ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2006Erfahrungsbericht: Gang durch die Hölle

BRIEFE

Erfahrungsbericht: Gang durch die Hölle

Dtsch Arztebl 2006; 103(1-2): A-35

Drechsler, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ja, Herr Kollege, da haben Sie, zwar reichlich spät, aber immerhin, die andere Seite der Medaille kennen gelernt . . . Es ist alles gut und professionell gelaufen, wenn auch mit allerlei Inkommoditäten verbunden. Sie sind geheilt. Es kann aber ganz anders ausgehen. Hier eine kleine Kostprobe aus der Begleitung eines krebskranken Partners: Man erlebt (und bitte schön, dies mit der infausten Prognose als ständigem Begleiter), in hohem Bogen aus einer Praxis hinausgeworfen zu werden, weil man es angesichts der offenkundig insuffizienten Betreuung gewagt hat, eine zweite Meinung einzuholen. Man erlebt, dass Informationen über klinische Studien an anderen Instituten vorenthalten werden, weil in der eigenen Klinik der Start einer Studie geplant wird – und erhält als Kommentar zu einer Nachfrage, wann es denn endlich losgehe, die Antwort: „Was wollen Sie denn, es ist doch ein langsam wachsender Tumor (der Tumor nahm sich leider bei diesem jungen Patienten das Recht heraus zu explodieren). Man erlebt anderweitig, dass von einem ärztlichen Kollegen bei einer klassischen B-Symptomatik aufgrund des neuerlichen Tumorwachstums ausschließlich Homöopathika als Therapie angesetzt werden – nichts wie weg! Man erlebt, dass der Ambulanz-Oberarzt einer renommierten neurochirurgischen Klinik eine akute metastatisch bedingte Querschnittlähmung nicht erkennt, weil grundlegende Fragen nicht gestellt und simpelste Untersuchungen nicht durchgeführt werden – und wieder wird man unter Beleidigungen hinausgeworfen (die stationäre Aufnahme zur erfolgreichen Operation am selben Tag erfolgte dann auf Umwegen – wie wäre es in dieser Situation wohl einem Patienten ohne ärztliche Begleitung ergangen, der sich auf dieses Urteil verlassen hätte?). Man erlebt an der gleichen Klinik Beschimpfungen durch den Chefarzt, weil man – oh Blasphemie – als Dermatologin (mit einer erklecklichen Anzahl fachübergreifender onkologischer Veröffentlichungen) sich erdreistet, sich in die Chemotherapie einzumischen . . . Man erlebt, dass Therapien aus Furcht vor Auseinandersetzungen mit Krankenkassen verweigert werden, weil „Laborwerte sich bessern“ – während gleichzeitig die Schmerzen immer schlimmer werden und Lähmungen drohen. Oh ja, es gab auch Lichtblicke:
- den Kollegen, der sich in dieser Situation mutig über alle bürokratischen Hindernisse hinwegsetzte und es wagte, eine hochwirksame, im ersten Anlauf von der Krankenkasse abgelehnte Chemotherapie durchzuführen,
- den fantastischen Strahlentherapeuten, der Verstehen und Mitfühlen an den Tag legte,
- die absolut liebevolle Betreuung in einem Hospiz, die schließlich einen würdevollen Tod im häuslichen Umfeld ermöglichte.
Aber, lieber Herr Kollege, diese Ereignisse waren in der Minderzahl. Es war ein zweijähriger Gang durch die Hölle, in dem uns und vor allem ihm eins immer wieder als Botschaft entgegenschlug: „Du bist längst tot.“ Ich kann mich Ihrem Plädoyer nur von ganzem Herzen und mit heiligem Zorn anschließen. Aber es ist viel, viel schlimmer, als Sie glauben. Bleiben Sie gesund.
Dr. med. Sabine Drechsler, Messerschmittstraße 7, 53125 Bonn
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige