ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2005Nutzenbewertung Statine: IQWiG und Evidenz

POLITIK: Kommentar

Nutzenbewertung Statine: IQWiG und Evidenz

Dtsch Arztebl 2005; 102(45): A-3076 / B-2602 / C-2444

Greten, Heiner

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LNSLNS Kürzlich erschien auf der Website des IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) ein umfangreicher Bericht zur Nutzenbewertung der Statine. Pressemitteilungen, die das Thema aufgriffen, ließen nicht lange auf sich warten.
Warum das IQWiG unaufgefordert und gerade jetzt – wenige Wochen vor der Gerichtsentscheidung zur Festbetragsfestsetzung eines Statins am Sozialgericht Berlin – einen solchen Bericht verfasst und warum das IQWiG sich selbst auferlegte Richtlinien zur Durchführung solcher Analysen nicht einhält – nämlich sich vor der Veröffentlichung seiner Kritik mit den Autoren der kritisierten Studien in Verbindung zu setzen, mag sich jeder selbst fragen. Letztere wurden immerhin in international renommierten Journalen, wie zum Beispiel im New England Journal of Medicine, publiziert. Der kritische Leser wird all dies hinterfragen. Die Schlussfolgerungen des IQWiG zur Nutzenbewertung verschiedener Statine werden sicher an anderer Stelle überprüft werden.
Ungläubige Überraschung löst dann allerdings die vielleicht wichtigste Mitteilung des Berichts aus: „. . . das Ausmaß der LDL-Cholesterinsenkung ist nicht geeignet, den Nutzen hinsichtlich patientenrelevanter Endpunkte generell zu belegen oder zu quantifizieren“. Spätestens hier folgen die Verantwortlichen des IQWiG nicht mehr den Regeln evidenzbasierter Medizin und werden damit unglaubwürdig.
Sind koronare Morbidität und koronare Mortalität nicht patientenrelevant? Nationale und internationale Fachgesellschaften konstatieren übereinstimmend, dass die LDL-Cholesterinsenkung – und zwar je niedriger, je besser („the lower – the better“) – geeignet ist, die koronare Morbidität und Mortalität sowie andere atherosklerotisch bedingte Gefäßerkrankungen, wie zum Beispiel den Schlaganfall, zu reduzieren. Ein niedriges LDL-Cholesterin reduziert das individuelle koronare Risiko: nachzulesen in allen gängigen Lehrbüchern für Innere Medizin und Prüfungsgegenstand im medizinischen Staatsexamen.
Die vom IQWiG salopp und unter Missachtung evidenzbasierter Daten getroffene Äußerung gefährdet Patienten mit koronarer Herzerkrankung. Dies kann im Interesse verantwortungsbewusster ärztlicher Tätigkeit nicht akzeptiert werden.
Jedermann, und auch das IQWiG, ist berechtigt, medizinische Zusammenhänge zu hinterfragen, nicht zuletzt im Interesse optimaler Patientenversorgung. Dies muss jedoch verantwortungsbewusst und den Regeln evidenzbasierter Medizin folgend geschehen. Im Interesse unserer Patienten und nicht zuletzt auch im Interesse der Wirtschaftlichkeit.

Prof. Dr. med. Heiner Greten
Hanseatisches Herzzentrums Hamburg
Allgemeines Krankenhaus St. Georg
Lohmühlenstraße 5
20099 Hamburg
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