ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2005Pflegeheime: Das „Heimarztmodell“

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Pflegeheime: Das „Heimarztmodell“

Dtsch Arztebl 2005; 102(46): A-3176 / B-2681 / C-2509

Lohbeck, Rainer

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LNSLNS Mit dem „Heimarztmodell“, in der mit 368 Betten größten Seniorenpflegeeinrichtung Nordrhein-Westfalens, lassen sich die in der SÄVIP-Studie vorgebrachten Behandlungsmängel bei stationär gepflegten Menschen vermeiden. Sowohl mein Vorgänger wie auch ich sind selbstständige niedergelassene Allgemeinmediziner mit Praxisstandort in der Seniorenresidenz. Für die Bewohner und Angehörigen, welche sich uns als Hausärzte aussuchen, besteht der Vorteil darin, dass die behindertengerecht ausgestattete Praxis unmittelbar erreicht werden kann und wir im Notfall sofort zu Hilfe eilen können – auch Bewohnern, die nicht „unsere“ Patienten sind. Dadurch können beispielsweise Kosten für Rettungswagen und Notarzteinsatz eingespart werden. Die interdisziplinäre Versorgung ist gesichert durch fachärztliche Hausbesuche beziehungsweise Termine in deren Praxen, lediglich die ambulante chirurgische Versorgung ist nicht immer möglich. Ein weiteres Problem stellt die Gesetzeslage dar, welche vorsieht, dass selbst multimorbide, gehbehinderte Patienten, die keinen Schwerbehindertenausweis haben, für Krankentransporte zur ambulanten Arztbehandlung vorher die Genehmigung der Krankenkassen einholen müssen. Aufgrund unzureichender Compliance vonseiten der Krankenkassenmitarbeiter können hier Gesundheitsstörungen oft nicht zeitnah ambulant behandelt werden, sodass die Krankheit verschleppt wird und doch eine stationäre Einweisung notwendig wird. Für diese Verschlechterung und Kostensteigerung trägt der Gesetzgeber die Verantwortung. Auch hier ist das „Heimarztmodell“ natürlich kostensparend . . . Während ich in meiner Altenpflegehilfstätigkeit in den 1980er-Jahren noch häufig psychotische, agitierte und aggressive Bewohner betreute, kommt dies zumindest in dieser von mir mitversorgten Seniorenresidenz nur noch selten vor und wenn, kann ich umgehend entsprechend ärztlich medikamentös intervenieren. Dass hier eine Verbesserung der ambulanten psychiatrischen Versorgung erreicht wurde – dank neuer Medikamente und kompetenter ambulanter ärztlicher Behandlung – lässt sich ja auch am erheblichen Bettenabbau stationärer psychiatrischer Betten belegen. Die medizinisch-psychiatrische Versorgung alter Menschen hat sich also erheblich verbessert – sicher auch dank verstärkter behördlicher Kontrollen, Verbesserungen in der Altenpflegeausbildung sowie der ärztlich medikamentösen Behandlung. Und die mir bekannten Altenpflegeeinrichtungen verfügen über geschulte Mitarbeiter in Pflege und sozialem Dienst, um den Bewohnern ein mobiles Leben in der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen zu ermöglichen. Dass dies bei manchen, die unter amtsgerichtlich verfügter Betreuung leben, nicht immer selbstbestimmt sein kann – zum Schutz vor Eigen- und Fremdgefährdung – ist krankheitsbedingt nachvollziehbar und verfälscht das Bild der heutigen stationären Seniorenpflegelandschaft. Ausländische Kollegen loben sogar explizit die deutschen Seniorenpflegeeinrichtungen als positiven Bestandteil der deutschen Soziallandschaft. Die früheren Siechenheime gibt es zum Glück nicht mehr.
Dr. med. PhD. Rainer Lohbeck,
Am Ochsenkamp 60, 58332 Schwelm
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