ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2005Stiftung Warentest: „Die Andere Medizin“: Evidenz- oder Eminenz-basiert?

POLITIK: Kommentar

Stiftung Warentest: „Die Andere Medizin“: Evidenz- oder Eminenz-basiert?

Dtsch Arztebl 2005; 102(48): A-3310 / B-2800 / C-2618

Kienle, Gunver S.; Kiene, Helmut

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LNSLNS Neutrale Therapiebewertung, die sich nicht primär an der eigenen Voreingenommenheit orientiert, sondern verschiedene Evidenzen fachkundig, systematisch und kritisch aufbereitet, ist fraglos wünschenswert. Kriterien für die evidenzbasierte Medizin (EbM) sind Transparenz und Systematik in Literatursuche, Literaturauswahl, Evidenzbewertung und Darstellung. Auch für das Wissens-Empowerment von Patienten sind sachliche und transparente Therapieinformationen sinnvoll und politisch erwünscht.
Abgesehen davon, dass viele Mediziner die universale Tauglichkeit der Methoden von EbM auch kritisch hinterfragen, erweist sich, dass nicht alles EbM ist, was sich als solches bezeichnet. Ein Beispiel dafür ist das neue Buch der Stiftung Warentest „Die Andere Medizin. ,Alternative‘ Heilmethoden für Sie bewertet“. Die strukturierte Darstellung der Komplementärmedizin ist gut und ansprechend, doch für die als Leitmethode der wissenschaftlichen Bewertung angegebene EbM fehlen durchweg deren Grundprinzipien.
Die gesamte Darstellung ist bezüglich der zugrunde liegenden Evidenz intransparent. Weder werden kon-kret die Kriterien der Auswahl der berücksichtigten Studien oder die Kriterien der Studienbewertung genannt, noch werden überhaupt irgendwelche Quellenverweise und Literaturstellen angegeben. Unklar bleibt, warum manche Studien akzeptiert und andere verworfen wurden oder warum wichtige Teilergebnisse aus Studien nicht erscheinen. So muss man den Autoren die Darstellung glauben (oder nicht) und kann keine der Angaben überprüfen. Dies ist die klassische Vorgehensweise der „Eminenz-basierten“ Medizin und steht im Widerspruch zu den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin. Nicht verwunderlich, kam es zu vielen Fehlern im Detail und zu teils gravierend falschen Angaben, aber eben nur für den Fachmann erkennbar.
Stiftung Warentest gibt an, sich bei der Bewertung der komplementärmedizinischen Therapien primär an randomisierten Studien zu orientieren. Inwiefern diese pauschale Orientierung sinnvoll für die Gesundheitsversorgung ist oder Nachteile mit sich bringen kann, wird seit Jahrzehnten in führenden internationalen Zeitschriften kontrovers diskutiert. Auch die Komplementärmedizin beteiligt sich an dieser wissenschaftlichen Diskussion, ihre Argumente sind weithin bekannt und allgemein zugänglich und werden bei Gesetzgebern und Behörden berücksichtigt. Von der Stiftung Warentest wird diese Diskussion nicht angeführt, entweder nicht gekannt oder ignoriert. Stattdessen werden naive Statements vorgebracht, angeblich von Vertretern der Komplementärmedizin (wieder ohne überprüfbare Quelle), die aber für die eigentliche wissenschaftliche Diskussion jedenfalls unzutreffend sind.
Auch wenn Stiftung Warentest die Plausibilität jeder Heilmethode beurteilt, stellen sich kritische Fragen: Welche wissenschaftstheoretischen Kriterien sollten es ermöglichen, die Plausibilität von Medizinsystemen zu prüfen? Welche Grundlagenwerke der betreffenden Heilmethoden wurden tatsächlich der Beurteilung zugrunde gelegt? Wie fand der Abgleich mit dem „naturwissenschaftlich anerkannten Wissen“ statt? Lag eine ausreichende Kompetenz dafür vor? Oder handelt es sich primär um soziologisch oder modisch basierte Einschätzungen?
Die Intention einer sachlich-neutralen Gesamtbeurteilung der Komplementärmedizin ist sicherlich lobenswert, faktisch aber erfordert sie ein bedeutendes Mehr an Kompetenz, Methodik und Darstellung. Das Werk der Stiftung Warentest war offensichtlich zu ambitioniert, und das Hinzuziehen eines einzigen Fachberaters zur Überprüfung der Arbeit der zwei Journalisten war angesichts der Komplexität des Themas (Beurteilung von Wirksamkeit, Sicherheit, Wechselwirkungen, Risiken, Ausübung und Ausbildung von 52 Diagnose- und Therapieverfahren) fraglos ungenügend. Das Ziel einer wissenschaftlichen Bewertung der „anderen“ Therapieansätze wurde nicht erreicht. Wegen fehlender Transparenz der Methodik, zahlreicher Fehler, vermutlicher Willkür bei Evidenzauswahl und -bewertung und fraglicher Fachkenntnis bleibt die Beurteilung der Wirksamkeit der betreffenden Therapien offen. Das Warentest-Buch erweist sich somit als Eminenz-basierte, nicht als eine Evidenz-basierte Beurteilung. Zu welchem Ergebnis eine transparente und systematische Beurteilung der Evidenz kommen würde, bleibt offen und kann derzeit weiterhin nur durch den Blick in die eigentliche medizinisch-wissenschaftliche Literatur beantwortet werden. Dies gilt auch für die Patientenberatung.

Dr. med. Gunver S. Kienle
Dr. med. Helmut Kiene
Institut für angewandte Erkenntnistheorie
und medizinische Methodologie, Bad Krozingen
E-Mail: Gunver.Kienle@ifaemm.de
Langfassung abrufbar unter: www.ifaemm.de
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