ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2005Medizinische Fachangestellte: Lerninhalte werden den modernen Erfordernissen angepasst

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Medizinische Fachangestellte: Lerninhalte werden den modernen Erfordernissen angepasst

Bristrup, Rosemarie

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Foto: Mitterer/mauritius images
Foto: Mitterer/mauritius images
Zum 1. August 2006 löst die Medizinische Fachangestellte den
Ausbildungsberuf Arzthelferin ab. Die bewährte Kombination aus medizinischen und verwaltungsbezogenen Berufsinhalten bleibt erhalten.

Ein Jahr später als geplant wird der neue Ausbildungsberuf der Medizinischen Fachangestellten Realität: Zum Ausbildungsjahr August 2006 soll die 20 Jahre alte Verordnung über die Ausbildung zur Arzthelferin aufgehoben beziehungsweise ersetzt werden. Rund 16 000 Auszubildende, die jährlich ein Ausbildungsverhältnis beginneb, sind von den Neuerungen direkt betroffen. Die rund 350 000 berufstätigen Arzthelferinnen stellen nach den Pflegeberufen die zweitgrößte Gruppe der Gesundheitsfachberufe dar. Es war dringend notwendig, das Berufsbild an die Erfordernisse einer modernen Patientenversorgung anzupassen. Die Umsetzung obliegt im Wesentlichen den niedergelassenen ausbildenden Ärzten, den Ärztekammern und den berufsbildenden Schulen gemäß dem ebenfalls neuen schulischen Rahmenlehrplan.
Schon in der Bezeichnung spiegelt sich das Selbstverständnis eines modernen Gesundheitsfachberufes wider: Der Berufsverband der Arzt-, Zahnarzt- und Tierarzthelferinnen (BdA) sieht darin eine Aufwertung weg vom „verpönten“ Helferbegriff, der heute nur noch bei ein- oder zweijährigen Berufsausbildungen angewendet wird, hin zu einem stärkeren Dienstleistungsbezug. Für die Gremien der Bundesärztekammer (BÄK), die im Vorfeld des Neuordnungsverfahrens die inhaltlichen Eckdaten festlegten, war bei der Zustimmung zur gewünschten Namensänderung letztlich ausschlaggebend, dass die Berufsangehörigen selbst sich mit der Bezeichnung identifizieren müssen, auch wenn für viele Ärzte und auch Patienten „Arzthelferin“ eine eindeutige und klare Beschreibung der Berufsinhalte bleiben wird.
Das Berufsbild ist – ohne die bewährte Konstruktion einer gleichgewichtigen Bedeutung von medizinischen und verwaltungsbezogenen Inhalten zu verlassen – in seiner Akzentuierung und inhaltlichen Ausgestaltung deutlich modernisiert worden. Dabei orientierten sich die Beteiligten am Neuordnungsverfahren (BÄK, BdA, verd.di, Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn, die Bundesministerien für Gesundheit und Soziale Sicherheit sowie Bildung und Forschung als zuständiges Fachministerium beziehungsweise Einvernehmensministerium) an den Ergebnissen einer Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) aus dem Jahr 2002 zum Qualifikationsbedarf bei Arzthelferinnen, die von BÄK und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) in Auftrag gegeben worden war. Befragt wurden die Ärztekammern und die Berufsbildungsausschüsse, Experten aus Verbänden, die Leser des Deutschen Ärzteblattes und in einer repräsentativen Erhebung die niedergelassenen Ärzte. Der in den Ergebnissen zum Ausdruck kommende Reformbedarf wurde beim Berufsbild und im Ausbildungsrahmenplan, der die verbindlichen Lern- und Ausbildungsinhalte im Sinne von Mindeststandards festschreibt, umgesetzt.
Kompetenz in Kommunikation
Danach wird Kenntnissen und Fähigkeiten in den Bereichen Kommunikation sowie Patientenorientierung, Gesundheitsförderung und Prävention ein deutlich höherer Stellenwert zugewiesen. Zwar standen diese Inhalte auch bisher schon im Ausbildungsrahmenplan, doch werden sie zukünftig quantitativ und qualitativ erheblich ausgeweitet: Neben dem Einsatz verbaler und nonverbaler Kommunikationsformen sowie der personen- und situationsgerechten Gesprächsführung sollen auch Auswirkungen von Information und Kommunikation auf Betriebsklima, Arbeitsleistung, Betriebsablauf und -erfolg vermittelt werden. Die Ausbildung soll dazu befähigen, Kommunikationsstörungen zu vermeiden, Konfliktlösungsstrategien anzuwenden und richtig mit Beschwerden umzugehen. Dabei sind die psychosozialen Bedingungen des Patientenverhaltens, die Besonderheiten spezieller Patientengruppen (zum Beispiel chronisch Kranker) und die Information über Weiterbehandler und Kooperationen in der Region verstärkt zu berücksichtigen. Den angehenden Medizinischen Fachangestellten soll die Bedeutung eines patienten-
