ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2006Die Begegnung mit einem klassischen Arzt

VARIA: Feuilleton

Die Begegnung mit einem klassischen Arzt

Brandis, Jürgen

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Das also ist der Grund. Ich dachte schon, es wäre das Alter. Die Finger zitterten bereits seit Monaten, intensiver, als ich es mir leisten kann.
„Ich würde mich operieren lassen“, sagt der Radiologe und nennt mir den Namen eines Oberarztes der Chirurgie im größten Krankenhaus des alten Westberlin. Nach einigen erfolglosen Versuchen habe ich den mir bislang unbekannten Kollegen am Telefon. Kurze Schilderung der Situation, einige Rückfragen, morgen ist der Vorstellungstermin.
Ein seltener Menschentyp
Irgendwann steht er dann vor mir, höflich, freundlich, zupackend. Hört die Krankengeschichte, sieht meine Hände, meinen Hals, die Laborwerte, das Szintigramm, stellt Fragen zur familiären und beruflichen Situation. Nach einem Telefongespräch schlägt er mir einen OP-Termin in drei Tagen vor. So habe ich mir Ärzte im Krankenhaus immer vorgestellt, so sind sie jedenfalls mir meist begegnet. Doch dieser Menschentyp scheint seltener geworden zu sein, das System lässt es nicht mehr zu. Am Aufnahmetag soll ich mich ab
7 Uhr bereithalten. Ich bin es ab 6, knöpfe das Hemd am Hals hinten zu, ziehe die Thrombose-Strümpfe an und warte. 6.30. „Bitte schlucken Sie diese Tablette mit einem kleinen Schluck Wasser. Sind Sie bereit?“ Das Bett rollt durch die Gänge, Aufzug runter, Aufzug rauf, ringsherum geschäftiges Treiben, Lampen an der Decke, eine Schleuse. „Viel Glück.“ „Können Sie hier rüberrutschen? Wir ziehen Ihnen das Hemd aus.“ Auf
mir liegt eine flauschige, angewärmte Decke. „Ich bin Schwester Heike, die Anästhesieschwester, und werde Sie ab jetzt begleiten.“ Eine kleine warme Hand greift nach meiner Linken. Blaue Augen kommen ganz nah. „Ist alles in Ordnung?“ „Ich lege Ihnen jetzt einen Zugang am Handrücken.“ Ich liege still und bin ganz ruhig. Diese Augen . . . Geräusche. Das Bett rollt, dann wieder Ruhe. Meine linke Hand ist wie festgebunden, am Hals hängt irgendetwas. Wo sind diese . . .? Der Versuch, den Kopf zu schütteln, misslingt. Ich wollte doch noch Danke sagen.
Eine fast unsichtbare Narbe
Am Abend sitzt der Oberarzt am Bett, entschuldigt sich dafür, ruhige, kleine Augen hinter blitzenden Gläsern. Müde sieht er aus, berichtet: „Hemithyreoidektomie links, Recurrens präpariert und erhalten, rechts kleine Knötchen, unbedeutend, Nebenschilddrüsen am Ort belassen. Haben Sie Schmerzen? Sagen Sie bitte Ha-Ho-Hi. Sie sollten sich einen tüchtigen Endokrinologen suchen . . .“ Das Telefon plärrt, ruft ihn weg. Was folgt, ist Routine. „Und jetzt Beine baumeln, na also.“
Extraktum: An einem Dienstag habe ich den mir bis dahin unbekannten Oberarzt telefonisch um Hilfe gebeten, am nächsten Tag mich vorgestellt, am folgenden Montag wurde ich aufgenommen, am Dienstag operiert, am Donnerstag entlassen. Am nachfolgenden Montag war ich wieder an meinem Arbeitsplatz. Geblieben ist eine fast unsichtbare Narbe, die Erinnerung an blaue Augen und die Begegnung mit einem klassischen Arzt, einem von denen, die dieses gesamte erbärmliche System tragen und von deren Existenz und Bedeutung die ständig daherplappernde politische Klasse nicht die geringste Ahnung hat. Und ich bin einfach dankbar und ahne wieder, was mich einst zur Medizin trieb. Dr. med. Jürgen Brandis
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