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ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2005Klinische Obduktionen: Fehlendes Bewusstsein für Erkenntniswert

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Klinische Obduktionen: Fehlendes Bewusstsein für Erkenntniswert

Bühring, Petra

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In 15 Prozent aller Todesfälle besteht eine Diskrepanz zwischen Hauptdiagnose und Obduktionsbefund. Foto: dpa
In 15 Prozent aller Todesfälle besteht eine Diskrepanz zwischen Hauptdiagnose und Obduktionsbefund. Foto: dpa
Sektionsrate in Deutschland ist extrem niedrig.
Die geringe Zahl an klinischen Obduktionen in Deutschland habe negative Auswirkungen auf die Qualität der Medizin und führe zu einer fehlerhaften Todesursachenstatistik. Darauf weist der Arbeitskreis „Autopsie“ des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer hin. Mit einer Sektionsrate von 3,1 Prozent aller im Krankenhaus Gestorbenen steht Deutschland im europäischen Vergleich fast am Schluss (Schweiz: 20 Prozent, Großbritannien: 17,3 Prozent). „In 15 Prozent aller Todesfälle besteht eine Diskrepanz zwischen Hauptdiagnose und Obduktionsbefund, die mit Folgen für die Therapie und das Überleben der Patienten einhergeht“, kritisiert Prof. Dr. phil. Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart, und federführend im Arbeitskreis „Autopsie“. Die höchsten Fehlerquoten treten bei Nierenwegserkrankungen auf, gefolgt von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch die Rechtssicherheit sei durch die geringe Sektionsquote bedroht: In einer multizentrischen Studie wurde nachgewiesen, dass zwischen 1 200 und 2 400 Tötungsdelikte jährlich unentdeckt bleiben.
Die Ursachen für den Rückgang von Obduktionen – in den 50er-Jahren betrug die Sektionsquote noch 50 Prozent, in den 80er-Jahren zehn Prozent – sieht der Arbeitskreis einerseits in der unbegründeten Angst vieler Ärzte, dass Fehler in Diagnose und Therapie aufgedeckt werden könnten. Zugrunde liege auch ein fehlendes Bewusstsein von Ärzten über den Erkenntniswert von Obduktionen. Aber auch wirtschaftliche Gründe spielen eine Rolle: 750 Euro kostet eine Obduktion. Mitverantwortlich sei auch die geringe Bereitschaft der Bevölkerung, sich mit Sterben und Tod auseinander zu setzen. Der Arbeitskreis schlägt daher eine öffentliche Diskussion darüber vor, ob jeder Bürger grundsätzlich einer Obduktion nach seinem Tod zustimmen solle.
Eine weitere Maßnahme zur Erhöhung der Sektionsraten ist nach Vorstellung des Arbeitskreises die Einführung einer „Sektionspflicht“ in das Medizinstudium. Auch die Weiterbildungsbefugnis einer Klinik könnte von einer Mindestanzahl an Obduktionen und klinisch-pathologischen Fallkonferenzen abhängig gemacht werden. Die Weiterbildung in chirurgischen und internistischen Fächern sollte mit der Pflicht verbunden werden, fünf bis zehn Obkuktionen durchgeführt oder daran teilgenommen zu haben. Das Gespräch mit den Angehörigen über die Zustimmung zur Obduktion sollte von einem Oberarzt geführt werden und nicht damit überforderten Berufsanfängern überlassen werden.
Die Zahl der Körperspenden für Anatomische Institute sei hingegen angestiegen, berichtet Jütte. Er führt dies auf den Wegfall des Sterbegeldes zurück, auf die zunehmende Zahl an Alleinstehenden, möglicherweise auch auf den würdevollen Umgang in den Anatomischen Instituten mit denjenigen, die sich zur Verfügung stellen.
Die Stellungnahme „Autopsie“ ist im Internet unter der Adresse www.aerzteblatt.de/plus4505 verfügbar. PB
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