orientierten Verhaltens für die Praxisbindung bewusst gemacht werden. Eine verbesserte kommunikative Kompetenz ist auch Basis und Voraussetzung für die verstärkte Einbindung in Angebote der Praxis zur Patientenschulung und -beratung, zum Beispiel in den Bereichen Diabetes, Ernährung, Bewegung, Raucherentwöhnung.
Einigung über Prüfungsdauer
Die bisherigen Berufsbildpositionen „Organisieren der Praxisabläufe“ sowie „Durchführen des Abrechnungswesens und von Verwaltungsarbeiten“ sind in die Lernbereiche „Betriebsorganisation und Qualitätsmanagement“ sowie „Verwaltung und Abrechnung“ umgewandelt worden. Das Thema Qualitätsmanagement wurde völlig neu aufgenommen; dies ermöglicht eine frühzeitige Einbindung von Mitarbeitern in diesen Bereich, der seit Januar 2004 durch das Gesundheitsreformgesetz auch für den ambulanten Bereich verpflichtend vorgeschrieben ist. Das Thema Zeitmanagement – von der Terminplanung über das Selbstmanagement bis hin zu den Rahmenbedingungen und Erfordernissen einer zeitgemäßen Teamarbeit – setzt ebenfalls moderne Akzente, durchaus auch unter Marketingaspekten. Dass Information und Dokumentation einschließlich Datenschutz zu einem expliziten Lerninhalt geworden sind, spricht ebenfalls für eine sachgerechte adäquate Abbildung dieses zunehmend wichtigen Aufgabenfeldes in den Arztpraxen und anderen Einrichtungen der medizinischen Versorgung.
Der dritte Schwerpunkt des Berufsbildes ist und bleibt die Durchführung von Maßnahmen der Diagnostik und Therapie unter Anleitung und Aufsicht des Arztes. Diese neue Formulierung macht deutlich, dass sich die Medizinische Fachangestellte weiterhin im Rahmen der bisher zulässigen Delegationsmöglichkeiten bewegt. Die Lerninhalte sind einerseits differenzierter als bisher beschrieben (zum Beispiel was den Umgang mit Infektionskrankheiten oder mit Arzneimitteln betrifft); andererseits sind die früher auf einzelne Berufsbildpositionen verteilten Inhalte jetzt stärker in einem umfassenden Lernbereich integriert. Aufgewertet werden die Bereiche Prävention und Rehabilitation mit einer Betonung der Motivations- und Informationsaufgaben von Medizinischen Fachangestellten. Auch das Handeln bei Not- und Zwischenfällen bekommt einen deutlicheren Akzent im neuen Berufsbild.
Der Ausbildungsrahmenplan ist wesentlicher Bestandteil der Verordnung. Dort sind die Ausbildungsinhalte in Form von Beschreibungen des erwünschten Endverhaltens formuliert. Dies macht die Zielbeschreibung im Vergleich zur alten Verordnung sehr viel umfassender und komplexer, so wie dies gleichzeitig den realen Handlungen und Verhaltensweisen entspricht. Mit dieser Neuausrichtung trägt der Ausbildungsrahmenplan dem aktuellen pädagogisch-didaktischen Leitbild einer handlungsbezogenen und situationsorientierten Vermittlung von Inhalten Rechnung.
Auch die zeitliche Gliederung des Ausbildungsrahmenplans, die bisher durch mehr oder weniger starre Wochenrichtwerte gekennzeichnet war, wird durch die neue Zeitrahmenmethode abgelöst: Es gibt nur noch zwei große Ausbildungsblöcke vor und nach der Zwischenprüfung, die jeweils rund 18 Monate umfassen. Diese werden in jeweils vier große Ausbildungsabschnitte gegliedert, die Zeiträume von mehreren Monaten umfassen, in denen schwerpunktmäßig bestimmte Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten integriert zu vermitteln sind. Der ausbildende Arzt hat innerhalb dieses Zeitrahmens Spielraum für Gewichtungsmöglichkeiten. Dadurch können die realen Bedingungen in den Arztpraxen besser abgebildet werden.
Auch der schulische Rahmenlehrplan, der parallel zur Ausbildungsverordnung auf Länderebene bei der Kultusministerkonferenz entwickelt wurde, trägt der handlungsorientierten
