ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2005Qualitätsmanagement: Super-Geschäftsidee

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Qualitätsmanagement: Super-Geschäftsidee

PP 4, Ausgabe Dezember 2005, Seite 556

Geisler, Eduard

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LNSLNS QM zielt nach eigenem Selbstverständnis ausschließlich auf drei Arten von Qualität: Strukturqualität, Prozessqualität und Ergebnisqualität. Produktqualität ist definitionsgemäß ausdrücklich nicht Gegenstand des QM. Dennoch wird von seinen Protagonisten suggeriert, letztere ergäbe sich aus den vorgenannten Qualitäten, wobei der unterstellte Transformationsprozess etwa so geklärt ist wie der Vorgang der unbefleckten Empfängnis. Allein das Ansinnen, mit einem als unverzichtbar deklarierten „EBM 2000-plus“ Strukturqualität herstellen zu wollen, würde einen Q-Manager eines beliebigen Unternehmens umgehend zum behandlungsbedürftigen Patienten machen. Die Produktqualität (hinreichend verfügbare, hochwertige psychotherapeutische Versorgung) ist jedoch das einzige, was ein Endkunde (Patient) hinter einer „qualitätsgesicherten“ Praxis vermutet. Genau diese Qualitäten werden aber leider fast ausschließlich durch das Kriterium monetäre Leistungsvergütung (in der Gesundheitsversorgung oft auch = Zeit und = Versorgungsdichte) vorgegeben. QM in der Gesundheitsversorgung kann anders als in der Wirtschaft nicht auf den Produktpreis umgelegt werden und mindert deshalb die Gewinne (Untersuchungen über Ein-sparungen durch QM in der Einpersonenpraxis eines Psychologischen Psychotherapeuten sind mir nicht bekannt). Fehlt es nun tatsächlich an leistungsgerechter Vergütung, wächst die Neigung, zu betrügen oder zu pfuschen. QM ändert daran gar nichts, sondern wird logischerweise selbst Opfer dieser Unvermeidbarkeit. Wenn die Propagierung von QM in der Gesundheitsversorgung auch für die Einpersonenpraxis Hochkonjunktur hat, so vor allem deshalb, weil es aus der Sicht der Politiker und Kassen ein brauchbares Instrument der Kostensteuerung ist. QM in der psychotherapeutischen Kleinpraxis ist zudem einfach eine Super-Geschäftsidee, es bietet vielen Menschen neue Arbeitsplätze und kann deshalb auch nicht wirklich schlecht sein. Es ist nur nicht das, was es suggeriert, nämlich mehr als ein nur marginaler Beitrag zur Verbesserung des „Produkts beziehungsweise der Dienstleistung Psychotherapie“ sein zu wollen. Kostensenkung durch Entbürokratisierung (zum Beispiel Vereinfachung der Antragstellung), Sicherstellung von Interbeziehungsweise Supervision (Fortbildung), wie bereits eingeführt, und ein obligates (handhabbares) Patientenfeedback könnten ohne institutionalisierte Qualitätssicherung einen kostenneutralen und damit auf Dauer auch wirklich zu leistenden Beitrag zur Verbesserung der Versorgung (der Patienten) abgeben.
Dr. rer. soc. Eduard Geisler,
Dipl.-Psych., Psychotherapeut,
Im Inneren Bogen 34, 72622 Nürtingen
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