ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2006ADHS: Einseitige Sichtweise
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LNSLNS Leider suggeriert schon der Titel Ihres Artikels eine sehr einseitige Perspektive. Als langjährig in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätiger Klinikleiter mache ich mir große Sorgen über die unkritische Anwendung von Methylphenidat und analogen Medikamenten bei so genannten ADHS-Fällen. Dies betrifft sowohl die Indikationsstellung als auch die Dosierung. Unterziehen wir Kinder bzw. Jugendliche mit der Vordiagnose
ADHS in unserer Ambulanz einer genaueren kinder- und jugendpsychiatrischen und testpsychologischen Diagnostik, ist festzustellen, dass in einer nicht geringen Anzahl falschpositive Diagnosen gestellt wurden. Ebenso zeigen sich Fälle mit einer unangemessen hohen Dosierung. Die von Ihnen beschriebene Verzehnfachung des Verordnungsvolumens von Methylphenidat innerhalb von acht Jahren umfasst nach meiner Einschätzung auch einen nicht unbeträchtlichen Anteil nicht indizierter Verordnungen. Es ist bedenklich, dass in Ihrem Artikel auf die Problematik falsch-positiver ADHS-Diagnosen aufgrund einer unzureichenden Vordiagnostik mit keinem Wort eingegangen wurde. Zur Orientierung an US-amerikanischen Standards ist Folgendes zu bemerken: In den USA fand bereits ab Beginn der Neunzigerjahre ein deutlicher Abbau psychotherapeutischer Leistungen für Kinder und Jugendliche statt. Die Anzahl der bewilligten Termine in kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen sank bei vielen Krankenkassen auf maximal zwölf pro Jahr. Dem Abbau psychotherapeutischer Leistungen stand eine für die Krankenkassen kostengünstigere massive Erhöhung des Verordnungsvolumens von Methylphenidat gegenüber. Aktuell sind in den USA mehr als 90 Prozent der verordnenden Ärzte nicht Kinder- und Jugendpsychiater (Angaben von C. Bosenberg, M. D., Bellevue, WA., USA). Eine analoge Entwicklung wäre in unserem Land nicht wünschenswert. Eine medikamentöse Behandlung bei gesicherten ADHS-Fällen erscheint aus fachlicher Sicht ohne eine parallel laufende psychotherapeutische bzw. familientherapeutische Behandlung nicht sinnvoll. Es ist zu empfehlen, dass bei jedem Verdachtsfall eine eingehende kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik stattfindet und auch der weitere Behandlungsverlauf kinder- und jugend-psychiatrisch bzw. psychotherapeutisch begleitet wird. Nur hierdurch wird sich der Anteil falschpositiver Diagnosen und nicht indizierter medikamentöser Behandlungen reduzieren lassen.
Dr. med. Hartmut Thieme, Tagesklinik, Pionierstraße 19, 50735 Köln
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