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Seit 2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig Arztgeschichten – zunächst aus der Literatur, seit Heft 3/2004 vorwiegend Beiträge aus der Leserschaft.

Schwülheiße Luft liegt über dem Voltadelta. Die Wellblechdächer des Hospitals bieten zwar Schatten vor der Äquatorsonne, heizen aber die Luft im Wartebereich der Ambulanz noch weiter auf. Patienten dösen auf Holzbänken vor sich hin, bis sie zur Behandlung aufgerufen werden. Eine jüngere Patientin, eingehüllt in die bunten Stoffe Westafrikas, hat bei der Anmeldung „Unterleibsschmerzen“ angegeben, wird als minder schwerer Fall eingestuft und wartet vor der Tür des Medical Assistant. Als sie nach Aufruf in den kahlen Raum tritt, wird sie kurz nach ihren Symptomen befragt, und der Assistant kommt rasch zu Diagnose und Therapie: PID (pelvic inflammatory disease), also Antibiotika und Paracetamol. Ist es beiläufige Höflichkeit oder der irritierende Anblick der stehenden Frau, die augenscheinlich Schmerzen hat, ihr wird jedenfalls ein Stuhl angeboten: „Bitte setzen Sie sich.“ „Das geht nicht wegen der Hand“, erklärt die Frau kleinlaut. Assistant und Schwester stutzen: „Wegen welcher Hand?“ „Ja, die da unten!“ Den Assistant beschleicht eine dumpfe Ahnung, dass hier ein Problem besteht, das eher der Doktor lösen sollte, und wechselt in mein Ambulanzzimmer: „Doktor, können Sie mal eine Patientin sehen, da ist etwas nicht in Ordnung mit dem Unterleib.“
Ein Arzt für alles
Folgendes stellt sich heraus: Die Schwangerschaft ging wohl aus einem außerehelichen Verhältnis hervor und war daher unter größtmöglicher Geheimhaltung ausgetragen worden. Zwei Tage zuvor war die Fruchtblase geplatzt und eine Hand zum Vorschein gekommen. Die junge Frau berichtete erst am nächsten Tag ihrer Mutter davon. Ein Besuch im Krankenhaus wurde in Erwägung gezogen, aber dafür musste erst Geld und eine Fahrgelegenheit mit dem Buschtaxi organisiert werden, das braucht Zeit . . . Einen Tag später steht die Frau vor mir, und bei der Untersuchung wird das ganze Desaster offenbar: eine bläulich verfärbte Faust hängt aus der Vulva, schon hat sich auf dem Handrücken eine Hautblase gebildet. Zugegebenermaßen: Ich bin nicht gut im Hören kindlicher Herztöne – gehört habe ich sie jedenfalls nicht –, auch keine Kindsbewegungen zu spüren, kein Sonogerät weit und breit.
Bei der Diagnose Armvorfall bei intrauterinem Fruchttod rät die tropenchirurgische Literatur in Afrika zu einer destruierenden Operation: das tote Kind bergen, Sectio vermeiden wegen der Gefahr der Narbenruptur bei der nächsten Schwangerschaft. Aber ich habe keine Blond-Heidler-Säge oder einen Simpson-Perforator. Also doch Sectio, um einer Uterusruptur zuvorzukommen. Alle bekommen Bescheid: die Mechaniker vom Generatorhäuschen, das OP-Team, die Hebammen – aber alles ohne Eile wie sonst, da ist ja kein Segen mehr drin.
Die Spinale gesetzt, gewaschen, dann an den Tisch: ein Arzt für alles. Ein sonderbares Gefühl der Frustration: der falsche Eingriff am falschen Patienten. Die Entwicklung des Kopfes ist schwierig, aber irgendwie gelingt sie doch. Und dann der Schrei, das typisch quäkende Rabäääh eines Neugeborenen. Wir trauen weder Augen noch Ohren, aber ohne Zweifel: das Kind lebt, und zwar ziemlich lautstark. Zehn Tage später werden Mutter und Kind wohlauf entlassen, auch die blaue Faust ist wieder rosig. Die Mutter hat ihrem Kind einen Namen gegeben: „Wonderful“.
Dr. med. Martin Joos
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