ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1997Jugendliche: Treue und Pflicht

VARIA: Bildung und Erziehung

Jugendliche: Treue und Pflicht

Driesen, Oliver

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LNSLNS Was treibt die Jugend in Deutschland um? Die Bundesregierung wollte es wissen – und schickte einmal mehr die Demoskopen los. Rund 2 000 junge Bundesbürger zwischen 14 und 29 Jahren ließen ihre Zukunftswünsche und Weltanschauungen vom EMNID-Institut in statistische Schablonen pressen. Ein Ergebnis: "Pflichterfüllung" steht angeblich ganz oben auf der Hitliste.
Mit seiner deutschen Jugend kann Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) zufrieden sein. Und er ist es auch: "Die Jugendlichen zeigen sich unbeeindruckt von jenen in Politik und Wirtschaft, die den Standort schlechtreden", ließ der Minister in Kenntnis der neuen EMNID-Daten verlauten. Mehr noch: Sie "gehen mit Zuversicht in die Zukunft" und "haben die Zeichen der Zeit erkannt". Von solchen Jugendlichen möchte Rüttgers "lernen" und auch ihre "Bedenken sehr ernst" nehmen. Anbieten würde sich hier das Thema Gentechnologie, eines der wenigen Gebiete, in denen die Prozentzahlen nicht auf der Generallinie der Politik der Bundesregierung zu liegen kamen. Nur 14 Prozent der Befragten stimmten gentechnisch veränderten Lebensmitteln eher zu. Gentechnik in der Lebensmittelerzeugung halten 76 Prozent für gefährlich, und knapp zwei Drittel sehen die Gentechnologie generell eher als Risiko denn als Chance an.
Die Analyse des Ministeriums: Die Zahlen zu gen-veränderten Lebensmitteln reflektierten "die Unsicherheiten der öffentlichen Auseinandersetzungen" bei Soja- und Maisimporten. Gegenmaßnahme: eine "offensive Informationskampagne" soll "die Vorteile der Zukunftstechnologie Gentechnik deutlich machen". Und weil 57 Prozent der Jungbürger gemäß einer Fragestellung ankreuzten, es werde wohl im Bereich Gentechnik zukunftssichere Arbeitsplätze geben, folgerte Rüttgers flugs: Eine grundsätzliche Ablehnung von Gentechnik und Biotechnologie sei "nicht erkennbar; viele Jugendliche rechnen sogar mit sicheren Arbeitsplätzen in diesem Bereich".
Eine offensichtliche Enttäuschung für die Umfrage-Sponsoren des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie war das Abschneiden des "technischen Fortschritts" auf der Liste der bedeutendsten Zukunftsthemen: nur ein siebter Platz, noch hinter Europa. Spitzenreiter sind Arbeit und – Themenvorgaben wie Innere Sicherheit oder Bildung zum Trotz – der Umweltschutz. Leicht verschnupfte Anmerkung im Kommentar zum Ergebnis: "Die Bedeutung des technischen Fortschritts wird noch verkannt."
So hat sich die Jugend einmal mehr als nicht eigentlich böswillig, sondern lediglich schlecht informiert und von den Medien irregemacht herausgestellt. Und die Zahlen lassen einen weiteren Hoffnungsschimmer erkennen: Ostdeutsche sind im Schnitt weniger technologiekritisch als ihre westlichen Altersgenossen. Ansonsten bedeutet Jungsein in Deutschland 1997, EMNID und dem Auftraggeber zufolge, vor allem Verantwortungsbewußtsein gegenüber den Belangen der Wirtschaft, dem Staatswesen und dem eigenen Fortschreiten auf der Karriereleiter. Noch vor nicht einmal zehn Jahren landete in allen ähnlichen Umfragen unter dem Druck der Friedensmärsche das Stichwort Atomkriegsgefahr ganz oben auf der Liste der "wichtigsten politischen Aufgaben". Heute nicht einmal unter "ferner liefen". Die Arbeitslosigkeit ist für 99 Prozent das Top-Thema, gefolgt von der Ausbildungs- und Lehrstellensituation mit 97 Prozent. Und sage und schreibe 91 Prozent (achter Platz) der 14- bis 29jährigen forderten die Sicherung der Renten.
Da verwundert schon kaum noch die Hitparade der zehn wichtigsten Werte und Leitlinien im Leben junger Menschen 1997: Die "Treue" (91 Prozent, zweiter Platz) schlägt knapp "Arbeit, Beruf" als Wert oder Leitlinie (89 Prozent, vierter Platz), wobei allen anderen Primär- oder Sekundärtugenden durch das "Pflichtbewußtsein" (93 Prozent, Spitzenreiter) das Sahnehäubchen aufgesetzt wird.

Zeichen für Kleinmut
Ins fast schon Abenteuerliche steigert sich das Frage-Design, aber auch die offizielle Auswertung der EMNIDUmfrage, an anderer Stelle. Abzulehnen oder zu bejahen hatten die jungen Leute in vollem Ernst die Aussage: "Wir haben in Deutschland alles Wissen der Welt." – Das immerhin von flächendeckendem gesundem Menschenverstand zeugende Ergebnis von 89 Prozent Ablehnung nimmt die Studie als Zeichen für Kleinmut: "Wir reden in Deutschland noch zu wenig über unsere Stärken." Von ähnlichem Kaliber ist die Anmerkung angesichts 67prozentiger Zustimmung zur Parole "Schule darf nicht nur Spaß machen": Die Jugendlichen, teilt das Ministerium mit, stellten damit existierende pädagogische Konzepte bewußt in Frage.
Was Jugendliche wirklich wollen, warum sie allen etablierten Parteien verstärkt den Rücken kehren, was sie bei freier Nennung der Probleme statt vorgegebener Schablonen und Phrasen äußern würden – das Bundesbildungsministerium wird es vorerst nicht erfahren. Auch nicht, woher 73 Prozent die überwiegende Hoffnung nehmen, mit der sie laut EMNID ihrer persönlichen Zukunft entgegensehen. Oliver Driesen

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