ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2005Paruresis: Ursachen unbekannt

WISSENSCHAFT

Paruresis: Ursachen unbekannt

PP 4, Ausgabe November 2005, Seite 511

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Schätzungsweise eine Million Männer und eine halbe Million Frauen leiden unter der sozialen Angststörung.

Der Begriff „Paruresis“ bezeichnet das Unvermögen, auf öffentlichen Toiletten zu urinieren. Andere Bezeichnungen sind „shy bladder syndrome“ oder „psychogener Harnverhalt“. Das psychische Problem besteht nicht im Ekel vor öffentlichen Toiletten, sondern in der sozialen Komponente: Den Betroffenen ist es unangenehm und peinlich, wenn sie von anderen Menschen bei den Verrichtungen auf der Toilette gehört oder gesehen werden (könnten). Die Paruresis wird deshalb als soziale Angststörung angesehen.
Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland etwa eine Million Männer und eine halbe Million Frauen unter Paruresis leiden. Für die Betroffenen ist die Blasenentleerungsstörung ein ernst zu nehmendes Problem. „Sie vermeiden öffentliche Toiletten und unterlassen soziale Aktivitäten, da sie nicht abschätzen können, wo und unter welchen Bedingungen es möglich ist zu urinieren“, sagt der Psychotherapeut Dr. Philipp Hammelstein von der Universität Düsseldorf. Der berufliche Tagesablauf wird teilweise danach bestimmt, wann sich eine Gelegenheit bietet, ungestört und unbeobachtet zu urinieren. Hinzu kommen häufig Selbstabwertungen, Selbstzweifel und Depressionen.
Die Störung tritt in der Regel schon im Jugendalter auf und bleibt bestehen, wenn sie nicht behandelt wird. Die Ursachen sind unbekannt. Zurzeit geht man von einer erlernten Fehlsteuerung des vegetativen Nervensystems aus. Eine traumatische Erfahrung, Ängste oder starke Schamgefühle können dazu führen, dass das Urinieren auf öffentlichen Toiletten erstmals nicht möglich ist. Dadurch entsteht eine Erwartungsangst, dass es beim nächsten Mal wieder nicht klappen könnte. Das kratzt am Selbstwertgefühl. Selbstabwertung und Erwartungsangst führen zu Vermeidungsverhalten, das den Prozess weiter verstärkt. Neben der Paruresis „im Kopf“ spielen auch unwillkürliche Prozesse eine Rolle. Beim Urinieren ist in der Regel der Parasympathikus aktiv, der eine Entspannung der Blasenringmuskeln bewirkt. Bei den Betroffenen wird hingegen der Sympathikus aktiviert. Das bedeutet, dass sich ihr Körper auf Angriff oder Flucht vorbereitet und alle weniger wichtigen Körperfunktionen, wie zum Beispiel den Harnfluss, einstellt. Da die Blasenentleerung jedoch zum Teil auch willkürlich steuerbar ist, setzt hier die Therapie an.
Die kognitive Verhaltenstherapie ist die Methode der Wahl, um Paruresis zu behandeln. Vor Therapiebeginn müssen jedoch körperliche Ursachen, wie zum Beispiel Prostatavergrößerung, Prostatakrebs oder Harnröhrenenge, vom Facharzt ausgeschlossen werden. Die Therapie: Psychoedukation, Selfmonitoring, kognitive Restrukturierung, gestufte Konfrontation und Entspannung. Zunächst wird der Patient über die Funktionsweise der Blase informiert. Dann werden die negativen Gedanken, Sorgen und Schamgefühle ermittelt und korrigiert. Die Betroffenen trainieren außerdem das Urinieren in angstauslösenden Situationen. Dadurch lernt der Patient, dass die Toilettensituation ungefährlich ist und der Körper keine Gefahrenreaktionen in Gang setzen muss. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Soifer S, Zgourides G, Himle J, Pickering NL: Shy Bladder Syndrome: Your step-by-step guide to overcoming paruresis. Oakland: New Harbinger Publications 2001.
2. Hammelstein P: Lass es laufen! Ein Leitfaden zur Überwindung der Paruresis. Lengerich: Pabst Science Publishers 2005.
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