ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2005Schmerzen bei Männern und Frauen: Der große Unterschied

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Schmerzen bei Männern und Frauen: Der große Unterschied

PP 4, Ausgabe November 2005, Seite 497

Hibbeler, Birgit

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Foto: ddp
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Nicht im Rettungswagen, sondern mit dem Taxi kommt eine etwa 70-jährige Dame in die Notaufnahme. Die Magenschmerzen und die Übelkeit seien immer schlimmer geworden. Ihr gehe es einfach nicht gut, sagt sie. Müde und schlapp fühle sie sich, aber sie habe es noch geschafft, den Frühstückstisch abzuräumen und die Betten zu machen. Über die Diagnose sind Patientin und Arzt gleichermaßen überrascht: Herzinfarkt – ganz ohne thorakale Schmerzen. Dass Frauen, die einen Myokardinfarkt erleiden, oftmals nicht die klassischen Lehrbuch-Symptome beschreiben, ist mittlerweile bekannt. Nach wie vor gibt es jedoch kaum einen Bereich der
Medizin, in dem geschlechtsspezifische Aspekte berücksichtigt werden. Dies gilt auch für Schmerzleiden. Der Deutsche Ärztinnenbund hat seinen 29. Wissenschaftlichen Kongress Ende September in Berlin daher unter das Motto „Oh Schmerz, lass nach – Gleiche Krankheit, anderer Schmerz“ gestellt. Verbandspräsidentin Dr. med. Astrid Bühren forderte, geschlechtsspezifische Gesichtspunkte bei Schmerzen stärker als bisher zu beachten: „Chronischer Schmerz ist eine biopsychosoziale Erkrankung mit erheblicher volkswirtschaftlicher Bedeutung.“ Schirmherrin Ulla Schmidt begrüßte das Anliegen des Ärztinnenbundes: „Wir müssen dafür sorgen, dass der Gender-Aspekt stärker in die klinische Forschung einfließt.“
Dass die Versorgung von Schmerzpatienten unzureichend ist, verdeutlichte Dr. med. Erika Schulte, Klinik für Anästhesiologie des Campus Virchow-Klinikums der Berliner Charité. Schulte leitet das Projekt „Versorgungsanalyse bei chronischen Schmerzen“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Sie geht von rund 600 000 „Problempatienten“ aus, also Schmerzkranken, die weder vom Haus- noch vom Facharzt zufriedenstellend behandelt werden können. Dies sind in erster Linie Patienten mit Kopfschmerzen und Schmerzen des Bewegungsapparates.
Fünf bis acht Millionen Menschen in Deutschland leiden an chronischen Schmerzen. Frauen sind häufiger und stärker von Schmerzen betroffen als Männer. Obwohl Schmerzerkrankungen auch durch psychische Faktoren beeinflusst werden, wird die psychotherapeutische Behandlung vernachlässigt. Nur rund fünf Prozent der chronisch Schmerzkranken erhält eine Psychotherapie.* „Bei Schmerzpatienten sagt man häufig: Da kann man nichts machen“, so Schulte. Gerade Frauen neigen zur Selbstmedikation mit nicht verschreibungspflichtigen Analgetika.
Prof. Dr. med. Petra Thürmann, Universität Witten/Herdecke, kritisierte, dass die geschlechtsspezifischen Aspekte in der medikamentösen Schmerztherapie und der Arzneimittelforschung zu wenig beachtet werden. Thürmann wies auf Unterschiede in Pharmokokinetik und Pharmakodynamik hin. Frauen metabolisieren Medikamente anders. Ein Beispiel dafür ist das Cytochrom P450 3A4. Es ist für die Verstoffwechslung der Hälfte aller hepatisch metabolisierten Arzneimittel zuständig und findet sich bei Frauen in einer doppelt so hohen Menge wie bei Männern, so Thürmann. Auch in der Wirkung von Opiaten gebe es geschlechtsspezifische Differenzen. Männer benötigten eine wesentlich höhere Dosis an Morphinen zur Schmerzlinderung als Frauen. Entsprechend litten Frauen häufiger an Nebenwirkungen, weil die Dosierung in der Regel nicht optimal angepasst werde. Thürmann geht von einer Interaktion von Opiatrezeptoren und Östrogenen aus. „Die Erforschung geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Arzneimittelwirkung ist völlig unzureichend“, betonte Thürmann.
Offenbar läuft auch die zentrale Schmerzverarbeitung bei Frauen anders ab als bei Männern. Der Düsseldorfer Anästhesist und Schmerztherapeut, Prof. Dr. med. Enno Freye, erläuterte, dass die Bewertung von Schmerzreizen im männlichen Gehirn eher im Frontalbereich erfolgt, im weiblichen sei tendenziell das limbische System zuständig. Für eine differenzierte Diskussion plädierte Dr. med. Almut Tempka, leitende Ärztin der Sektion Rehabilitation der Berliner Charité. Dass Menschen Schmerzen unterschiedlich empfinden, begründete sie auch mit ihrem religiös-kulturellen Hintergrund. Die Präsidentin der Deutschen Schmerzliga, Dr. med. Marianne Koch, wies darauf hin, dass Schmerzen oftmals nicht ernst genommen würden. Dr. med. Birgit Hibbeler

* Themenheft „Chronische Schmerzen“, Gesundheitsberichterstattung des Bundes, 2005; www.gbe-bund.de
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