ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2005Psychotherapeutische Versorgung in den neuen Ländern: Wartezeiten bis zu einem Jahr

EDITORIAL

Psychotherapeutische Versorgung in den neuen Ländern: Wartezeiten bis zu einem Jahr

PP 4, Ausgabe Dezember 2005, Seite 529

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Rund 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die ambulante Versorgung in den neuen Bundesländern im Vergleich zum Westen geprägt durch „Mehr Patienten, weniger Ärzte und geringere Finanzmittel“ – so der Titel eines Artikels in diesem Heft (Seite 540). Zwar ist die Mortalitätsrate im Osten seit den 1990er-Jahren deutlich gesunken, ergab die Vergleichsstudie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI), Berlin, doch die Krankheitsprävalenzen, insbesondere bei chronischen Erkrankungen, sind höher als im Westen. Gleichzeitig entfallen auf den einzelnen Arzt – und Psychotherapeuten – im Osten mehr Behandlungsfälle, mehr Arbeitsstunden bei vergleichsweise geringerer Vergütung. Kein Wunder also, dass es wenige in die neuen Länder zieht. Schon jetzt sind viele Hausarzt- und Facharztstellen nicht zu besetzen. Viele Planungsbereiche sind für Psychotherapeuten offen.
Die Bundespsychotherapeutenkam-mer stellt eine „deutliche Unterversorgung“ mit Psychotherapie in Ostdeutschland fest: Auf 100 000 Einwohner entfallen dort fünf bis acht niedergelassene Therapeuten, im Westen 15 bis 26. Psychisch kranke Kinder bekommen die Unterversorgung besonders deutlich zu spüren. In Sachsen-Anhalt gibt es zum Beispiel nur zwei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP), in Mecklenburg-Vorpommern neun und in Thüringen elf (Bundesarztregister der KBV, Stand 31. Dezember 2003). Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt überlegt bereits Honoraranreize, um mehr KJP zur Niederlassung zu bewegen, berichtet Beate Caspar, Sprecherin der Errichtungsgruppe der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer und Mitglied des Beratenden Fachausschusses Psychotherapie der KV. Im Gegensatz zu den West-KVen spielt das Hindernis der gemeinsamen Bedarfsplanung mit den Erwachsenentherapeuten keine große Rolle. Diese besagt, dass ein gesperrter Planungsbereich für Erwachsenentherapeuten eine Zulassungssperre auch für KJP verursacht, selbst wenn diese noch fehlen. In Sachsen-Anhalt konnten sich Anfang 2005 noch 199 Psychotherapeuten niederlassen, in Sachsen 485. Die Gründe für das geringe Interesse der KJP, eine Praxis im Osten zu eröffnen, liegen nach Meinung von Caspar im höheren Behandlungsaufwand für Kindertherapie und im mangelnden Nachwuchs an den Ausbildungsinstituten.
Die freien KV-Sitze verdeutlichen auch die Unterversorgung in der Erwachsenentherapie. Die KV Sachsen meldet Wartezeiten für einen Therapieplatz von einem halben bis zu einem Jahr, die KV Brandenburg ebenfalls. Auf dem Land ist der Mangel größer als in den Städten. Besonders auffällig ist das Fehlen ärztlicher Psychotherapeuten in den neuen Ländern: Es sind noch 1 913 Zulassungen möglich. Diese werden gesondert
ausgewiesen, weil das Gesetz (§ 101 Abs. 4 SGB V) eine Mindestquote von 40 Prozent ärztlicher Psychotherapeuten vorsieht. Das heißt: Wenn ein Planungsbereich gesperrt ist, muss erst die Mindestquote erfüllt sein, bevor sich Psychologische Psychotherapeuten niederlassen können. Dies ist zurzeit in Thüringen der Fall: Dort müssen erst 116 ärztliche Therapeuten gefunden werden, bevor sich Psychologen niederlassen können.
Ein Anreiz zur Niederlassung wäre sicherlich, wenn Honorargerechtigkeit hergestellt würde. Der feste Punktwert für die Richtlinienpsychotherapie liegt immer noch deutlich unter dem Westniveau. Petra Bühring
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema