ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2005Psychotherapie lesbischer Frauen: Wertschätzende Grundhaltung unabdingbar

WISSENSCHAFT

Psychotherapie lesbischer Frauen: Wertschätzende Grundhaltung unabdingbar

Schneider, Lisa

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LNSLNS Die psychosoziale Frauenberatungsstelle donna klara e.v. gibt Empfehlungen für die Praxis und will zur Diskussion anregen.

Die Situation lesbischer Frauen in einer Psychotherapie gleicht in vieler Hinsicht der heterosexueller Frauen – und doch ist sie auch anders. Der Schritt in die Psychotherapie ist auch für lesbische Frauen oft wich-
tig, aber aufgrund von Verletzungen und schmerzhaften Erfahrungen mit dem „Anderssein“, mit Diskriminierung und Ausgrenzung auch ein Wagnis. Häufig fehlt die Zuversicht, mit dem „Anderssein“ auch angenommen zu werden. Dafür gibt es Gründe: In der Geschichte der Psychotherapie ist es zu massiven Diskriminierungen und zu einer Pathologisierung homosexueller Lebensweisen gekommen, die den lesbischen Frauen heute noch präsent sind. Das Wissen um diese Hintergründe hat zusammen mit aktuellen Erfahrungen von Unverständnis und Abwertung in psychotherapeutischen Kontakten oder Berichten über Therapieerfahrungen aus dem Bekanntenkreis bei vielen Lesben zu einer skeptischen oder auch ablehnenden Haltung gegenüber der Psychotherapie und damit oft auch zur Vermeidung notwendiger therapeutischer Hilfe geführt.
Die psychosoziale Frauenberatungsstelle donna klara e.v., Kiel, setzt auf die Entwicklung größerer therapeutischer Fachkompetenz und die Erarbeitung von Qualitätsstandards für die praktische Arbeit mit lesbischen Frauen. Dazu wurde in zwei getrennten Umfragen – sowohl bei den Therapeuten* als auch bei lesbischen Klientinnen – versucht, Aufschluss darüber zu erhalten, mit welchen speziellen Schwierigkeiten lesbische Frauen heute in einer Psychotherapie rechnen müssen (4). Aus den Umfrageergebnissen, der Fachliteratur und den Beratungserfahrungen wurden vorläufige Empfehlungen für die praktische therapeutische Arbeit abgeleitet. Diese sind in einem Arbeitskreis von Kieler Psychotherapeutinnen und Beraterinnen zur Diskussion gestellt und leicht modifiziert worden. Dieser Diskussionsprozess soll in der Fachöffentlichkeit weitergeführt werden. Offen ist die Frage, ob und inwieweit Modifikationen auf der Grundlage unterschiedlicher Therapieverfahren notwendig und sinnvoll sind und wie dieses Thema verstärkt Eingang in Aus- und Weiterbildungscurricula für Psychotherapeuten finden kann.
Akzeptanz und Anerkennung
Als wichtigstes Thema bei der Therapie mit lesbischen Frauen gilt sowohl in der Fachliteratur als auch bei den befragten Frauen eine die lesbische Lebensweise wertschätzende Grundhaltung. Dazu gehören Offenheit und das Fehlen jeglicher Pathologisierung des lesbischen Begehrens. Lesbische Frauen sind sehr „hellhörig“ bezüglich subtiler Abwertungen und auch skeptisch gegenüber einer vordergründig wohlmeinenden Haltung der politisch korrekten Toleranz („Das ist doch heute kein Problem mehr.“) (5). Sie wünschen sich eine Anerkennung der Homosexualität als eine der Heterosexualität gleichwertige, nicht pathologische Variante des sexuellen Begehrens. Fehlt eine solche Grundhaltung, reagieren lesbische Frauen sehr sensibel. Sie verspüren dann eine Atmosphäre, in der es ihnen gewagt erscheint, offen über ihre sexuelle Orientierung zu sprechen.
Um eine wertschätzende Grundhal-tung einnehmen zu können, ist es hilfreich, den in der Gesellschaft vorherrschenden Heterozentrismus zu kennen, die von den Individuen internalisierte Homophobie zu betrachten und ein Bewusstsein über die eigene Einstellung zur Homosexualität zu haben.
Um Gegenübertragungsprobleme zu vermeiden, wäre es wünschenswert, wenn Therapeuten sich klar sind über die eigenen homosexuellen Anteile und die damit verbundenen Gefühle (5, 6).
Gegenwärtig wird nicht mehr von einer dichotomen Aufteilung in Homo- und Heterosexualität ausgegangen, sondern von einer „bisexuellen Natur“ des Menschen, also einem individuell unterschiedlichen Ausprägungsgrad der Homo- beziehungsweise Heterosexualität bei jedem Individuum. Die zu einem bestimmten Zeitpunkt überwiegende sexuelle Präferenz kann sich dementsprechend auch im Laufe des Lebens (auch mehrfach) ändern. Neben dem nach außen sichtbaren Sexualverhalten werden in die Definition als relevante Faktoren auch das innerpsychische Empfinden (erotische und sexuelle Bilder oder Fantasien), die emotionalen Bindungen, der Lebensstil und das Eigenverständnis einbezogen (5, 6).
