ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2005Public Private Partnerships: Unerwünschte Wirkungen

THEMEN DER ZEIT

Public Private Partnerships: Unerwünschte Wirkungen

Dtsch Arztebl 2005; 102(49): A-3399

Wulf, Andreas

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LNSLNS Die Kooperation von öffentlichen Einrichtungen und privatwirtschaftlichen Unternehmen ist gut, hat aber auch Schwachstellen: Komplexere Aufgaben werden selten angepackt.

Kooperation statt Konfrontation“ heißt seit den 90er-Jahren das Motto, mit dem die alten Konfliktlinien zwischen profitorientierter Wirtschaftsweise und einer an Gerechtigkeit und sozialer Umverteilung orientierten Politik miteinander versöhnt werden sollen – vielfältige Public Private Partnerships (PPPs) entstanden, Corporate Social Responsibility brachte Unternehmensgewinne in eine florierende privatwirtschaftliche „Entwicklungshilfe“ ein – Win-win-Situationen (ein gegenseitiger Nutzen für öffentliche und private Interessen) wurden überall entdeckt.
Gerade die internationalen Pharmafirmen beteiligten sich in Kooperation mit der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) an globalen Gesundheitsprogrammen: Merck stellt sein Medikament Ivermektin gegen die Flussblindheit kostenfrei zur Verfügung, Pfizer macht das Gleiche mit dem Antibiotikum Azithromycin für die Behandlung des Trachoms, Boehringer Ingelheim bietet sein Medikament Nevirapin, das die Übertragungshäufigkeit des HI-Virus von der Mutter auf das Kind unter der Geburt mehr als halbiert, den ärmsten Ländern für fünf Jahre kostenfrei an.
Produktorientierte Hilfen stehen im Vordergrund
Doch im Zuge der zunehmenden Public Private Partnerships entwickelt sich ein bedenklicher Prozess des „Rosinenpickens“: „Profitable“ und bevorzugt produktorientierte Maßnahmen, wie die Bekämpfung von Krankheiten mit Medikamenten oder Impfkampagnen, werden durch globale Initiativen gefördert, wohingegen die komplexeren Aufgaben der Aufrechterhaltung und Verbesserung der Gesundheitssysteme den zunehmend ausgezehrten nationalen Gesundheitsbudgets und der spärlichen internationalen Entwicklungshilfe überlassen bleiben. Ein wichtiges Thema wie die Müttersterblichkeit, die aufgrund unzureichender Schwangerschafts- und Geburtsbetreuung in vielen Entwicklungsländern immer noch zwanzigfach höher ist als in Industrieländern, wird für PPPs kaum interessant werden. Denn hier sind keine international handelbaren Produkte, sondern flächendeckende, kompetente und verlässliche Gesundheitsdienste mit motiviertem, ausreichend bezahltem Personal erforderlich.
Problematisch ist darüber hinaus die zunehmende Anzahl parallel durchgeführter PPP-Projekte. Eine aktuelle Studie der niederländischen Gesundheitsorganisation WEMOS (www.wemos.nl) zeigt, dass von 90 Initiativen in Afrika bis zu zwei Dutzend gleichzeitig implementiert werden. Den Rekord hält Tansania mit 28 verschiedenen PPPs im Gesundheitsbereich. Die Folge ist, dass der Koordinierungsbedarf auf allen Ebenen eines Gesundheitssystems deutlich zunimmt: Unterschiedliche Gebervorgaben sind zu beachten, unterschiedliche Zeitläufe der Antragstellung, Bewilligungsfristen, Beschaffungsrichtlinien und Durchführungspläne sind einzuhalten, unterschiedliche Dokumentationen in Gesundheitszentren auszufüllen und auszuwerten et cetera. So sinnvoll kurzfristige Erfolgskontrollen für ein einzelnes Programm sein können, in der Summe und unter den Bedingungen knapper Ressourcen stellt sich eine ungute Konkurrenz der Programme untereinander ein: Sie konkurrieren um die engagiertesten Mitarbeiter, um die „besseren“ Standorte, um die leichter erreichbaren Zielgruppen, um möglichst große Erfolge dokumentieren zu können. Eine systematische Verbesserung der oft personell und finanziell schlecht ausgestatteten öffentlichen Gesundheitsdienste, die nicht nur einzelne Krankheitsbekämpfungsprogramme durchführen, sondern auch Aufgaben der Gesund­heits­förder­ung wahrnehmen, ist von solchen Programmen kaum zu erwarten.
Angesichts dieser problematischen Aspekte und der Gefahr, dass die nationalen und internationalen Gesundheitsstrategien weiter auf die Förderung von PPPs verengt werden, forderte das weltweite Netzwerk von kritischen Konsumentengruppen und Gesundheitsaktivisten Health Action International (HAI [www.haiweb.org]), das von medico international vor mehr als 20 Jahren mitgegründet wurde, bereits auf der Weltgesundheitsversammlung 2001 ein Moratorium für neue PPPs. Dadurch sollte Zeit gewonnen werden zur kritischen Evaluierung.
Um solche Forderungen auch mit konkreten Erfahrungen zu verstärken, entstand zugleich eine HAI-Initiative: Die verschiedenen neuen Programme zur Behandlung von Aids-Kranken in den Ländern des Südens, international oft mit großem Medienaufwand beworben, wie der Global Fund to Fight AIDS, TB and Malaria, die „Accelerated Access Initiative“ mit den großen Pharmafirmen oder der milliardenschwere Fonds PEPFAR des US-Präsidenten in 15 hauptbetroffenen Ländern, werden in Ghana, Kenia, Botswana, Mozambik, Peru, Vietnam und Moldawien kritisch evaluiert. Denn entscheidend ist, wieweit ein Zugang zu diesen Behandlungsmöglichkeiten tatsächlich allen zugute kommt.
Wie bei jedem Medikament gilt auch bei PPP: Erst die Kenntnis der unerwünschten Wirkungen macht einen verantwortungsvollen Einsatz möglich, die Hoffnung auf die Panacea der „Win-win-Situationen“ erweist sich sonst schnell als trügerisch. Dr. Andreas Wulf
medico international, www.medico.de
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