ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2005Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: Verwurzelt in Gegensätzen

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Dr. med. Meryam Schouler-Ocak: Verwurzelt in Gegensätzen

Dtsch Arztebl 2005; 102(50): A-3492 / B-2951 / C-2464

Hibbeler, Birgit

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Die Berliner Psychiaterin Dr.med.Meryam Schouler- Ocak ist Oberärztin und Leiterin des „Berliner Bündnisses gegen Depression“.
Die Berliner Psychiaterin Dr.med.Meryam Schouler- Ocak ist Oberärztin und Leiterin des „Berliner Bündnisses gegen Depression“.
Als sie mit sieben Jahren in Deutschland in die Schule kam, sprach sie nur Türkisch. Heute setzt sich die Oberärztin für psychisch kranke Migranten ein.

Wenn das Oberarztzimmer von Dr. med. Meryam Schouler-Ocak sprechen könnte, hätte es sicherlich viel zu erzählen. In dem hellen, gelb gestrichenen Raum waren schon die Geschichten und Probleme unzähliger Menschen Thema. Für Schouler-Ocak ist es ein wenig ungewohnt, dass es an diesem Ort heute um sie geht – das merkt man. Erstaunlich ist das nicht, denn an dem runden Holztisch mit vier Stühlen drehen sich die Gespräche in der Regel um die Patienten, die hier in der psychiatrischen Institutsambulanz der Berliner Charité im St. Hedwig Krankenhaus behandelt werden. Die zierliche Psychiaterin mit langen, dunkelroten Haaren ist kaum einen Meter fünfundfünfzig groß, aber in den Mittelpunkt drängen mag sie sich trotzdem nicht. Die Arme verschränkt und das Kinn auf die linke Hand gestützt, wartet sie erst einmal ab. Doch je länger das Gespräch dauert, desto mehr scherzt und lacht die 43-Jährige. Es wird angenehm warm in dem lichtdurchfluteten Raum.
Die Geschichte, die Schouler-Ocak zu erzählen hat, ist alles andere als alltäglich. Darauf, dass sie einmal Oberärztin und Leiterin des „Berliner Bündnisses gegen Depression“* wird, hätte bei ihrer Geburt wohl niemand gewettet. Schouler-Ocak stammt aus einfachen Verhältnissen: Geboren in einem kleinen Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste, kam sie 1970 im Alter von sieben Jahren nach Duisburg-Rheinhausen. Ein Teil der Familie war bereits dort, ihr Vater schon acht Jahre. Mutter und Bruder waren später gefolgt, Schouler-Ocak und ihre Schwester erst mehr als ein Jahr danach. Sie fand es damals aufregend und spannend, nach Deutschland zu kommen, erinnert sie sich. „Als ich in die Schule kam, konnte ich nur Ja und Nein sagen“, sagt Schouler-Ocak. Sie war ein sehr offenes Kind und hatte schnell deutsche Freundinnen. Schon früh half Schouler-Ocak ihren Eltern bei Behördenangelegenheiten. Ihr Vater war Bergmann, die Mutter Fabrikarbeiterin. Ihre Mutter hat nie eine Schule besucht, kann nicht lesen und schreiben. Als ihr Vater eine Koloskopie bekommen sollte, musste sie als Kind Anamnese und Aufklärung übersetzen, ohne zu wissen, was eine Darmspiegelung überhaupt ist. „Aus jetziger Sicht kann ich sagen, dass das mangelhaft war“, kritisiert sie. Bereits mit 16 Jahren arbeitete sie als Dolmetscherin für „pro familia“. Wie wichtig ihre Tätigkeit dort war, wurde ihr erst später bewusst. Die Erfahrungen dort seien sicherlich ein Grund gewesen, Medizin zu studieren, meint Schouler-Ocak. Als Ärztin wollte sie dazu beitragen, dass auch Ausländer im deutschen Medizinbetrieb eine Chance haben.
