ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2006Medizingeschichte(n): Hirnpathologie – Funktionale Betrachtung

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Medizingeschichte(n): Hirnpathologie – Funktionale Betrachtung

Schott, H.

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LNSLNS Zitat: „Irgendein Schnitt durch das Großhirn zeigt uns, daß an jeder Rindenstelle Bahnen zu vielen anderen Teilen des Nervensystems und Verbindungsbahnen zu anderen Rindengebieten liegen. Jede Störung da könnte also durch irgendeine Fernwirkung einen ganzen Komplex von Bahnen unterbrechen oder doch beeinflussen.
Auf diese Fernwirkungen, die er als Hemmung auffasst, hat Monakow [1] frühere Andeutungen von Goltz [2] geistreich durcharbeitend unsere Aufmerksamkeit gelenkt. Der Reiz einer Rindenstelle oder ihre Zerstörung hat eine Wirkung, die sich aufspaltet und weithin verbreitet. Diese ,Diaschisis’ ist Ursache, daß die Symptome uns so ausgedehnt erscheinen [. . .].
Es ist also Aufgabe der nächsten Zukunft, durch eine neue Sichtung der vorhandenen ungeheuren Kasuistik zu ermitteln, welche Symptome bei Ausfall eines Rindengebietes direkt, welche durch Fernwirkung erzeugt sind, und da es keine isoliert bleibenden Rindenteile gibt, wird diese Aufgabe auf direktem Weg kaum lösbar sein. Sicher müssen wir, wie vor alten Zeiten, die Rinde, sobald wir sie funktional betrachten, wieder mehr als zusammenhängendes Organ ansehen ohne dabei zu vergessen, daß die Anatomie ganz deutlich zeigt, wie an bestimmten Stellen Strahlungen aus ganz bestimmten Sinnesgebieten enden.“

Ludwig Edinger (1911), in: Gerald Kreft: Deutsch-jüdische Geschichte und Hirnforschung. Ludwig Edingers Neurologisches Institut in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main 2005, Seite 91 f. – Edinger (1855–1918) arbeitete ab 1883 als Neurologe und Hirnforscher in Frankfurt am Main. 1896 erhielt er den Professorentitel und wurde 1914 persönlicher Ordinarius für Neurologie an der neu gegründeten Universität Frankfurt und offizieller Direktor des (von ihm selbst finanzierten) Neurologischen Instituts. Er wendet sich hier gegen eine allzu strikte Lokalisationslehre von Hirnfunktionen. – [1] Constantin von Monakow (1853–1930), Zürcher Neurologe und Hirnanatom. [2] Friedrich Goltz (1834–1902), Professor für Physiologie ab 1869 in Halle, ab 1872 in Straßburg.

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