ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2005Das Porträt: Skikunstspringer, Ingenieur, Arzt

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Das Porträt: Skikunstspringer, Ingenieur, Arzt

Dtsch Arztebl 2005; 102(47): A-3244 / B-2741 / C-2562

Kubisch, Bernd

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LNSLNS Der Münchner Gerhard Melcher absolviert inzwischen seine ärztliche Weiterbildung in einem staatlichen Krankenhaus in Phuket in Thailand.

Fotos: Bernd Kubisch
Fotos: Bernd Kubisch
Wenn der Münchner Arzt Gerhard Melcher seine Lebensstationen aufzählt, dann schütteln viele Zuhörer ungläubig den Kopf: 14 Jahre Mitglied im deutschen Nationalteam der Skikunstspringer, Ausbildung zum Mechaniker für Apparatebau, zweiter Bildungsweg, Diplomingenieur im Maschinenbau, erfolgreiches Medizinstudium in München, nun Facharztweiterbildung zum Orthopäden in Südostasien, pausenloser Einsatz in den Stunden und Tagen nach der Tsunami-Katastrophe.
Wenn der 40-Jährige nach Visite oder Operation im hellgrünen Arztkittel im Vachira Hospital in Phuket durch die Gänge und den Wartesaal läuft, muss er häufig stoppen. Nicht nur seine derzeitigen Patienten und Kollegen sagen „hallo“ und schütteln ihm die Hand. Auch Einheimische und Ausländer, die am 26. Dezember 2004 in großer Not in diese Klinik kamen und nun wieder in Phuket sind, kommen und drücken dem Deutschen nochmals ihren Dank aus. „Ich weiß nicht, wie viele Patienten ich in
den Stunden und Tagen nach dem Tsunami behandelt habe. Aber es waren einige Hundert“, sagt Melcher.
Vier Tage und vier Nächte war er pausenlos im Einsatz, zuerst zehn Stunden im Patong-Krankenhaus am bekanntesten Touristenstrand der Ferieninsel Phuket. Patong liegt eine halbe Autostunde von der Stadt Phuket entfernt. „Ich war auf dem Weg zum Sportstudio in Patong, als die Wassermassen kamen, war aber selbst nicht gefährdet“, erzählt Melcher. Er eilte in die Klinik. Beim improvisierten Noteinsatz nähte er auch die tiefe Platzwunde eines Freundes aus Nürnberg, der im Rollstuhl sitzt. „Das war ein vergleichsweise einfacher Fall, etwa 30 Stiche, ging ruck, zuck. Wir Ärzte hatten kaum Zeit. Andere Opfer warteten und schrien vor Schmerzen.“ Reanimation, schwere Knochenbrüche, Luxationen, innere Verletzungen – das waren die komplizierteren Fälle. Auch etliche ausländische Ärzte, die in Thailand Urlaub machten, eilten in den vom Tsunami betroffenen Regionen in die Kliniken, um den thailändischen Kollegen zu helfen.
Von Patong fuhr Melcher in das größere und besser ausgestattete Vachira Hospital in Phuket, in dem er seit Oktober letzten Jahres tätig ist. Dort wurde er noch dringender gebraucht. „Gut, dass Gerhard so viele Sprachen beherrscht“, sagt Vachira-Direktor Jessada Chungpaibulpatana. „Er gehört nun zu uns“, betont der 50-jährige Klinikchef lächelnd, fasst den Münchner Arzt an der Hand und geht zurück in sein Büro. Melcher, der inzwischen auch ordentliches Thailändisch spricht, sagt: „Weil ich Englisch, Französisch und natürlich auch Deutsch spreche, behandelte ich viele Touristen und kümmerte mich vor allem auch um verletzte Kinder, die ihre Eltern suchten.“
Schon als Student in Thailand
Die meisten Patienten hatten nichts außer ihrer Kleidung, manche nicht einmal das. Deshalb war Melchers Handy sehr gefragt. Damit riefen die Patienten ihre Angehörigen in aller Welt an. „Das war nicht billig“, sagt Melcher. Während seiner Facharztweiterbildung zahlt ihm die Klinik kein Gehalt. Ein „Dankeschön“ bekam er von fast allen Patienten und etlichen Institutionen nach dem Tsunami-Einsatz, „aber nicht von der Deutschen Botschaft in Bangkok“, wie der Deutsche konstatiert. Die hat sich aber inzwischen bereit erklärt, die Handy-Kosten zu ersetzen.
Beruflich ist der Arzt nicht vorbelastet. Die Mutter war Verwaltungsangestellte, der Vater Schreiner. Nach der Realschule absolvierte Melcher eine Lehre als Mechaniker für Apparatebau bei Knorr-Bremsen in Moosach. Danach arbeitete er einige Jahre bei der Firma MBB im Flugzeugbau und machte 1990 sein Abitur in der Technischen Berufsoberschule in Freimann. „Mein Notendurchschnitt mit 3,7 war nicht sensationell, reichte aber zum erfolgreichen Studium mit Diplom als Maschinenbau-Ingenieur 1995.“ Für sein schwaches Abitur hat Melcher eine gute Entschuldigung. „Ich fehlte so oft – in zwei Schuljahren 175 Tage – weil ich mit der Nationalmannschaft unterwegs war.“ Mit Skikunstspringen begann Melcher als 22-Jähriger, im Nationalteam war er von 1988 bis 2002, Deutscher Meister 1994 bis 2002 und Bronzemedaillengewinner bei der Weltmeisterschaft in Meiringen in der Schweiz.
Und was weckte das Interesse an der Medizin? „Meine vielen Verletzungen an Knie und Sprunggelenk und die Worte meines Teamarztes Dr. Volker Smasal.“ Der habe eines Tages gefragt: „Wollen Sie das Krankenhaus einmal nicht als Patient sehen? Studieren Sie Medizin!“ Melcher fühlte sich inspiriert.
1996 qualifizierte er sich im Medizinertest für das Studium. „Der Test fand in diesem Jahr zum letzten Mal statt. Das war mein Glück“, erzählt der 40-Jährige. Dank seines guten Abschneidens erhielt er einen Studienplatz ohne Verrechnung mit der Abiturnote. Im Frühjahr 2004 bestand er sein 3. Staatsexamen. Seither befindet er sich in der Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie.
Seit Oktober 2004 arbeitet Gerhard Melcher im staatlichen Vachira Hospital in Phuket.
Seit Oktober 2004 arbeitet Gerhard Melcher im staatlichen Vachira Hospital in Phuket.
Zu Krankenhäusern in Thailand nahm Melcher schon als Student Kontakt auf. Im Kurzurlaub nach einem Skispringen in Australien machte er im Jahr 2000 erstmals in Phuket Station. Ein Jahr später absolvierte er seine erste Famulatur im „International Hospital“, einer Privatklinik. „Ich war täglich an der Seite eines Arztes. Das war eine Ausbildung, wie man sie sich wünscht.“ Sein Praktisches Jahr absolvierte er an der Universitätsklinik von Salt Lake City (USA) sowie in Hat Yai in Thailand.
Gut zwei Drittel der thailändischen Krankenhäuser sind Staatsbetriebe, auch das Vachira Hospital in Phuket. Es ist mit 528 Betten die größte Klinik im Umkreis von 500 Kilometern. Vor dem Haupteingang parken Hunderte von Mopeds. Ein Auto besitzt kaum einer der etwa 1 000 Beschäftigten, darunter 80 Ärzte, deren Gehälter schmal sind. Ein Facharzt erhält im Monat umgerechnet etwa 400 Euro. Fast alle verdienen sich in Privat-Praxen oder -Kliniken ein Zubrot. Aber auch dort sind die Einkommen im Vergleich zu Deutschland bescheiden.
Gänge und Wartezimmer im Vachira Hospital sind hell, geräumig und gepflegt. Eine Behandlung einschließlich Klinik-Aufenthalt kostet grundsätzlich 30 Bath (50 Bath entsprechen einem Euro). Wer in einem der Krankensäle mit 20 bis 50 Betten untergebracht ist, zahlt nichts extra. Für ein Einzelzimmer werden je nach Ausstattung pro Tag 500, 1 000 oder 2 000 Bath berechnet.
Dienstpflicht auf dem Land
Schlichter als das Vachira Hospital sind die Krankenhäuser auf dem Land ausgestattet. Hier arbeiten vorwiegend sehr junge Ärzte, die sich nach einem staatlich finanzierten Studium für drei Jahre in solch einem rural hospital verpflichten müssen. Das betrifft die große Mehrheit der Medizinstudenten. „Diese Ärzte haben eine gute Ausbildung, aber wenig Erfahrung“, erläutert Melcher. In komplizierten Fällen müssen sie ältere Kollegen in der nächsten Stadt um Rat fragen.
Melcher hat sich wegen der Anerkennung seiner Weiterbildungszeiten in Thailand mit der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer in Verbindung gesetzt: „Eine Zusage für eine Anerkennung habe ich noch nicht.“ Es hieß bei der Kammer, die Sache werde geprüft, wenn er die Unterlagen über seine Arbeit in Thailand vorlege. Dazu sagt Dr. Boonyong Roangporgsrisuk, Chefarzt der Chirurgie im Vachira Hospital: „Wir sind sicher, dass Gerhard das schafft – in Thailand und auch in Deutschland.“ Der 53-jährige Chirurg fügt hinzu: „Er geht seinen Weg, hat unser Lächeln, ist beharrlich und lässt sich nicht unterkriegen.“ Damit spricht er wohl die größte Herausforderung an, die dem Deutschen noch bevorsteht: das Bestehen des thailändischen Staatsexamens. Ausländer, die legal in Thailand tätig werden wollen, müssen innerhalb von zwei Jahren das Examen nachholen. Es besteht aus zwei schriftlichen und zwei mündlichen Prüfungen. Erst nach dem Erhalt der Thai Medical License darf Melcher uneingeschränkt an allen Kliniken des Landes arbeiten und könnte sich auch selbstständig machen.
Den klinischen Teil der Prüfung hat er schon einmal geschrieben. 600 Fragen an zwei Tagen, pro Frage 70 Sekunden Zeit zum Antworten, alles auf Thai. Beim ersten Versuch kam Melcher auf 50 Prozent, 60 Prozent sind zum Bestehen notwendig. Inzwischen kann der Münchner schneller lesen und hat sich auch besser an die Anforderungen der thailändischen Medizin angepasst, wie er sagt.
Während Melcher im Vachira Hospital aus seinem Leben erzählt, klingelt sein Handy. Ein Anruf aus Bern. Die wohlhabende Anruferin zählte zu den Tsunami-Patienten im Vachira. „Die Frau hätte fast ein Bein verloren. Ich habe die Schweizer Botschaft wiederholt gedrängt, sie in eine Spezialklinik fliegen zu lassen“, sagt Melcher, was sie letztlich getan habe. Dann fügt er fast verlegen hinzu: „Die Bernerin will als Dank einen erheblichen Betrag für unsere Tsunami-Hilfe überweisen.“ Der Münchner sowie seine österreichischen Freunde Martin Datler und Peter Wessely, die zeitweise in Phuket leben, unterstützen mit ihrem Hilfsprojekt vor allem kinderreiche Familien auf der Insel. Melcher hilft mit den Spenden inzwischen beim Bau einer Schule für Waisen und der Planung eines Kin-
derkrankenhauses. Kontakt: gerhard.melcher@gmx.de. Bernd Kubisch
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