Genau das tut Schouler-Ocak heute. Das von ihr geleitete „Berliner Bündnis gegen Depression“ hat die Versorgung von Migranten zu seinem Schwerpunkt gemacht. Sind Ausländer von einer Depression betroffen, wird sie häufig erst spät oder gar nicht erkannt. Die Kommunikation scheitere einerseits an der Sprache, andererseits daran, dass Beschwerden anders geschildert und nicht richtig interpretiert würden, so Schouler-Ocak. Sprach- und Kulturmittler werden selten eingesetzt. Ein weiteres Problem: Die Vorbehalte gegen psychische Erkrankungen sind im Umfeld von Migranten häufig noch größer als bei Deutschen. Beispielsweise türkische Patienten gehen häufig nicht zum Arzt oder Therapeuten, sondern suchen Hilfe bei einem „Hoca“ (Korankundiger; nichtärztlicher, traditioneller Heilkundiger). Viele versuchen, ihre Depression innerhalb der Familie zu bewältigen. Schouler-Ocak kennt diese Probleme genau. Für sie ist es daher ganz wichtig, die Patienten dort abzuholen, wo sie stehen. Aus der obersten Schublade ihres Schreibtisches holt sie ein kinderhandgroßes, rundes Amulett. In der Mitte ist ein kleiner, dunkelblauer Punkt, der von weißen und blauen Kreisen eingerahmt wird. „Das ist ein Nazarboncugu, ein magisches Auge“, erklärt sie. Dieses Augenamulett schützt als Talisman vor dem „bösen Blick“ und vor Krankheiten. Auf dem Plakat des Bündnisses gegen Depression ist das magische Auge abgebildet. Das spricht die Betroffenen an, und so erhalten sie überhaupt Informationen zu ihrer Erkrankung. Schouler-Ocak hat noch andere Wege aufgetan, die Türkinnen und Türken zu erreichen, die kein Deutsch sprechen. Sie hat Kontakte zu türkischsprachigen Zeitungen geknüpft, die in Deutschland vertrieben werden. Dort erscheinen jetzt Berichte über das Bündnis.
Fotos: Georg Lopata Rund ein Drittel der Patienten der psychiatrischen Institutsambulanz sind Migranten.
Fotos: Georg Lopata Rund ein Drittel der Patienten der psychiatrischen Institutsambulanz sind Migranten.
Schouler-Ocak ist in ihrem Engagement so erfolgreich, weil sie „beide Seiten“ kennt. Sie weiß nur zu gut, was es bedeutet, wenn das türkische Umfeld andere Vorstellungen und Werte hat als die deutsche Gesellschaft rundherum. Als sie einen Studienplatz an der Medizinischen Hochschule Hannover bekam, gab es in Familie und Bekanntenkreis erhebliche Vorbehalte. Sie könne unmöglich allein so weit wegziehen, hieß es da. „Da gab es ganz viel Gerede“, meint Schouler-Ocak. Doch ihr Vater sprach schließlich ein Machtwort: „Meine Tochter macht, was sie will.“ Das hat sie getan – mit vollem Einsatz. Leicht gehabt hat sie es dabei nicht. Dass es Vorurteile gegen eine junge Türkin im ärztlichen Berufsalltag gibt, hat sie gespürt. Offen gezeigt hat ihr das jedoch niemand. Und für sie war ohnehin klar: „Das ist deren Problem und nicht meins.“ Die Arbeitsstellen, die sie wollte, hat sie aufgrund ihrer Qualifikation so gut wie immer bekommen. Sie hat sich hochgearbeitet – mit Kompetenz.
Kein Wunder, dass es sich herumgesprochen hat, dass Schouler-Ocak Oberärztin der psychiatrischen Institutsambulanz ist. Rund ein Drittel der Patienten sind Migranten, schätzt sie. Aber Schouler-Ocak kennt auch die Kehrseite der Medaille: Sie hat die Vorurteile deutscher Patienten erlebt, die sich nicht von der ausländischen Ärztin mit dem „komischen Namen“ behandeln lassen wollten. Allerdings hat sie gelernt, damit souverän umzugehen. Ihrer Erfahrung nach legen sich die Vorurteile am ehesten, wenn man sie offen anspricht. Die Patienten merken dann, wie hervorragend sie Deutsch spricht. Zudem – der erste Teil des Namens stammt nicht aus dem Ausland. Ihr Mann ist Deutscher.
Schouler-Ocak kam in Deutschland von Anfang an gut zurecht. Bei ihr scheint die Integration geglückt zu sein. Ohne Probleme erhielt sie schließlich nach dem Studium die deutsche Staatsbürgerschaft und damit die Approbation. Unwillkommen hat sie sich nicht gefühlt. Wo aber ist nun ihre Heimat? „Verwurzelt fühle ich mich in Deutschland. Dazu bin ich einfach viel zu lange hier“, sagt sie. „Aber ich liebe auch die Türkei.“ Ihre Schwester lebt inzwischen wieder dort, ihre Eltern, mittlerweile Rentner, pendeln zwischen alter und neuer Heimat hin und her. In einigen Tagen fahre auch sie in den Türkei-Urlaub, erzählt Schouler-Ocak. Eine praktizierende Muslimin sei sie nicht, aber gläubig. Heute beginnt der Ramadan. Dr. med. Birgit Hibbeler

*www.berlinerbuendnisgegendepression.de;
bundesweit: www.kompetenznetz-depression.de
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