ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2006Zweitmarkt: Verkaufen statt kündigen

Versicherungen

Zweitmarkt: Verkaufen statt kündigen

Dtsch Arztebl 2006; 103(1-2): [107]

Löwe, Armin

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Foto: Becker & Bredel
Foto: Becker & Bredel
Statistisch betrachtet wird jede zweite Lebensversicherung vorzeitig aufgelöst. Bei Policen mit einer Laufzeit von mehr als 30 Jahren ist die Stornoquote mit 76 Prozent besonders hoch. Der Grund kann eine Notlage sein. Manchmal ist es auch sinnvoll, ein Praxisdarlehen mit dem Erlös zu tilgen, um Spielraum für andere Investitionen zu gewinnen. Oder der Versicherte möchte vorzeitig in den Ruhestand treten. Ein Motiv mag auch die derzeit unbefriedigende Rendite von etwas mehr als vier Prozent sein.
In der Regel wird die Versicherung gekündigt, doch das ist ein schlechtes Geschäft für die Versicherten, nicht für die Versicherungsgesellschaften. Im letzten Jahr wurden Verträge mit einem Wert von mehr als 12,5 Milliarden Euro storniert. Der Rückkaufswert, den die Versicherungsgesellschaften auszahlen, liegt oft deutlich unter dem bereits erwirtschafteten Guthaben der Lebensversicherung. Bei der Auszahlung ziehen die Versicherungsgesellschaften die Stornoquote ab, die zehn bis 15 Prozent ausmachen kann. Damit haben die Versicherten, die sich vorzeitig ihre Versicherung haben auszahlen lassen, mehr als eine Milliarde Euro verschenkt.
Noch höher ist die Einbuße, wenn der Vertrag vor Ablauf von zwölf Jahren storniert wird. Dann muss auch noch die Kapitalertragsteuer plus Solidaritätszuschlag in Höhe von insgesamt 26,375 Prozent an den Fiskus abgeführt werden. Die Folge ist, dass die Versicherten weniger wieder herausbekommen, als sie an Beiträgen eingezahlt haben.
Der Grund dafür liegt im Provisionierungssystem der Versicherungsgesellschaften. Denn bei Vertragsabschluss zahlt die Versicherung dem Vermittler (Versicherungsvertreter) die Provision für die ganze Vertragssumme. Diese wird dem Konto des Versicherten belastet, der durch seine Beiträge dieses Konto zunächst einmal ausgleichen muss. Dieses Verfahren nennt man Zillmerung – nach dem Erfinder des Systems, dem Versicherungsmathematiker August Zillmer (1831–1893). Die Zillmerung bringt es mit sich, dass in den ersten Jahren noch kein Guthaben erwirtschaftet werden kann.
Es gibt indes eine Alternative zur Kündigung der Lebensversicherung: den Verkauf der Lebensversicherung am Zweitmarkt. Seit 1999 ist ein solcher Zweitmarkt entstanden – mit der Gründung des Unternehmens cash.life, das heute Marktführer ist.
Inzwischen sind sechs Anbieter hinzugekommen, die kündigungswilligen Versicherten die Policen abkaufen (Tabelle).
In Großbritannien ist es schon lange üblich, die Versicherung am Zweitmarkt zu verkaufen. Dort hat sich vor vielen Jahren ein funktionsfähiger Zweitmarkt entwickelt. Die Versicherungsgesellschaften sind sogar dazu verpflichtet, die Versicherten, wenn sie ihre Kündigungsabsicht der Versicherung mitteilen, darauf hinzuweisen, dass sie ihre Policen auch über dafür eigens zugelassene Makler am Zweitmarkt verkaufen können. Eine solche Informationspflicht wird auch für Deutschland gefordert. Denn die meisten Versicherten wissen nicht, dass sie ihre Versicherung auch am Zweitmarkt verkaufen können.
Ein Beispiel für die Vorteilhaftigkeit des Verkaufs am Zweitmarkt (von cash.life): Ein 54 Jahre alter Mann steht vor der Frage, ob er seine Versicherung kündigen soll. Die Police läuft elf Jahre und hat noch eine Restlaufzeit von drei Jahren. Die Versicherung kommt auf einen Rückkaufswert von 39 906,94 Euro. Davon muss die Kapitalertragsteuer (3 809,28 Euro) abgezogen werden, es ergibt sich ein Erlös von 36 097,66 Euro. cash.life zahlt für diese Police 40 537,77 Euro, 12,4 Prozent mehr, als die Versicherung bei einer Kündigung auszahlt. Denn bei Verträgen, die noch keine zwölf Jahre laufen, geht die Steuerpflicht auf cash.life über. Hinzu kommt noch, dass dem Versicherten bei einer Kündigung Schlussüberschussanteile verlorengehen.
Der Todesfallschutz bleibt erhalten. Stirbt der Versicherte wird die Versicherung abgerechnet. Der Erwerber erhält die ihm entstandenen Kosten und anteilig bis zum Versicherungsfall die Zinsen sowie sämtliche gezahlten Beiträge zurück. Die verbleibende Differenz der Todesfallsumme wird an die Erben ausgezahlt.
So läuft das Geschäft ab: Der Versicherungsschein muss eingereicht und ein Kundenfragebogen ausgefüllt werden. Der Provider prüft den Ver-
sicherungsschein und unterbreitet ein Angebot. Das ist bei allen Aufkäufern kostenfrei; es ist also möglich, unverbindlich mehrere Angebote einzuholen und sich für das beste zu entscheiden.
Mit der Unterschrift des Versicherten wird der Vertrag verbindlich. Der Kaufpreis wird ausgezahlt, wenn die Bestätigung des Versicherers vorliegt, dass die Rechte und Pflichten des Vertrages an den Investor übergegangen sind.
Aber nicht jede Versicherung eignet sich zum Verkauf. Es können nur Lebensversicherungen von deutschen Versicherungen verkauft werden. Es darf sich auch nicht um eine Fondspolice und keine Direktversicherung handeln. Und es können nur Policen ab einem Mindestkaufpreis verkauft werden, der je nach Aufkäufer schwankt. Armin Löwe
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Tabelle: Firmen, die auf dem Zweitmarkt Policen ankaufen

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