ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2005„Enhancement“: Schon Jakob betrieb es

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„Enhancement“: Schon Jakob betrieb es

PP 4, Ausgabe November 2005, Seite 500

Jachertz, Norbert

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Philosophisches aus den USA zur medizinischen Aufbesserung des Menschen

Wer nicht bibelfest war, tat gut daran, hinterher nachzulesen. Denn Prof. Erik Parens setzte voraus, dass seine Zuhörer die Geschichten über Stammvater Jakob, dessen Frau Rachel und die Übertölpelung von Schwiegervater Laban kannten. Parens exemplifizierte am Beispiel Jakobs die beiden Grundhaltungen, die aus philosophischer Sicht zur medizinischen Verbesserung des Menschen möglich sind.
Mit der Frage „Auf dem Weg zum besseren Menschen?“ hatte der von Kanzler Gerhard Schröder eingerichtete Nationale Ethikrat zu einem seiner öffentlichen bioethischen Foren eingeladen. Man wollte über den Einsatz der Medizin zur Steigerung körperlicher und geistiger Fähigkeiten sprechen. Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert vom Ethikrat erhoffte sich Hinweise, nach denen die verwirrende Vielfalt der Enhancement-Techniken (so der inzwischen gebräuchliche terminus technicus, kurz ET) geordnet werden kann. Lassen sich also Doping, Viagra- und Prozac-Konsum, Brustvergrößerung, Zahnregulierung und Geschlechtsumwandlung gedanklich auf einen Nenner bringen? Und: Wo liegen die Grenzen?
Philosoph Parens vom Hastings Center, New York, der zu ET schon vielfach veröffentlicht hat und ein gefragter Gutachter ist, konzentrierte sich pragmatisch auf die Kategorisierung der Phänomene. Von einer ethischen Bewertung sah er ab.
Kritikern wie Befürwortern von ET gehe es um Authentizität, so Parens. Die Kritiker befürchten, durch medizinische Aufbesserung werde die Person verfälscht oder daran gehindert, sich aus sich heraus zu entwickeln oder mit ihrem Schicksal fertig zu werden. Die Befürworter meinen hingegen, der Mensch werde durch ET, falls sie in freier Entscheidung angewandt werden, erst zu dem, was er ist oder zu sein glaubt.
Parens brachte als Beispiel Prozac (dessen Konsum in den USA offenbar alltäglich ist). Stimmungsaufheller befreien den Menschen, er ist wieder er selbst, sagen die Befürworter (in Übereinstimmung mit der Pharmawerbung). Nein, sie verhindern die Auseinandersetzung mit der Krankheit und eine Therapie, sagen die Gegner. Diese gegensätzlichen Grundhaltungen erläuterte Parens anhand des Alten Testamentes.
Als sich Rachel bei Jakob beklagt, keine Kinder bekommen zu können (Genesis 30, 1 f), verweist der auf Gottes Wille, der anzunehmen sei. Das ist Haltung eins, Parens nannte sie den „Dankbarkeitsrahmen“. Haltung zwei, der „Kreativitätsrahmen“, offenbart sich in der listigen Aufteilung der Ziegenherde Labans. Jakob wählt die starken Tiere, macht sie brünstig und kommt so bald zu einer großen Herde. Seinem Schwiegervater überlässt er die genetisch schlechteren Tiere (Genesis 30, 31–43).
Parens: Im Dankbarkeitsrahmen sind die Wahlentscheidungen begrenzt, im Kreativitätsrahmen hat der Mensch die Freiheit, sein Lebensprojekt zu wählen. Das sei die vorherrschende Einstellung in den USA.
Auf einige Berliner Zuhörer wirkten solche Aussagen (die Parens nicht für sich gelten ließ, er neige mehr den Kritikern zu) verstörend. Parens Antwort, lakonisch und wiederholt: „Ich gebe keinen Rat und spende keinen Trost.“ Auf die hartnäckige Frage, wer für medizinische Verbesserungen die Verantwortung zu übernehmen habe, befand Parens: das Individuum. Man müsse die Wahl einer Person, die wohl informiert sei und frei entscheide, akzeptieren. Norbert Jachertz
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