariat der Volkskammer“ ein. Die Zahlung einer Entschädigung
an die Gesellschaften wurde 1963 abgelehnt.
Mit der politischen Wende 1989 schien sich erstmals die Rückgabe des Hauses an die Eigentümergesellschaften DGCH und BMG anzubahnen. Eine neu gegründete Langenbeck-Virchow-Haus-GbR leitete deshalb ein Restitutionsverfahren beim Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen ein. Unerwartet lehnten das Amt 1994 und auch die Widerspruchsbehörde die Rückübertragsansprüche ab. Begründung: Mit der Inanspruchnahme nach der Aufbauverordnung der DDR sei das Haus seinerzeit in das Eigentum des Volkes übergegangen. Das Haus schien für die beiden Gesellschaften verloren. Der Berliner Senat übertrug das Gebäude der Charité und bot den früheren Eigentümern lediglich eine gemeinsame Nutzung an.
Ein Zufall brachte schließlich die Wende: Nach intensiver Suche im Archiv des Deutschen Bundestages fand die GbR alte Dokumente der DDR-Volkskammer. Ein einzelnes A4-Blatt darunter dokumentierte, dass das Langenbeck-Virchow-Haus für die Zwecke der Volkskammer umgebaut wurde – und zwar vor der Enteignung. 2003 urteilte das Verwaltungsgericht Berlin daraufhin, dass das Gebäude an
die beiden ursprünglichen Eigentümergesellschaften rückzuübertragen sei.
Auch der Hörsaal wurde revitalisiert. Das „Tageslicht“ ist jetzt künstlich.
Auch der Hörsaal wurde revitalisiert. Das „Tageslicht“ ist jetzt künstlich.
Die Revitalisierung – die Architekten sprechen bewusst nicht von Restaurierung – konnte beginnen. Der Bau nahm ein Jahr in Anspruch (September 2004 bis September 2005). „Wir haben Altes wiederhergestellt und an die heutige Zeit angepasst“, erklärt Projektleiter Ulrich Baumann. Dies sollte in einer Umgebung geschehen, die an Altes erinnert, jedoch nicht antiquiert wirkt. So wurden beispielsweise die Räume im Erdgeschoss wieder so aufgeteilt wie zu damaligen Zeiten. Auch den Hörsaal des Langenbeck-Virchow-Hauses hat die Projektleitung in seinen ursprünglichen Zustand von 1915 zurückversetzt. Bauzeitliche Formen und fehlende Verkleidungen wurden im Originalstil reproduziert und Farben und Blattgold neu aufgetragen. Ganz besonderes Augenmerk legte die Projektleitung auf die Decke des Hörsaals. Diese bestand früher aus Glas und wurde so natürlich beleuchtet. Die heutige Decke ähnelt der früheren zwar sehr. Das einfallende Licht ist jedoch künstlich, da das Gebäude um zwei Stockwerke erweitert wurde und kein Tageslicht mehr einfallen kann. Die Konstrukteure verwendeten stattdessen Sicherheitsgläser mit Tageslichthinterleuchtung. In dadurch gewonnenen Räumen im vierten und fünften Obergeschoss sollen sich künftig Tausende von Ärztinnen und Ärzten fortbilden. Auch die Nähe zur Charité, zum Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie und zum Deutschen Rheuma-Zentrum soll den Gesellschaften zufolge dazu beitragen, „Wissensströme im Haus zu bündeln“.
Internationale Tagungen
Wie in früheren Jahren plant die Berliner Medizinische Gesellschaft, ihre traditionellen Fortbildungsaktivitäten weiterzuführen. „Ich bin davon überzeugt, dass das Langenbeck-Virchow-Haus auch für internationale Tagungen und Seminare ein guter Standort ist“, betont der BMG-Vorsitzende Prof. Dr. Dr. h. c. Helmut Hahn. Denn Berlin sei auch für osteuropäische Ärzte gut zu erreichen, deren Nachholbedarf historisch bedingt besonders groß sei. Auch Prof. Dr. med. Michael Ungethüm, Geschäftsführer vom Aesculap setzt bei den Weiter- und Fortbildungen der Akademie auf die Strahlkraft der Hauptstadt: Berlin sei eine Stadt, die zum „Dialog in der Welt der Medizin“ einlade und in der „Trends entstehen und Zeichen gesetzt werden“, gibt sich der Vorsitzende der Geschäftsleitung der Aesculap AG überzeugt. Erstmals „strahlen“ kann das neue Medizinzentrum am 28. Oktober – bei der Verleihung des Robert-Koch-Preises.
Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann
Martina Merten
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