ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1997Sportinternate: Dabeisein ist nicht alles

VARIA: Bildung und Erziehung

Sportinternate: Dabeisein ist nicht alles

Driesen, Oliver

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LNSLNS Ihr Tag ist straff durchorganisiert, oft von morgens acht bis abends zwanzig Uhr. Schüler in Sportinternaten betreiben Fußball oder Säbelfechten nicht wie andere nebenbei, sondern mit Hingabe und professionell. Doch Doppelbelastung durch Abiturstreß und hohe Leistungserwartungen der finanziellen Förderer gehen an die Substanz – Kadettendrill oder Schule für bewußtes Leben?


Vom Schlafzimmer aus gelangt man in die Fechthalle durch einen kurzen, verglasten Gang – ohne Umweg, abgeschottet von Schnee und Kälte vor den Fenstern. Das Sportinternat des Deutschen Fechterbundes (DFB) in Bonn ist ein Haus der kurzen Wege. Was nichts an dem langen und steinigen Weg ändert, den die FechtHoffnungen hier antreten, wenn sie mit 14 oder 15 Jahren einen der nur 25 Plätze im Internat ergattern.
Auf parallelen Planchen, den Fechtböden, wirbeln gerade Dutzende Klingen gleichzeitig: Jungen und Mädchen des Fecht-Vereins OFC Bonn, noch zu jung für das Internat, erhalten hier gemeinsam eine Grundausbildung im Degen- oder Florettfechten. Talent-Scouts des Internats und des benachbarten Bundesleistungszentrums gehen hier ein und aus, um frühzeitig Nachwuchshoffnungen für die Damen- und Herrenkader der Zukunft auszusieben. Nur das Säbelfechten ist ausschließlich den männlichen Eleven vorbehalten. "Aber auch da", sagt der 18jährige Säbelfechter Alexander Weber, "wollen die Mädchen jetzt schon mitmachen" – kein Wunder, nachdem sie selbst den Fußball erobert haben.
Alexander Weber, ein hochaufgeschossener junger Mann, besucht das Internat seit der zehnten Klasse und steht nun vor dem Abitur, das er wie die meisten seiner Kameraden am Bonner Friedrich-Ebert-Gymnasium absolvieren wird. Weber, Junioren-WM-Teilnehmer und deutscher Junioren-Meister im Säbelfechten, ist eine der ganz großen Hoffnungen des Fechtsports – mit einer klaren Perspektive: "Ich will in den Olympia-Kader für Sydney 2000."
Seine Chancen dafür sind gut: Das elitäre Bonner Sportinternat hat sich in 25 Jahren als eine Kaderschmiede mit Dauerplatzanspruch auf Siegertreppchen entpuppt. Goldmedaillen bei Olympiaden, Weltmeistertitel, Weltcupsiege – Absolventen des Internats haben alles geholt, wovon Fechter träumen können. Weil Fechten dennoch nicht im Rampenlicht der breiten Öffentlichkeit steht, finden sich für den hohen finanziellen Input in dieser Schule kaum Sponsoren aus der Wirtschaft. Damit die Eltern nur 650 Mark im Monat beisteuern müssen, tragen Bund, Land und die Stiftung Deutsche Sporthilfe den Großteil der Kosten.
Und sie wollen, daß ihre Investitionen Früchte tragen. Westdeutsche Sportinternate hatten seit Beginn einen durchaus politischen Auftrag: "Wir sind 1971 gegründet worden auch als Gegengewicht zu den sehr erfolgreichen Kinder- und Jugendsportschulen der ehemaligen DDR", sagt Internatsleiter Holger Sievert. Denn daß der Osten dem Westen im Wettkampfvergleich stets die Butter vom Brot nahm, mochten Sportpolitiker und Funktionäre am Rhein nicht länger hinnehmen. Auch heute "fordern wir von unseren Schülern eine grundsätzliche Bereitschaft zum Leistungssport", sagt Sievert. Das bedeutet: 8 Uhr Schulbeginn an öffentlichen Bonner Gymnasien oder Realschulen, mittags "Silentium" mit Hausaufgabenhilfe durch Fachlehrer im Internat, nachmittags und abends Training bis gegen 20 Uhr. Nachtruhe: 22.30 Uhr – und am Wochenende oft Turniere. Viel Zeit für Elternbesuche oder Freunde außerhalb der Fechtszene bleibt da nicht. "Wenn ich die vielen Ausfälle durch Freistellungen vom Unterricht aufholen will, reicht das Silentium oft nicht", sagt Abiturient Alexander Weber. "Dann muß ich eben den Schweinehund überwinden und abends nach Trainingsende nochmal an die Schulsachen ran." Dennoch betrachtet der Nachwuchs-Säbelfechter sein Leben hinter Internatswänden nicht als Sklavendasein: "Wenn man sich ein Ziel gesetzt hat, als man hierher kam, lohnt es sich auf jeden Fall."
In den vergangenen Jahren haben das die Planer, Geldgeber und Funktionäre nicht immer so gesehen. Während das Bonner Internat von Sparmaßnahmen und Streichungen verschont blieb, traf es andere Institute knüppelhart. Beispiel Lohhof: Volleyballern bedeutete der Münchner Vorort lange ein Mekka ihres Sports. Seit 1988 wurde hier ein hochgelobtes Volleyball-Teilinternat in Kooperation mit dem örtlichen Carl-OrffGymnasium betrieben. Doch dann begann, parallel mit dem sportlichen Niedergang des Clubs Bayern Lohhof, der Nachwuchs zu verkümmern, der Volleyballverband setzte verstärkt auf die Leistungszentren in Berlin, Dresden und Schwerin, die Sporthilfe zog sich immer mehr aus der Förderung des Internats zurück – das Aus für das Lohhofer Internat.
1993 gab es in Deutschland noch 59 Sportinternate mit insgesamt rund 4 000 Schülerinnen und Schülern. Die Zahl drohte, analog dem allgemeinen Internatesterben, wegen Finanzierungsproblemen weiter zu sinken. Doch in jüngster Zeit hat ein Umdenken auf breiter Front eingesetzt – eine Rückbesinnung auf den Elitegedanken ebenso wie auf gezielte Intensiv-Förderung außergewöhnlicher Talente als Investition mit Langzeit-Ertrag. So will das Präsidium des Deutschen Fußballbundes (DFB) unter seinem Präsidenten Egidius Braun besonders begabte Jungfußballer fördern. An die goldene Sportinternate-Tradition der DDR wird dabei gerne angeknüpft. In Sachsen etwa sind nach der Wende fünf "Sportgymnasien" übriggeblieben – Schulen mit Vollzeitunterbringung und Schwerpunktfächern im Sportbereich. Dort sollen die Nachwuchshoffnungen im Fußball aus den Klassen 5 bis 10 außerhalb des regulären Sportunterrichts gezielt trainieren können. 2 000 Mark für Honorartrainer stellt der DFB pro Schule monatlich zur Verfügung.
Bis zum Einstieg in die Profikarriere ist es gerade im Osten dann ein besonders kurzer Weg: In Sachsen kann das Abitur in zwölf Jahren erlangt werden. Oliver Driesen

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