ArchivDeutsches Ärzteblatt PP12/2005Horst Antes: Cadavre exquis

KUNST + PSYCHE

Horst Antes: Cadavre exquis

PP 4, Ausgabe Dezember 2005, Seite 576

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Auf manchen Kindergeburtstagen werden mit Papier und Buntstiften höchst unterhaltsame Zeichnungen auf eine besondere Art und Weise angefertigt. Zunächst wird das Blatt horizontal gefaltet, das erste Kind malt einen Kopf, klappt seine Zeichnung nach hinten um, und der nächste Zeichner bekommt nun die Aufgabe, den Oberkörper zu malen – natürlich ohne vom Kopf mehr zu kennen als die Ansatzstellen des Halses. Auf diese Weise gestalten drei oder vier Personen ohne gemeinsame Abstimmung eine Figur – entsprechend amüsant und skurril fällt zumeist das Ergebnis aus.
Die Geschichte dieses Spiels ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Unter der Bezeichnung „cadavre exquis“ erfreute sich dieser „köstliche Leichnam“ in den Kreisen der Surrealisten großer Beliebtheit; Gemeinschaftsarbeiten von Künstlern wie Yves Tanguy, Joan Miró und anderen belegen dies.
Das Bild von Horst Antes erinnert in seiner horizontalen Gliederung an das geschilderte Spiel. Der Kopf endet in horizontaler Linie kurz unterhalb der Lippen, ein gedrängter Oberkörper lässt sich durch eine gedachte Linie direkt unterhalb der Hände – die rechte Hand übrigens mit sechs Fingern – von der Beinpartie trennen. Und vor allem: Die drei Teile des Bildes sind formal deutlich verschieden gestaltet. Hat der Künstler für sich allein auf das alte Spiel zurückgegriffen? Hat er sich selbst überlisten und eine bewusste Planung der Figur unterlaufen wollen? Hat Antes im Entwurfstadium für die Gouache möglicherweise mit Papierstreifen in unterschiedlichen Kombinationen experimentiert?
Die auf den ersten Blick sehr homogene braune Farbigkeit könnte in dieser Betrachtungsweise wie eine Gegenregulation aufgefasst werden, indem der Heterogenität der Form eine reduzierte Farbpalette entgegengestellt wird – allerdings eine, die bei genauerer Betrachtung einen großen Variantenreichtum entdecken lässt. Ob die Überlegungen zur heterogenen Form einerseits und zur homogenisierenden Farbreduktion andererseits zutreffen, wissen wir nicht. Herausgekommen ist jedenfalls eine rätselhafte Bildfigur – wie bei einem „cadavre exquis“. Hartmut Kraft


Biografie Horst Antes
Geboren 1936 in Heppenheim an der Bergstraße. 1957 bis 1959 Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe bei HAP Grieshaber. 1959 Kunstpreis der Stadt Hannover. 1961 Kunstpreis „Junger Westen“ der Stadt Recklinghausen. 1962 Villa Romana Preis. Seit 1965 Lehrer an der Akademie in Karlsruhe. Lebt in Karlsruhe, Berlin und in der Toskana.

Literatur
Antes H: Bilder 1959–1993. Bayerische Staatsgemäldegalerie und Von-der-Heydt-Museum, Wuppertal 1993.
Antes H: Horst Antes – Arbeiten von 1959–2002 aus der Sammlung Großhaus. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf und Kunsthalle Villa Kobe, Halle 2003.
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