Die Kenntnis der eigenen Wertvorstellungen, der Ängste, Unsicherheiten und Abwehrstrukturen in Bezug auf die eigene sexuelle Orientierung bilden die Grundlage dafür, Abwertungen der Klientin zu vermeiden und ihrer Gefühls- und Lebenswelt empathisch begegnen zu können.
Ein Basiswissen bezüglich lesbischer Lebenszusammenhänge wäre für Therapeuten wünschenswert, zum Beispiel über Coming-out-Prozesse, die Paardynamik und Konfliktfelder, über typische Szene- und Diskriminierungserfahrungen, Familienprobleme, über Probleme lesbischer Mütter, Lesben im Alter et cetera. Auch wenn die Klientin zumeist Expertin für die Besonderheiten lesbischer Lebensweisen ist, ist es primär die Aufgabe des Therapeuten, sich zumindest grob auch außerhalb des therapeutischen Kontakts zu informieren.
Ohne dass dies als Empfehlung gemeint sein kann, ist meistens ein unmittelbarer Kontakt des Therapeuten zu lesbischen Lebensstilen, zur lesbischen Kultur und ein direkter Kontakt zu lesbischen Frauen hilfreich. Lesben fühlen sich oft nicht ernst genommen, wenn lesbische und heterosexuelle Beziehungserfahrungen gleichgesetzt werden, die bei aller Ähnlichkeit in der Regel doch einige deutliche Unterschiede aufweisen (1, 2, 5, 6).
Pathologisierende Erklärungsansätze
Homosexualität gilt als eine der Heterosexualität gleichwertige, nicht pathologische Variante des sexuellen Begehrens (5, 6), für die es keine spezielle Erklärungsbedürftigkeit gibt. Ausdruck dieser Sichtweise ist die Tatsache, dass in den Klassifikationssystemen psychischer Störungen Homosexualität als Diagnose einer psychischen Störung gestrichen wurde. Dennoch sind die alten pathologisierenden Erklärungsansätze zur Entstehung von Homosexualität nach wie vor in Veröffentlichungen und vor allem in der therapeutischen Praxis anzutreffen. Ein Grund hierfür ist unter anderem, dass qualifizierte Fachliteratur schwer zugänglich und meist englischsprachig ist.
Es gibt bisher keine wissenschaftlich begründete Theorie über das Entstehen einer lesbischen sexuellen Orientierung. Auch die Vermutung, dass die Entwicklung im Zusammenhang mit lebensgeschichtlich erfahrenen Defiziten und speziell mit sexuellen Traumatisierungen durch Männer stehe, ist wissenschaftlich nicht gesichert. Das Thematisieren der Entstehungszusammenhänge der sexuellen Orientierung seitens des Therapeuten werten lesbische Frauen meist als fehlende Akzeptanz ihrer Lebensweise.
Die gelegentlich doch auftretende Suche der Klientin nach Erklärungen für ihr Lesbischsein ist häufig Ausdruck einer großen Verunsicherung als Folge der Pathologisierung von Homosexualität und einer Suche nach Halt (1). Es sollte dem Therapeuten bewusst bleiben, dass es, wenn er die Klientin bei diesem Suchprozess unterstützt, nur um eine Suche nach individuellen lebensgeschichtlichen Konstellationen oder Aspekten gehen kann, die eine lesbische Orientierung begünstigt haben.
Es ist für die Therapie wichtig, die objektiven Lebensumstände der Klientin in ihrer Bedeutung für die emotionalen Konflikte zu berücksichtigen. Das Verbergen zentraler Aspekte der eigenen Identität, Auswirkungen von gesellschaftlicher Stigmatisierung oder „Unsichtbar-Machen“ lesbischer Lebensweisen, die besonderen Belastungen eines Coming-out, die Selbstdestruktivität der internalisierten Homophobie, die oft fehlende oder nur eingeschränkte Akzeptanz der Partnerin durch die Familie, nicht vorhandene Rollenmodelle und anderes hinterlassen Spuren, die Therapeuten wahrnehmen sollten und deren Zusammenhang mit gesellschaftlichen Faktoren bekannt sein sollte (5).
Stärkung des Selbstwertgefühls
Therapeuten, die lesbischen Klientinnen gerecht werden wollen, sollten die Gleichwertigkeit dieses Lebensstils aufzeigen können. Dies ist notwendig, um das Selbstwertgefühl in einer Homosexualität ablehnenden Umwelt zu stärken. Gleichzeitig kommt es darauf an, die spezifischen Stärken, die offen lesbisch lebende Frauen entwickelt haben, im Blick zu haben und anzuerkennen. Die berichteten Diskriminierungserfahrungen sollten von dem Therapeuten nicht geleugnet oder verharmlost werden. Dies geschieht bisweilen, wenn der Therapeut zum Beispiel in vordergründig liberaler Haltung anmerkt, dass Homosexualität gesellschaftlich längst akzeptiert sei. Es geht darum, den Blick der Klientin für Diskriminierungen, die sie selbst oft genug bagatellisiert, zu schärfen, als solche zu benennen und damit die Voraussetzung für effektive Selbstbehauptungsstrategien zu schaffen.
Die meisten lesbischen Frauen begeben sich nicht wegen etwaiger Probleme mit ihrer sexuellen Orientierung in Therapie, sondern wegen allgemeiner psychischer Probleme. Falls es in der Therapie doch um ein Coming-out geht, ist ein phasenspezifisches Vorgehen angezeigt (5, 6). In der Phase des „Prä-Coming-out“ geht es darum, überhaupt zu erkennen, dass eine Klientin sich zu Frauen hingezogen fühlt, das heißt sensibel zu sein gegenüber entsprechenden Signalen, aber auch gegenüber ihren berechtigten Ängsten, und sie darin zu unterstützen, sich dem Therapeuten anzuvertrauen und die lesbischen Empfindungen zu akzeptieren. In der Phase des „eigentlichen Coming-out“, der Phase der zunehmenden inneren Akzeptanz des Lesbischseins, sollte die Frau ohne Druck ermutigt werden, sich zunächst einem Kreis ausgewählter Außenstehender zu offenbaren. Dabei sollten einerseits die Belastungen und andererseits die Entlastungen sowohl eines Coming-out als auch der Aufrechterhaltung einer heterosexuellen Fassade besprochen werden.
In der Phase des „integrierten Coming-out“ ist die lesbische Lebensweise meist selbstverständlich geworden, sodass das Thema in den Hintergrund tritt. Die in der täglichen Interaktion im Lebensumfeld immer wieder auftretenden Situationen, die ein Coming-out erfordern, können in der Regel ohne stärkere emotionale Labilisierung bewältigt werden. Gelegentlich tritt das Thema im Rahmen übergeordneter Themenbereiche (zum Beispiel soziale Kompetenzprobleme) in Psychotherapien auf.
Die Schwierigkeiten der Klientin, über Probleme mit dem Lesbischsein
zu sprechen, wird von Therapeuten oft unterschätzt, besonders dann, wenn sie sich ihrer eigenen wertschätzenden Haltung dieser Beziehungsform gegenüber sicher sind. Therapeuten gehen oft davon aus, dass die Frauen keine Schwierigkeiten damit haben, wenn sie nicht darüber reden (2). Das Schweigen über ihre lesbische Lebensweise überhaupt oder ihre Probleme damit, ihr Argwohn und ihre Vorsicht können zunächst einmal als eine realitätsgerechte Anpassung an eine zum Teil immer noch homosexualitätsfeindliche Umgebung gesehen werden (3). Bei Klientinnen in der Phase des „PräComing-out“ ist es sehr problematisch, wenn der Therapeut das Thema nicht anspricht, weil sich dadurch die Homophobie verstärken kann (5).
Therapeuten beschäftigen sich in der Therapie oft ausgiebig mit der „Weiblichkeit“ (5). Lesben haben sich oftmals dem Druck zu konventionellem weiblichem Geschlechtsrollenverhalten entzogen und ein eigenes Weiblichkeitsverständnis entwickelt. Statt diese Haltung kritisch zu hinterfragen, geht es – wenn es denn tatsächlich Probleme in diesem Bereich gibt – darum, in differenzierter Weise sowohl die Kosten als auch den Nutzen von Verstößen gegen traditionelle Geschlechtsrollenvorschriften zu beleuchten (5).
Da lesbische Frauen zweifach – sowohl als Frau als auch als Lesbe – zu einer gesellschaftlich diskriminierten Gruppe gehören, sind sie oftmals besonders sensibilisiert für das Betonen oder gar Ausnutzen von Machtunterschieden. Hier ist eine besondere Feinfühligkeit des Therapeuten gefordert, die die Gleichwertigkeit beider Personen in den Vordergrund stellt.
Offenlegung der eigenen sexuellen Orientierung
Da gleichgeschlechtlich orientierte Frauen weniger unreflektiert und automatisch von der heterosexuellen Orientierung anderer Menschen ausgehen und da sie in einer ebenfalls gleichgeschlechtlichen Ausrichtung des Therapeuten einen Schutzfaktor vor einer Abwertung und Pathologisierung ihrer eigenen Lebensweise sehen, sind sie häufig mit der Frage beschäftigt, welche sexuelle Orientierung der Therapeut hat. Für die Klientin kann daher die Offenlegung der sexuellen Orientierung des Therapeuten entlastend wirken und eine Art „vertrauensbildende Maßnahme“ darstellen. Eine solche Offenlegung sollte störungs- und therapieschulenspezifische Erfordernisse und die Art des therapeutischen Kontakts berücksichtigen.
In den Formulierungen des Therapeuten und bei der Gestaltung von Fragebögen, besonders bei Fragen nach der Partnerschaft, sollte die Möglichkeit, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung geführt wird, berücksichtigt werden. Dies vermittelt den Eindruck, dass eine gleichgeschlechtliche Orientierung in Erwägung gezogen und akzeptiert wird.
Verständnisgrenzen eingestehen
Ein Eingeständnis von Verständnisgrenzen kann – besonders wenn es zusammen mit einem weiter bestehenden Interesse des Therapeuten am Erleben der Klientin vermittelt wird – für diese sehr entlastend sein. Verständnisprobleme erfordern ein genaues Nachfragen des Therapeuten mit der Chance, Missverständnissen und Verletzungen vorzubeugen. Wenn der Therapeut bei sich eine eher distanzierte oder ablehnende Haltung gegenüber lesbischen Frauen feststellt, sollte er sie an Kollegen weitervermitteln.


zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2005; 102: PP 506–508 [Heft 11]

Literatur
1. Eden G, Woltereck B: Die therapeutische Arbeit mit lesbischen Frauen: Besonderheiten und Anregungen. In: Dürmeier W et al., eds.: Wenn Frauen Frauen lieben . . . und sich für Selbsthilfe-Therapie interessieren. München: Frauenoffensive 1990; 30–46.
2. Falco KL: Lesbische Frauen: Lebenswelt – Beziehungen – Psychotherapie. Mainz: Matthias Grünewald 1993.
3. Gissrau B: Sympathie für die „Anormalität“? Ist Homosexualität an sich eine Krankheit? In: Alves E-M, ed.: Stumme Liebe: Der „lesbische Komplex“ in der Psychoanalyse. Freiburg: Kore 1993; 11–44.
4. Psychosoziale Frauenberatungsstelle donna klara e.v., ed.: Lesbische Frauen in der Psychotherapie: Hintergründe, Umfrageergebnisse und Empfehlungen. Kiel 2003, http://www.donnaklara.de/psycho/pdf_brosch/auswert_gesamt.pdf.
5. Rauchfleisch U et al.: Gleich und doch anders: Psychotherapie und Beratung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und ihren Angehörigen. Stuttgart: Klett-Cotta 2002.
6. Wiesendanger K: Schwule und Lesben in Psychotherapie, Seelsorge und Beratung: Ein Wegweiser. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001.

Anschrift der Verfasserin:
Lisa Schneider, Dipl.-Psych., Psychologische Psychotherapeutin, Mitarbeiterin der Psychosozialen Frauenberatungsstelle donna klara e.v. Goethestraße 9, 24116 Kiel, E-Mail: Psychosozial@donnaklara.de,
Internet: www.donnaklara.de
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