ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2006Die navigationsgestützte Knieendoprothetik – Eine Standortbestimmung unter evidenzbasierten Kriterien: Scharfe Begriffstrennung

MEDIZIN: Diskussion

Die navigationsgestützte Knieendoprothetik – Eine Standortbestimmung unter evidenzbasierten Kriterien: Scharfe Begriffstrennung

Dtsch Arztebl 2006; 103(1-2): A-47 / B-36 / C-36

Stengel, Dirk; Ekkernkamp, Axel

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die nahe des Messfehlers liegende Grenze von 3°-Achsabweichung und noch unzureichende Daten über patientenzentrierte Endpunkte unterstreichen den dringenden Forschungsbedarf. Unzutreffend ist jedoch die Aussage in Tabelle 1 „Aktuelle Evidenz Level I- und II-Studien (alle prospektiv randomisiert)“. Dies ist nicht den Autoren, sondern der fehlenden Transparenz der Originalpublikationen anzuschuldigen. Lediglich Chauhan teilte Patienten eindeutig anhand einer Randomisierungsliste den Behandlungsarmen zu („Der Randomisationsplan, erstellt durch einen unabhängigen Statistiker, sah eine Blockrandomisierung à vier Blöcken vor“). Die Studie von Sparmann stellt bestenfalls eine quasi-randomisierte kontrollierte Studie (RCT) dar („Die Patienten wurden nach der Verfügbarkeit des Navigationsinstrumentariums einem der Behandlungsarme zugeteilt. [...] Diese Methode generierte gleich große Gruppen.“) Der Hinweis „. . . aus der Studie wurden 133 Fälle ausgeschlossen . . . “ weist auf methodische Mängel hin. Die Randomisierung wurde fälschlich als Methode verstanden, um quantitativ gleiche Stichproben zu generieren. Der Untersuchung der Autoren liegt mit der Zuordnung nach Wochentagen („Die Patienten wurden entsprechend dem Wochentag einer Behandlungsgruppe zugeteilt“) ebenfalls ein quasi-randomisiertes Design zugrunde (1). Bei Mielke heißt es: „Der andere Teil der Studie stellt die ersten 30 navigierten Fälle prospektiv einer Vergleichsgruppe von 30 Fällen, die in konventioneller Weise versorgt wurden, gegenüber.“ Jenny führt aus: „50 Patienten wurden mit dem Navigationssystem Orthopilot operiert. Weitere 50 Patienten wurden einer Serie von 400 unter der gleichen Indikationsstellung und mit der gleichen Prothese konventionell operierten Patienten entnommen.“ Hart gibt an: „Die Patienten wurden während ihrer Erstvorstellung zufällig selektiert“. Fasst man die Studienergebnisse nicht in dichotomer Form zusammen, sondern summiert die Abweichungen von der mechanischen Achse in Grad, ergibt sich darüber hinaus ein anderes Bild als von den Autoren gezeichnet: die Navigation tendiert zum Valgus, die konventionelle Implantation zum Varus (gewichtete Mittelwertdifferenz, random-effects-Modell: –0,19°, 95Prozent Konfidenzintervall –0,50 –0,11°). Fazit: Die Navigation stellt ein plausibles, innovatives, aus der Endoprothetik und Wirbelsäulenchirurgie nicht mehr wegzudenkendes Verfahren dar. Analog zur laparoskopischen Cholezystektomie wird ihr Siegeszug wohl auch ohne die Ergebnisse valider RCTs unaufhaltsam sein. Ein Leserbrief im Lancet unterstreicht: „Wenn alles doppelblind, randomisiert und evidenzbasiert sein muss – wo bleiben dann die neuen Ideen (2)?“. Interessieren ausschließlich Surrogat-Endpunkte, wie zum Beispiel die radiologische Achsabweichung, ist es möglicherweise unerheblich, ob eine Studie randomisiert oder nichtrandomisiert durchgeführt wird. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung muss aber eine scharfe Begriffstrennung erfolgen und die Hierarchie der wissenschaftlichen Beweiskraft eingehalten werden.

Literatur
1. Perlick L, Bäthis H, Tingart M, Perlick C, Grifka J: Navigation in total-knee arthroplasty: CT-based implantation compared with the conventional technique. Acta Orthop Scand 2004;75:464–70.
2. Wu J: Could evidence-based medicine be a danger to progress? Lancet 2005; 366:122.

Dr. med. Dirk Stengel
Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp

Dr. med. Dirk Stengel
Zentrum für Klinische Forschung, Unfallkrankenhaus Berlin
Warener Straße 7, 12683 Berlin
E-Mail: stengeldirk@aol.com
1.
Perlick L, Bäthis H, Tingart M, Perlick C, Grifka J: Navigation in total-knee arthroplasty: CT-based implantation compared with the conventional technique. Acta Orthop Scand 2004;75:464–70. MEDLINE
2.
Wu J: Could evidence-based medicine be a danger to progress? Lancet 2005; 366:122. MEDLINE
1. Perlick L, Bäthis H, Tingart M, Perlick C, Grifka J: Navigation in total-knee arthroplasty: CT-based implantation compared with the conventional technique. Acta Orthop Scand 2004;75:464–70. MEDLINE
2. Wu J: Could evidence-based medicine be a danger to progress? Lancet 2005; 366:122. MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige