ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2005Tollwut-Prophylaxe: Nur fünf Prozent der Reisenden sind geimpft

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Tollwut-Prophylaxe: Nur fünf Prozent der Reisenden sind geimpft

Hoc, Siegfried

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LNSLNS Tollwut führt zum Tod. Das sollte sich jeder vergegenwärtigen, der in ein Entwicklungsland reist, und auch jeder Arzt, der seine Patienten vor einer Fernreise beraten soll. Schutz vor dieser Erkrankung bietet nur eine präexpositionelle Prophylaxe durch eine Impfung. Der Erreger der Tollwut (Rabies) ist ein Virus aus der Familie Rhabdoviridae aus der Gattung Lyssa-Virus. In diese Gruppe gehören weitere Viren, die beim Menschen eine tollwutähnliche Symptomatik induzieren können.
Es gibt aber nur wenige Berichte über Erkrankungsfälle, die offenbar auch nicht tödlich sind. Überträger waren stets Fledermäuse. Diese gelten auch als ursprünglicher Wirt des Lyssa-Virus. Vermutlich überschritt das Tollwutvirus im Laufe seiner Entwicklung die Speziesschranke und infiziert nun auch andere Tiere und ebenso den Menschen mit den fatalen Folgen.
Prinzipiell werden ein sylvatischer und ein urbaner Übertragungszyklus unterschieden. In den industrialisierten Ländern wird nur der sylvatische Zyklus beobachtet, weil hier die Hunde und Katzen überwiegend geimpft sind. Dagegen sind in den Entwicklungsländern die halb verwilderten Haustiere ein ideales Reservoir für das Virus. Tollwütige Wildtiere sind in tropischen Ländern vor allem Fledermäuse. Der übliche Übertragungsweg ist ein hautdurchdringender Biss eines tollwutinfizierten Tieres. Aerosolinfektionen können in Fledermaushöhlen vorkommen. In Deutschland habe es auch Infektionen von Erwachsenen (!) gegeben durch das Verkosten von gefundenen Impfködern mit dem nichtinaktivierten Impfvirus, berichtete Dr. Christian Schönfeld (Berlin). Schlagzeilen machten die tragischen Todesfälle in Deutschland nach Organtransplantationen: Sechs Patienten wurden Organe einer verstorbenen 26-jährigen Indien-Reisenden implantiert. Fünf starben an Tollwut. Nur ein Patient, der gegen Tollwut geimpft war, überlebte symptomfrei.
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sterben weltweit jährlich etwa 60 000 Menschen an den Folgen einer Tollwutinfektion, davon werden mehr als 30 000 aus Indien gemeldet. Der Rest entfällt auf Asien, Afrika und Südamerika. Jeder Fernreisende, auch der Geschäftsreisende, der in tropische oder subtropische Länder reist, sollte sich präexpositionell gegen Tollwut impfen lassen; es sind jedoch höchstens fünf Prozent der Reisenden dagegen geimpft. Ein moderner Zellkulturimpfstoff wie Rabipur® wird von 98 Prozent der geimpften Erwachsenen und Kinder sehr gut vertragen – er ist besser verträglich als eine Tetanus-Impfung. Es sind drei Vakzinationen erforderlich: am Tag null, sieben und 21 (oder 28). Selten treten leichte Impfreaktionen auf.
Es verließen sich noch viele Fernreisende darauf, dass sie nach einem Tierbiss an Ort und Stelle geimpft und behandelt werden könnten, berücksichtigten aber nicht, dass in vielen Reiseländern der Dritten Welt moderne Zellkulturimpfstoffe und auch Tollwut-Immunglobuline nicht oder nicht immer zeitnah verfügbar seien, betonte Dr. R. Stefan Ross (Duisburg-Essen). Die meistens vorhandenen Nervengewebsimpfstoffe (Semple-Impfstoff) mit Phenol zur Virusinaktivierung seien nur wenig wirksam, dagegen provozierten sie aber eine hohe Rate an schweren Nebenwirkungen bis hin zur tödlich verlaufenden Enzephalopathie.
Werde ein ungeimpfter Reisender in einem Reiseland mit schlechter postexpositioneller Behandlungsmöglichkeit von einem Tier mit Tollwutrisiko gebissen, sollte er unverzüglich zurückfliegen, um sich in seinem Heimatland behandeln zu lassen, betonte Schönfeld. Siegfried Hoc

Pressegespräch „Tollwutgefahr auf Reisen: Eine Herausforderung für die reisemedizinische Beratung“ in München, Veranstalter: Chiron Behring
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