Didaktik Rechnung. Das „klassische“ Fächerprinzip ist weitgehend zugunsten von so genannten Lernbereichen aufgelöst worden. Konventionelle curriculare Inhaltskataloge sind komplexen Beschreibungen des gewünschten (beruflichen) Endverhaltens gewichen. Der Rahmenlehrplan für Medizinische Fachangestellte setzt somit die Vorgaben der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 1993 zum lernfeldorientierten Unterricht um, der bereits in zahlreichen anderen neu geordneten Berufsbildern realisiert wurde. Es bleibt zu hoffen, dass auch zukünftig der Berufsschulunterricht der Medizinischen Fachangestellten die notwendige ergänzende Wissensvermittlung, etwa bei der medizinischen Nomenklatur, Anatomie und Pathologie, leistet, um das notwendige theoretische Rüstzeug zu schaffen, das in dieser systematischen Form in den ausbildenden Praxen nicht vermittelt werden kann.
Ein „Herzstück“ von Ausbildungsverordnungen sind die Prüfungs- und Bestehensregelungen für die Abschlussprüfung. An ihnen lässt sich der Anspruch und das Niveau der Ausbildung und des Ausbildungsberufs insbesondere im Vergleich zu den 300 anderen Ausbildungsberufen ablesen. Wegen der Struktur und Dauer der praktischen Prüfung kam es zu tief gehenden Meinungsverschiedenheiten bei den Sachverständigen des Neuordnungsverfahrens (siehe DÄ, Heft 12/2004). Zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite gab es zwar bei der Zielvorstellung einer komplexen praktischen Prüfung und ihrer stärkeren Gewichtung durchaus Übereinstimmung, nicht aber bei den Vorstellungen zur Prüfungszeit. Die Sachverständigen der Bundesärztekammer hielten eine 60-minütige Prüfungsdauer für ausreichend, die Vertreter von BdA und ver.di erachteten hingegen eine mindestens 120-minütige Prüfungsdauer für erforderlich. Während die Vertreter der Ärzte auch die finanziellen und organisatorischen Konsequenzen einer Prüfungszeitverlängerung zu bedenken hatten, stand bei der Arbeitnehmerseite, aber auch bei den beteiligten Ministerien, der Vergleich mit anderen neu geordneten Berufen, insbesondere mit der Zahn- und Tiermedizinischen Fachangestellten, im Vordergrund. Letztlich einigte man sich aufgrund eines Kompromissangebotes der Bundesärztekammer auf eine Höchstdauer von 75 Minuten. Die Ärztekammern als „zuständige Stellen“ werden bei der Umsetzung ihr Augenmerk darauf richten müssen, wie die Prüfungsverlängerung um 30 Minuten (von bisher 45 Minuten) vom Ressourceneinsatz her realistisch bewältigt werden kann. Das neue Berufsbildungsgesetz, das am 1. April 2005 in Kraft getreten ist, bietet hierfür Möglichkeiten der Prüfungsverschlankung an. Hervorzuheben ist, dass der praktische Prüfungsteil nunmehr einen 50-prozentigen Stellenwert bei der Gesamtleistungsbewertung in der Abschlussprüfung einnehmen wird. Die bisherigen „praktischen Übungen“ gingen nur zu einem Sechstel in die Leistungsbeurteilung ein. Damit wird langjährigen Forderungen, hier einen dem Berufsbild entsprechenden deutlichen neuen Akzent zu setzen, Rechnung getragen. Von dieser Aufwertung müssen allerdings auch Rückwirkungen auf die Vermittlungsqualität der Lerninhalte in den ausbildenden Praxen ausgehen. Bundesärztekammer und Landesärztekammern werden im Zuge der Umsetzung der neuen Verordnung entsprechende Hilfen für die Ausbildungspraxis und die Prüfungsorganisation erarbeiten.
Eine neue Ausbildungsverordnung war nach 20 Jahren überfällig. Die Arztpraxen und andere Einrichtungen der medizinischen Versorgung sind zukünftig mehr denn je auf qualifiziertes Personal angewiesen, das den medizinischen und organisatorischen Anforderungen an eine hochwertige Patientenversorgung gerecht wird – auch und gerade bei knapper werdenden (personellen) Ressourcen. Mit der neuen Verordnung wird nach Auffassung der BÄK für eine wichtige Berufsgruppe in dieser Hinsicht ein bedeutender strukturqualitativer Impuls gesetzt.
Rosemarie Bristrup, Bundesärztekammer

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