ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2006Wolfgang Pföhler: Die Vollversorgung in der Fläche ist das Ziel

POLITIK

Wolfgang Pföhler: Die Vollversorgung in der Fläche ist das Ziel

Flintrop, Jens

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Wolfgang Pföhler (52) leitet seit Juli 2005 die Rhön- Klinikum AG. Zuvor war der Diplom-Kaufmann Geschäftsführer des Universitätsklinikums Mannheim. Seine Amtszeit als Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft endete am 31. Dezember 2005.
Wolfgang Pföhler (52) leitet seit Juli 2005 die Rhön- Klinikum AG. Zuvor war der Diplom-Kaufmann Geschäftsführer des Universitätsklinikums Mannheim. Seine Amtszeit als Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft endete am 31. Dezember 2005.
Die Rhön-Klinikum AG profitiert von der Finanzkrise der öffentlichen Hand und wächst durch Privatisierungen weiter – auch wenn das Kartellamt manchmal etwas dagegen hat.

Mit seiner jüngsten Akquisition hat die Rhön-Klinikum AG unter Beweis gestellt, dass sie mehr sein will als ein Nischenanbieter, der etwa nur eine bestimmte Region, nur ein bestimmtes Krankheitsspektrum oder nur eine bestimmte Patientenklientel bedient: Zum 1. Januar 2006 übernahm der private Klinikkonzern, der gemessen am Umsatz zu den Top drei der Branche zählt, das zur Jahresmitte fusionierte Universitätsklinikum Marburg und Gießen.
„Wir streben die flächendeckende Vollversorgung an“, erläutert Wolfgang Pföhler, Rhön-Vorstandsvorsitzender, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt die strategischen Ziele des Konzerns. Damit gemeint ist sowohl eine horizontale Marktabdeckung, das heißt in der Fläche und in allen Fachgebieten, als auch eine vertikale, das heißt in allen Versorgungsstufen – also Grund- und Regelversorgung, einschließlich Zentral- und Maximalversorgung. Pföhler: „Für ein bundesweites, flächendeckendes Angebot wollen wir unseren Marktanteil von rund zwei Prozent und etwas über 40 Krankenhäusern auf einen Marktanteil von acht bis zehn Prozent erhöhen.“ Niemand solle weiter als 100 Kilometer fahren müssen, um zu einem Servicestützpunkt – ob eigen oder kooperierend – für Rhön-Krankenhausleistungen zu gelangen. Positiver Nebeneffekt: Je mehr Krankenhäuser der Konzern besitze, desto höher seien die Leistungsmengen und desto stärker entwickelten sich Kostendegression und Qualität.
Das ambitionierte Ziel „Vollversorgung in der Fläche“ ist für Rhön nur deshalb ein realistisches, weil die Länder und Gemeinden pleite sind. Dies beschleunigt den Ausverkauf öffentlicher Unternehmen, also auch der Krankenhäuser oder wie jetzt erstmals in Hessen eines Universitätsklinikums. „Wir bieten der öffentlichen Hand ein doppelt interessantes Angebot: Geld über die Zahlung des Kaufpreises und Investitionsmittel zur Verbesserung der medizinischen Infrastruktur“, verdeutlicht Pföhler die Vorgehensweise.
Stichwort „monistische Finanzierung“: Rhön hat nach Konzernangaben über die Jahre hinweg auf knapp eine Milliarde Euro öffentlicher Fördermittel, etwa zum Neubau von Krankenhausgebäuden oder zur Anschaffung von Großgeräten, verzichtet, obwohl darauf ein Rechtsanspruch bestand. Pföhler: „Dies hatte für uns den Vorteil, dass wir nicht an das öffentliche Vergaberecht gebunden waren. Daher konnten wir schneller, zielgerichteter und damit letztlich preiswerter bauen.“ Noch wichtiger sei jedoch, dass die privaten Klinikketten infolge der schleichenden Umstellung auf die „monistische Finanzierung“ faktisch mehr und mehr den Sicherstellungsauftrag im Krankenhauswesen übernehmen. „Diese Tatsache macht uns unabhängig von den Wirren der Politik und gibt unseren Aktionären mehr Sicherheit“, betont der Rhön-Vorstandsvorsitzende: „An uns wird künftig kein politischer Akteur mehr vorbeikommen.“ Langfristige Folge sei ein „echter Systemwechsel“ in der Branche.
Die Frage, ob ein solcher Systemwechsel hin zu mehr Profitdenken in den Kliniken nicht auch negative Folgen haben könnte – zum Beispiel, weil weniger Zeit für die ärztliche Zuwendung dem Patienten gegenüber bleibt –, beantwortet der langjährige Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft mit einem klaren „Nein“. Die Privatisierungswelle sei im Gegenteil aus zwei Gründen „hoch ethisch“: einerseits, weil das jetzige Leistungsniveau in den Krankenhäusern („auf das die Bürger einen Anspruch haben“) nur durch Übertragung der Einrichtungen an leistungsfähige private Träger langfristig gesichert werden könne; andererseits, weil – damit einhergehend – nur durch die Wertschöpfung der privaten Konzerne mehr Geld ins Gesundheitssystem gelangen könne.
Dass das Bundeskartellamt im letzten Jahr gleich drei von Rhön beantragte Krankenhausübernahmen – den Kauf der Kreiskrankenhäuser in Bad Neustadt an der Saale und in Mellrichstadt sowie des Städtischen Krankenhauses Eisenhüttenstadt –, untersagte, passt Rhön überhaupt nicht ins Konzept. Der Bonner Behörde fehle jegliche Grundlage für ein Eingreifen bei Krankenhausfusionen, kritisiert Pföhler: „Durch die bei Krankenhäusern gesetzlich festgelegten Preise kann eine etwaige Marktmacht doch gar nicht missbraucht werden.“ Schlimmer noch: Falsch ausgelegtes Wettbewerbsrecht könne sogar dazu führen, dass die Versorgung der Bevölkerung schlechter werde – in der Qualität und in der Fläche. So drohe dem Kreiskrankenhaus in Mellrichstadt inzwischen die Schließung. Auch für das Kreiskrankenhaus in Neustadt an der Saale sei noch kein Käufer gefunden worden.
„Die Diskrepanz zwischen dem Sozialgesetzbuch V und dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen ist offensichtlich“, erklärt Pföhler und verweist auf einen kommunalen „Fall“ in Nürnberg. Dort hatte das Bundeskartellamt zunächst die Fusion der Kliniken Nürnberger Land mit dem Klinikum Nürnberg verhindert (kurz vor Weihnachten 2005 kam dann doch noch der überraschende Bescheid, dass der Zusammenschluss genehmigt wird). Ein Fusionsverbot hätte den Fortbestand der Kliniken ernsthaft gefährdet, meint Pföhler. Die nicht nachvollziehbaren Entscheidungen der Bonner Behörde seien demnach nicht nur ein Problem für die privaten Träger.
Mit dem Kauf des Universitätsklinikums Marburg und Gießen will Diplom-Kaufmann Pföhler die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens, dessen Leitung er Ende Juli 2005 von Eugen Münch (der den Aufsichtsratsvorsitz) übernahm, nachhaltig stärken. Nur in einem Universitätsklinikum könne ein Klinikkonzern wie Rhön internationale Spitzenforschung betreiben, betont er. Dies sichere zusätzliche Patienten, auch aus dem Ausland. So soll in Marburg und Gießen für eine innovative Form der Krebsbehandlung das deutschlandweit erste Zentrum für Schwerionen- und Protonentherapie entstehen (Kosten: 107 Millionen Euro). Danach gefragt, ob Rhön auch die Richtung, in die am neu erworbenen Universitätsklinikum geforscht werden solle, beeinflussen wolle, antwortet Pföhler: „Die Freiheit der Wissenschaft ist Voraussetzung dafür, dass das Universitätsklinikum zum Flaggschiff des Konzerns wird.“ Rhön fordere nicht mehr Mitspracherechte als Drittmittelgeber. Für die weitere wissenschaftliche Freiheit der Forschung in Marburg und Gießen spricht aber, dass Rhön anders als die Mitbewerber Helios (das zu Fresenius gehört) und Asklepios (dessen Gebot unter Beteiligung der B. Braun Melsungen AG erfolgte) industrieunabhängig ist. Und das soll auch so bleiben: „Wir werden uns mit Sicherheit an keiner Stelle mit der Industrie verbandeln“, versichert Pföhler.
Rhön will künftig vor allem durch die Nutzung der Privatisierungswelle wachsen. Daneben verfolgt der Konzern zwei weitere Strategien: den Aufbau eines flächendeckenden Netzes von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und die Gründung von „Tele-Portal-Kliniken“.
„Die Medizinischen Versorgungszentren wollen wir an jedem Klinikstandort einrichten“, erklärt Pföhler. Ziel sei es, sowohl Patientenströme für die Krankenhäuser zu generieren als auch, indirekt, die Kosten in den benachbarten Krankenhäusern zu senken: Voruntersuchungen und/oder Teile der Diagnostik könnten in den praxenähnlichen MVZ preiswerter und oft auch schneller erledigt werden als in Krankenhausstrukturen. „Dabei geht es nicht darum, niedergelassenen Fachärzten Konkurrenz zu machen“, unterstreicht der Rhön-Vorstandsvorsitzende. Im Gegenteil: Über das MVZ wolle Rhön die Fachgebiete am Krankenhaus abrunden, ergänzen und damit die Qualität steigern. Dies sei auch ein Angebot an die niedergelassenen Ärzte. Das Leistungsspektrum vor Ort werde erweitert. Ein Wettbewerb um den Patienten sei nicht zu befürchten.
Mit dem Konzept der „Tele-Portal-Klinik“ will Rhön die Möglichkeiten der Telematik nutzen, „um medizinische Kompetenz aus der Spitzenmedizin bereits auf der Ebene der Grundversorgung zur Verfügung zu stellen“. Zentrales Element ist eine diagnostisch-technische Ausstattung auf dem Niveau gut geführter Schwerpunktkrankenhäuser. Über Online-Verbindungen sollen kleinere Krankenhäuser rund um die Uhr vom Spezialistenwissen anderer Schwerpunkt-, Maximal und Spezialkliniken des Konzerns profitieren können. Pföhler: „Der Einsatz von virtuell anwesenden Spezialisten wird Diagnoseverfahren ermöglichen, die am alten Grundversorgungskrankenhaus bisher technisch und finanziell undenkbar sind.“ Jens Flintrop

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